Sie kennen das Leben und die Menschen. Jörg Schneeberger und Doris Gut. Er, der fast 40 Jahre lang als Sekundarschullehrer in der Region Biel arbeitete und sich dabei stets mit Herzblut für Schulprojekt aller Art engagiert hat. Und sie, die sich in Rheinau im Zürcher Weinland ebenfalls viele Jahre lang Tag für Tag um das Wohl ihre Kundschaft am Schalter der dortigen Poststelle kümmerte. Dabei hat sie so manche Alltagssorgen mitbekommen, auch von psychisch kranken Menschen, die im nahe gelegenen Psychiatriezentrum betreut worden sind. «Ich habe keine Berührungsängste mit Menschen unterschiedlichster Art», sagt sie. Beide sind seit geraumer Zeit ein Paar, beide haben erwachsene Kinder, die längst ausgeflogen sind.

Seit knapp einem Jahr verbindet Jörg Schneeberger (63) und Doris Gut (57) ein gemeinsames Projekt. In Zusammenarbeit mit den Kantonen Bern und Solothurn bieten sie in ihrem Haus in Biel psychisch kranken Menschen ein Zuhause an. Während in Bern solche Gastfamilien in der Langzeitbegleitung von Menschen mit einer psychischen Beeinträchtigung längst etabliert sind, steckt das Projekt im Kanton Solothurn noch in den Kinderschuhen. Derzeit testet die Solodaris Stiftung in Zusammenarbeit mit dem Kanton die Idee der Gastfamilie im Rahmen eines Pilotprojekts. Neben Jörg Schneeberger und Doris Gut öffnen zwei weitere Familien –  aus Zuchwil und Kienberg – ihre Wohnungen oder Häuser für Gäste mit psychischen Problemen. Insgesamt könnten sie sechs Frauen oder Männer aufnehmen, derzeit sind zwei Plätze besetzt (siehe dazu auch den Text rechts).

Eine Art Ersatzeltern

Das Paar aus Biel beherbergt aktuell eine Person, die in ihrer Kindheit Schlimmes erlebt hat. Nach einem stationären Klinikaufenthalt wohnt diese seit einigen Monaten als Gast im Haus von Jörg Schneeberger und Doris Gut. Sofern es die Gesundheit der Person zulässt, geht sie einer Beschäftigung nach. Es bleibt aber immer noch genügend Zeit, die sie mit ihrer Gastfamilie verbringt. Dazu gehören die gemeinsamen Mahlzeiten, oder auch mal ein Sonntagsausflug. «Wir sind fast so etwas wie Ersatzeltern für sie geworden», sagt Doris Gut ein wenig stolz.

Und wie das die beiden mit ihren eigenen Kindern erlebt haben, gibt es auch jetzt so manche kleine Auseinandersetzung. Zum Beispiel landet am Abend, wenn ihr Gast müde nach Hause kommt, die Tasche irgendwo in einer Ecke. Und die Mithilfe im Haushalt sei auch nicht immer beliebt, hält der ehemalige Lehrer schmunzelnd fest. «Wir räumen dann aber nicht einfach hinterher», ergänzt Doris Gut, die seit einigen Monaten zu 100 Prozent als Hausfrau tätig ist. Im Unterschied zu ihren eigenen Kindern, die sie ab und zu mit einem gröberen Tadel an ihre Pflichten erinnert hat, versucht sie es bei der psychisch kranken Person mit einem humorvollen Spruch. «Wir sind uns selbst und nehmen dabei die Bedürfnisse unseres Gastes ernst», unterstreicht Jörg Schneeberger. «Dazu gehört, unsere Augen offen zu halten und Unterstützung zu leisten, wo wir können.» Sehr sensibel etwa reagiert die Person auf bestimmte Darstellungen im Fernsehen, auch im Rahmen der Nachrichten. Oft hat ihr Gast auch keine Lust, sich mit ihnen zu unterhalten. Doris Gut: «Wir sind dann einfach für die Person da, ohne sie zu irgendetwas überreden zu wollen.» Neben der Rücksichtnahme in Alltagsdingen können auch grössere Sorgen dazu kommen, zum Beispiel wenn ihr Gast am Abend nicht wie abgemacht nach Hause kommt.

«Wir sind keine Therapeuten»

«Wieso macht ihr das eigentlich?», werden die beiden immer wieder von ihren Freunden gefragt. «Ich setze mich gerne für soziale Anliegen ein», sagt der ehemalige Lehrer. Es mache zudem Freude, die – manchmal auch nur kleinen – Fortschritte zu beobachten. Zum Beispiel wenn ihr Gast am Morgen leichter aus dem Bett kommt oder selbstständig übers Internet einen Schrank bestellen kann. Jörg Schneeberger: «Solche Erfolgserlebnisse sind es, die uns stark motivieren, weiter zu machen.» Reich werde man jedenfalls nicht, auch wenn die Gastfamilien für ihr Engagement einen Beitrag erhalten. In ihrem Haus könnten Jörg Schneeberger und Doris Gut zwei oder sogar drei Gäste unterbringen. Das würde dann auch genügen, um den Lebensunterhalt zu bestreiten. Derzeit geht Schneeberger noch einer Nebenbeschäftigung nach. Bei aller Freude am sozialen Engagement gelte es die Grenzen zu respektieren, betont Doris Gut. «Wir sind keine Therapeuten, tauchen grössere Probleme auf setzen wir uns sofort mit den Profis in Verbindung.»

Wenn weiterhin alles rund läuft, möchten die beiden in den nächsten sieben bis acht Jahren Gäste bei sich aufnehmen. Nicht planbar ist jeweils, wie lange diese Gäste ihre Gastfreundschaft tatsächlich in Anspruch nehmen.