«Das passiert mir nicht.» Sexuelle Belästigung? «Nein, das passiert mir nicht», dachte sich Deborah S.*. Sie hat Familie, über 20 Jahre Berufserfahrung, und noch nie sexuelle Belästigung erlebt. Dann ist es aber doch passiert. Der Chef habe schon in der Vergangenheit «unpassende» Sprüche gemacht. Anzügliche Kommentare oder Komplimente, die so gar nicht in den Kontext des Berufsalltags gepasst hätten. «Das hat schon hellhörig gemacht», erzählt sie. «Es war ein ungutes Gefühl.»

Aber eine sichtbare Grenze ist nie überschritten worden. Gewehrt hat sich deshalb keine der betroffenen Mitarbeiterinnen. Bis S. eines Tages alleine mit dem Chef gearbeitet hat. Die Situation endete mit einer «übergriffigen Berührung», sagt S. Genaueres will sie nicht bekannt geben. S. dachte zwar nicht «Jetzt bin ich sexuell belästigt worden» – aber ihr war sofort klar «Das geht nicht». Entsprechend auch ihre Reaktion: «Geits no?!»

«Das ist kein Thema bei uns»

Es beginnt mit Sprüchen. Dann Betatschen, Abpassen, wenn andere nicht mehr im Büro sind, und Bedrängen. An diesem Punkt suchen Betroffene dann Hilfe – zum Beispiel bei der Opferhilfe Aargau Solothurn, erklärt Stellenleiterin Susanne Nielen Gangwisch. Viele sind das aber nicht. «Es sind immer gleich wenige», sagt Nielen auf die Frage, wie oft sie damit zu tun haben.

Was aber nicht daran liegt, dass es ausser S. keine anderen Betroffenen im Kanton gibt. «Für manche ist das Thema schlicht alltäglich. Sie wollen es nicht wahrhaben – oder einfach vergessen», und sprechen deshalb nicht darüber, so Nielen. «Andere hören den Begriff Opferhilfe und denken, hier dürfen sich nur Menschen melden, denen Schlimmeres widerfahren sei.» Und behalten es deshalb für sich.

So war S. die einzige, die sich nach so einigen Anfragen dazu bereit erklärte, über das Erlebte zu sprechen – wenn auch anonym. Laut Studie erlebt aber fast die Hälfte der Erwachsenen einmal im Berufsleben «potenziell belästigende Verhaltensweisen». Zweideutige Witze oder Nachpfeifen. Was aber nicht immer sexuelle Belästigung ist – sondern nur dann, wenn sie von der betroffenen Person als solche empfunden wird.

Die meisten Betroffenen gibt es etwa in den Branchen Gastgewerbe oder Nahrungsmittelindustrie. Im Banken- und Versicherungswesen oder im Detailhandel trifft es überdurchschnittlich viele Frauen. Männer werden laut Statistik am häufigsten im Gesundheits- und Sozialwesen sexuell belästigt. Bei den entsprechenden Berufsverbänden im Kanton heisst es auf Anfrage aber: Das sei kein Thema. Man könne nicht weiterhelfen. Andere Betroffene springen ab, wollen «nicht mehr darüber reden.»

Aufwändiges Wehren

S. hat schnell reagiert, nachdem sie mit sich vereinbart hatte, den Regelverstoss nicht unbeantwortet zu lassen. Rechtlicher Beistand, Gespräche mit dem Vorgesetzten, dieser arbeitet seither nicht mehr mit ihr zusammen. Das Ganze war in weniger als einem halben Jahr erledigt. S. weiss, dass das auch länger gehen kann. Beispielsweise wenn Strafanzeige gestellt wird – die viel Zeit und Geld kostet, und nur in wenigen Fällen Erfolg bringt, weil es oftmals keine Zeugen gibt.

Es käme einem schon quer, so S.: Es brauche viel «Energie», sich überhaupt zu wehren. Und dabei sei doch einem selbst Unrecht widerfahren, wogegen man sich wehren solle und auch dürfe. S. ist froh, dass die Sache vorbei ist. Und kann darüber reden. «Das hat aber auch mit meiner Sachlichkeit, meiner Erfahrung zu tun.» Geholfen habe ihr zudem, dass gerade das jüngere Umfeld sie bestätigt hat – auf ihre Erzählungen reagiert hat mit: «Das geht nicht!». Rückmeldungen aus ihrer Generation seien nicht so klar. Dabei stehe ihr klar Schutz zu – das steht sogar im Gesetz.

