Der Weg der Zeitung
Sie bleibt auch im Puschlav dank gedrucktem «Solothurn» up to date

Rosa Zanetti lebt im äussersten Zipfel der Schweiz, im Puschlav. Auch nach 30 Jahren in der Ferne bleibt die 88-Jährige, die ehemals in Gerlafingen lebte, «ihrem» Blatt treu.

Samuel Misteli
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Rosa Zanetti freut sich täglich über «ihre» Zeitung aus dem Unterland.

Rosa Zanetti freut sich täglich über «ihre» Zeitung aus dem Unterland.

Zur Verfügung gestellt

Es ist ein weiter Weg, den jeweils ein Exemplar der Solothurner Zeitung täglich zurücklegt: Quer durch das ganze Mittelland, durch Bündner Bergtäler, zum äussersten Zipfel der Schweiz, ins Puschlav. «Ich möchte meine Solothurner Zeitung nicht missen», sagt die Abonnentin, Rosa Zanetti. Seit bald sechzig Jahren hält die bald 88-Jährige der Zeitung die Treue, und sie sagt, sie werde das tun, bis sie sterbe.

Hinter dem lupenreinen Bündner Dialekt, den Rosa Zanetti spricht, verbirgt sich eine enge Verbundenheit mit der Region Solothurn: «Wenn ich im Puschlav ein Auto mit Solothurner Kennzeichen sehe», sagt die treue Abonnentin, «dann berührt mich das.» Rosa Zanetti hatte ausreichend Zeit, eine emotionale Bindung zur Region zu entwickeln: Knapp dreissig Jahre lebte sie in Gerlafingen, wohin sie ihrem Mann gefolgt war. Dieser stammte wie sie aus dem Puschlav, hatte aber im Stahlwerk angeheuert, wo er als Schlosser arbeitete.

Als Aufseherin im Gefängnis

Rosa Zanetti fühlte sich nach ihrer Ankunft 1953 in Gerlafingen rasch heimisch und langweilig sollte es ihr in den folgenden Jahren nicht werden: Sie sorgte für die beiden Kinder, arbeitete zunächst als Putzfrau und später im Service – auf dem Weissenstein, im «Attisholz» und der Solothurner «Krone» –, wo sie etliche Kontakte knüpfte.

Als die Zanettis Anfang der 80er-Jahre nach der Pensionierung des Ehemannes ein Haus in Brusio kauften, schloss sich für Rosa Zanetti ein Kreis: Mit 17 war sie von zu Hause weggegangen, um sich als Dienstmädchen in Küsnacht zu verdingen. Vor der Hochzeit und dem Umzug nach Gerlafingen hatte sie während vier Jahren im Churer Gefängnis die weiblichen Gefangenen beaufsichtigt und dabei gelernt, «dass die Kleinen im Gefängnis sitzen und die Grossen draussen rumlaufen». Nun zog sie zurück ins Puschlav, in ein Haus, das unmittelbar neben dem Bauernhof lag, auf dem sie aufgewachsen war.

Von den Bergen schier erdrückt

Die Heimkehr fiel ihr anfänglich nicht leicht: «Ich habe gelitten, als wir aus Gerlafingen fortgingen», sagt sie. Die Bündner Berge hätten sie zu Beginn schier erdrückt. Doch sie gewöhnte sich schliesslich von Neuem an die alte Heimat und ist hier heute zufrieden: Sie erzählt gut gelaunt von ihrer Tochter, die im nahen Celerina lebt, von ihrem Sohn Roberto, der als Ständerat den Kanton Solothurn in Bern vertritt, von ihrem Grosskind. Und nachdem sie das Gespräch mit dem Journalisten für einen kurzen Schwatz mit der Nachbarin unterbrochen hat, schwärmt sie auch von der guten Atmosphäre in der Nachbarschaft.

Untätig werden mag Rosa Zanetti noch lange nicht: Auf Trab hält sie neben den Verwandten und den Nachbarn ihr grosses Haus, das sie mit viel Eifer im Schuss hält («Nur aufs Abstauben bin ich nicht so scharf»). Dazu kocht sie noch immer täglich und verarbeitet die Beeren, die ums Haus wachsen, zu Konfitüre. Und schliesslich ist da noch die Zeitung, die ihr der Briefträger meistens pünktlich um zehn Uhr morgens bringt. Dank dieser ist sie bei ihren regelmässigen Besuchen in Gerlafingen auf dem Laufenden, was sich dort in der Zwischenzeit getan hat.

Zum Lesen hatte sie jüngst noch etwas mehr Zeit: Sie musste sich im Spital von den Folgen eines nächtlichen Sturzes und einer Lungenentzündung erholen. «Andere in meinem Alter sterben daran», stellte sie gegenüber ihrem Arzt selber lakonisch fest. Über den Weg «ihrer Zeitung» wünschen wir ihr weiterhin gute Besserung.