«Jagen?» Wenn Elisabeth Bieli von ihrem Hobby erzählt, geht bei manchen das Kopfkino los. Schiessen, ballern, kleine Rehe erlegen. Viele denken zuerst ans Töten. Und der Herrenwitz mit der jagenden Frau brennt dann schon auf der Zunge. Doch für solche Spässe hat Bieli nur ein müdes Lächeln übrig. «Jagd ist keine Frage des Geschlechts», sagt die 57-Jährige. Natürlich schwingt da auch ein wenig Stolz mit.

Ein milder Herbstmorgen in Aedermannsdorf, der Nebel hängt tief in die Jurahügel. Vor dem Giebeldachhaus am Dorfrand steht ein grünlackierter Geländewagen mit grosser Ladefläche. Elisabeth Bieli, eine zierliche, elegante Frau mit lautem Lachen, führt uns ins Haus und bittet ins gemütliche Wohnzimmer. Allein die Kulisse des Gesprächs überrascht. Hier das Geweih an der Wand, dort die Türe zu Bielis Coiffeursalon; hier die vermeintliche Männerdomäne, dort der typische Frauenberuf. Später, am langen Holztisch bei einem Glas Wasser, erzählt Bieli: «Ich gehe zur Jagd, weil ich die Natur liebe.»

Wenn das Schema lockt

Das Schema «Frau in Männerdomäne» lockt, doch damit wird man dieser Frau niemals gerecht. Geradezu antiquiert scheint nun die Frage: Wie passt die Jagd zu Elisabeth Bieli? Wir stellen sie trotzdem, und sie antwortet gelassen. «Das Jagdwesen steht jedem offen. Was zählt sind Charakter und Ausbildung.» Eine klare Ansage.

Es sind immer öfter Frauen, die durch den Wald streifen, die Natur pflegen und Wild erlegen. Der Frauenanteil nähert sich im Kanton Solothurn langsam der Fünfprozentmarke. 34 Frauen haben 2014 einen Jagdpass gelöst. Und unter den sechs Personen, die in diesem Jahr ihre Jagdprüfung abgelegt haben, waren vier Frauen.

Ein Schuss, ein Treffer

Elisabeth Bieli war die erste Frau im Thaler Revier 31. Widerstände musste sie deswegen jedoch kaum überwinden – die Jägerin setzt auf die Kraft der Offenheit: «Von Einzelnen wurde ich kritisch beäugt, da habe ich sofort das Gespräch gesucht.» Wenn sie von ihrer Passion berichtet, tut sie das mit sanfter, aber bestimmter Stimme. Jagen, sagt sie, ist Faszination und Berufung. Draussen sein, wenn es Tag wird. Die Freiheit auskosten. Bittet man Bieli um ein Beispiel, denkt sie ans erste Schwarzwild, das sie erlegt hat.

Eine eisige Nacht im Februar 2006. Elisabeth Bieli pfeift der Wind um die Ohren, die Wiesen sind schneebedeckt, das Thermometer zeigt Minusgrade. Die Jägerin sichert die Umgebung und prüft mit ihrer Atemwolke den Wind. Einige Zeit wird sie hier sitzen, möglichst leise, möglichst bewegungslos. Warten und beobachten. Plötzlich knacken die Äste, ein Wildschwein trabt aus dem Dickicht. Der Lauf ihrer Büchse fährt mit. Bieli stockt der Atem, doch sie drückt nicht ab. «Die Distanz war zu gross», weiss sie. So gross, dass sie nicht sicher sein konnte, zu treffen. Wenig später raschelt es wieder im Gebüsch, eine zweite Sau stürmt über die Wiese. Bieli geht in Stellung und nimmt das Tier ins Visier. Diesmal zögert sie nicht: ein Schuss, ein Treffer. «Die Sau ist im Feuer zusammengebrochen», sagt die Fachfrau. Jetzt ist das Gefühl da, das manche Passion nennen, andere Jagdfieber. «Du spürst das Adrenalin», sagt Bieli, «deine ganze Aufmerksamkeit ist gefordert.» Noch an Ort und Stelle macht sie sich ans Aufbrechen des Tieres – so bezeichnen Jäger das Ausnehmen und Ausblutenlassen.

Vor 17 Jahren war Elisabeth Bieli zum ersten Mal auf einer Jagd dabei, damals noch im Schlepptau ihres Lebenspartners Josef Bader. Doch eigentlich hat sie schon da gespürt: Das könnte auch ihr Ding werden. Der Wald, die Bräuche, die Gemeinschaft. 2005 nahm sie schliesslich die Jagdprüfung in Angriff, «ein wenig Überzeugungsarbeit brauchte es dann schon noch».

Bis dahin hat die Coiffeuse nie eine Waffe in den Händen gehalten. Am Anfang habe das viel Überwindung gekostet, sagt Bieli. «Aber jetzt habe ich mich ans Schiessen gewöhnt.» Was die Jägerin in ihrer Bescheidenheit verschweigt: Unter Kollegen geniesst sie längst den Ruf einer sicheren Schützin. Als Jagdaufseherin und Schweisshunde-Führerin ist Bieli ohnehin nicht mehr aus dem Revier wegzudenken. Ihr Gefährte Bodo gehört zur Rasse der steirischen Hochgebirgsbracke, fast täglich streift sie mit ihm durch den Wald und beobachtet Wildtiere.

«Es geht nicht ums Erlegen»

In der Ausbildung werden die angehenden Jäger zu Experten für Wald und Tier, erklärt Bieli. «Es geht nicht darum, möglichst viel Wild zu erlegen.» Früher diente die Jagd der Nahrungssicherung. Heute steht die Hege, der Schutz von Pflanzen und Tieren, an erster Stelle. Die Wildbestände sollen gesund und artenreich gehalten werden. Jäger sind gesetzlich dazu verpflichtet, die Abschussvorgaben einzuhalten. Und jeder müsse bereit sein, Fragen von Waldgängern zu beantworten: «Wir sind sensibilisiert für Themen rund um Jagd und Wald.» Ob der weibliche Charme da sein Übriges tut?

Für den Kaffee bleibt keine Zeit. Elisabeth Bieli schlüpft in olivgrüne Hosen und zieht sich eine Leuchtjacke über. Auch der Filzhut darf nicht fehlen. Bevor sich die erste Kundin an diesem Morgen von Bieli die Haare schneiden lässt, muss ein kurzer Abstecher in den Wald drinliegen. Wir setzen uns ins Auto, rumpeln über einen Feldweg und erreichen eine Waldlichtung einige hundert Meter nordöstlich vom Dorf.

Bieli lässt ihre Augen von links nach rechts schweifen, den wachsamen Blick einer Jägerin. «Den Herbst mag ich besonders», sagt die Jägerin. Vor einigen Tagen hat sie wieder begonnen, die Treibjagd-Saison. Für Bieli der Höhepunkt des Jahres. Die Jäger dürfen in der Zeit nicht nur schiessen, sie müssen sogar. So will es das Gesetz.