Elisabeth Pfluger, die Solothurner Volkskundlerin, ist am Mittwoch im Solothurner Pflegheim Terzianum 98-jährig verstorben. Just als das 18-Uhr-Glöcklein des nahen Klosters Namen Jesu zu Ende läutete, habe sie ihren letzten Atemzug getan, schildert ihre Nichte. Sie berichtet, dass die Kräfte der gebürtigen Härkingerin in den letzten Wochen zusehens geschwunden seien. Von einer starken Grippe Anfang dieses Jahres habe sie sich nie mehr richtig erholt.

Elisabeth Pfluger wurde am 21. Oktober 1919 in Härkingen geboren. Ihr Vater war als Landwirt und Wirt eine starke Persönlichkeit, ebenso ihre Mutter. Zeit ihres Lebens erzählte Elisabeth Pfluger gerne von ihrer Kindheit in der Wirtschaft «Zum Pflug» und ihrem Mueti und Vatti. Schon in ihrer Schulzeit sammelte sie Anekdoten und Geschichten aus ihrer Heimatregion, dem Gäu.

Später, als junge Lehrerin in Solothurn weitete sie ihr Sammlungsgebiet aus und verschrieb sich der gesamten solothurnischen Volkskultur. Das Rüstzeug dafür holte sie sich ab 1945 in Kursen an der Uni Basel, wo sie sich in Volkskunde, Literatur, Kunst und Psychologie weiterbildete.

Im Lauf der Jahre legte sich Elisabeth Pfluger ihre ganz eigene Methodik des Sagen- und Geschichtensammelns zu. Sie suchte sich in jedem Bezirk des Kantons Personen, die sich mit alten Geschichten auskannten, und liess diese erzählen; Oral History nennt man das heute. Sie selbst hielt diese Gespräche teilweise auf Band fest, meist aber schrieb sie sie in ein Notizbuch. Wichtig war ihr immer, die eigenen Dialekte der Erzähler festzuhalten. So sind ihre Geschichten immer im ganz besonderen Idiom der Quelle niedergeschrieben worden.

1971 wurde sie von der Regierung für die Publikation eines Sagenbuches vom Schuldienst freigestellt und das Buch «Solothurner Sagen» erschien ein Jahr später. Diesem Band, herausgegeben vom Regierungsrat, folgten 1984 die «Solothurner Geschichten» und 1986 «Solothurner Geistersagen».

1981 beendete Elisabeth Pfluger ihre Lehrertätigkeit und begann, ihre Sammlungstätigkeit auszubauen. Bereits kannte man die energische Frau, die mit ihrem weissen VW-Käfer überall in Dörfern, Weilern und auf Berghöfen unterwegs war und Angst vor Hunden hatte. Ihr ist zu verdanken, dass viele solothurnische Kunsthandwerke wie das Ostereierritzen, Palmenbinden, traditionelle Rezepte oder Trachtentänze vor dem Vergessen bewahrt blieben.

Die Geschichten, die sie hörte, tippte sie mit der Schreibmaschine ab und legte die A4-Blätter fein säuberlich nach Gemeinden geordnet in Klarsichtmäppchen. Oder sie stellte die Anekdoten nach Ereignissen zusammen: «Osterbräuche», «1. Mai-Anekdoten», «Samichlaus-Geschichten». Einen Computer hat sie sich nie angeschafft: «Da hab ich wohl den richtigen Zeitpunkt verpasst», meinte sie dazu bloss.

Der Niedergang einer vielfältigen Verlegertätigkeit im Kanton traf auch Elisabeth Pfluger hart. Sie hatte noch so viel Stoff für Geschichtenbücher zusammengestellt, doch wurde es immer schwieriger, einen Verleger zu finden. So kamen einige der letzten Publikationen im Eigenverlag heraus, die beiden letzt-erschienen aber konnte sie beim Verlag Alte Käserei von Claudia Brander aus Fulenbach unterbringen. Darüber war sie sehr glücklich.

21 Bücher hat Pfluger im Lauf ihres Schaffens publiziert. Von 1983 bis 2005 war sie zudem Herausgeberin des «Solothurner Kalenders». Immer wieder wurde die Volkskundlerin von Lesern eingeladen, über ihre Sammlungstätigkeit zu berichten und ihre Geschichten vorzulesen. Bis ins hohe Alter hinein tat sie das gerne und oft. Mehrmals war sie auch Gast am Radio, wo sie in ihrer unnachahmlichen Art im Gäuer Dialekt ihre Geschichten – aber auch vergessene Volksmusik – vorstellte.

Aufsehen erregte die Seniorin vor zwei Jahren, als sie unfreiwillig ihren Fahrausweis abgeben musste. Sie beklagte sich damals bitterlich, dass man ihr damit ihre Arbeit verunmöglichte. Auf diesen Tiefpunkt folgte dann gleich ein Höhepunkt: 2017 erhielt sie einen Anerkennungspreis des Regierungsrates, nachdem sie schon 1981 einen Kulturpreis und 2001 den Preis Pro Wartenfels entgegennehmen konnte.