Kanton zeigt Nulltoleranz

Laut Arbeitsgesetz ist der Arbeitgeber nämlich verpflichtet, seine Mitarbeiter zu schützen. Ihre Integrität darf nicht verletzt werden. Das Solothurner Arbeitsinspektorat überprüft im Kanton, ob Arbeitgeber diese Pflicht erfüllen. Aktive Kontrollen dazu, ob sexuelle Belästigung in einem Betrieb vorkommt, gibt es aber nicht. Das Inspektorat reagiert auf Beschwerden hin. Im Jahr sind das etwa fünf.

Laut Daniel Morel, Leiter Arbeitsbedingungen im Amt für Wirtschaft und Arbeit, ist bei den Betroffenen sicher eine gewisse Hemmschwelle da, die sie zuerst überwinden müssen, bevor sie sich bei einer externen Stelle melden. Weshalb man auch höre «Meiner Kollegin ist etwas passiert» – wenn Betroffene nicht zugeben wollen, dass sie selbst sexuell belästigt wurden. «Die grösste Hemmschwelle dürfte die Existenzangst sein, die Angst den Job zu verlieren». Oft seien es deshalb auch die Angehörigen Betroffener, die sich melden, und nicht diese selbst. Sofern der Arbeitgeber nach Beschwerden beispielsweise ein Reglement vorweisen kann, in dem er Massnahmen gegen sexuelle Belästigung festhält, hat er seine Pflicht erfüllt.

So wie der Kanton als Arbeitgeber. Kantonsangestellte – also Polizisten oder das Personal kantonaler Schulen – können sich an sogenannte Vertrauenspersonen wenden, wenn sie sexuelle Belästigung erfahren. «Es wäre naiv zu glauben, es sei hier anders als in anderen Verwaltungen», erklärt Ruth Greber, Koordinatorin dieser Vertrauenspersonen im kantonalen Personalamt. «Die Verwaltung ist ein Teil der Gesellschaft», so Greber. Und deshalb ist sexuelle Belästigung auch auf der Verwaltung Thema. Wenn auch nicht oft. Seit 2009 kam es erst zu sechs Fällen. Zwei zogen «personalrechtliche Konsequenzen» mit sich, so Greber. Was von der Verwarnung bis zur Kündigung alles bedeuten kann.

«Der Kanton hat eine Nulltoleranzhaltung», so die Zuständige für Sexuelle Belästigung und Mobbing. Beim Eintritt der Mitarbeiter werden auf die Bestimmungen im Gesamtarbeitsvertrag aufmerksam gemacht, in welchem steht, dass sexuelle Belästigung verboten ist. «Wir machen allen klar: Sexuelle Belästigung hat hier keinen Platz, und wenn es doch passiert, sind Betroffene nicht alleine.»

Dazu verweist der Kanton auf Beratungsangebote. Es sei wichtig über das Thema zu sprechen. Auch um klar zu machen, dass Betroffene nicht einfach prüde sind. Sexuelle Belästigung sei eine klare Normverletzung. «Wir sind alle gleich sozialisiert, wir wissen alle, was angebracht ist, und was sich nicht gehört.» Sexuelle Belästigung hat Konsequenzen – aber nur, wenn sie gemeldet wird.

Ohnmacht

Weil das oft aber nicht passiert, führt das dazu, dass es in der Praxis nur wenige Fälle gibt – trotz klaren Richtlinien und Statistiken, die etwas anderes sagen. Auch S. hat es zuerst niemandem erzählt. Sie kenne sich mittlerweile relativ gut, erzählt die Frau. Sie habe das zuerst mit sich selbst ausmachen müssen, schauen wollen, ob ihr das Ereignis «unter die Haut geht». Ob die Sache «kleiner wird». Das wurde sie aber nicht.

Das Gefühl der Ohnmacht, wie S. es beschreibt, holte sie auch zu Hause, nach Feierabend, ein. «In so einer Situation kann man gar nicht losschreien», erzählt S. Weil das Ganze so surreal sei im ersten Moment. Sie sei sich nicht sicher, ob der Chef sie bewusst belästigen wollte. Das spiele aber keine Rolle. «Es ist nicht relevant, wie er es gemeint hat. Meine Grenzen wurden überschritten.» Sie spricht im ganzen Gespräch nicht von sexueller Belästigung, sondern von «Regelverstoss». Nach rund drei Tagen war ihr klar: «Es hat ein Regelverstoss stattgefunden, der mich beschäftigt. Und ich wehre mich dagegen.» Gegen die Ohnmacht – «ein scheussliches Gefühl».

Tabu – trotz #MeToo

Ohnmacht. Oder «Freezing» – Erstarren; eine körperliche Reaktion, die in schlimmen Situationen automatisch eintritt, wenn sich der Mensch nicht wehren kann. Als Schutz, zur Lebenserhaltung, wie bei Tieren auch, erklärt Nielen von der Opferhilfe. So kann sexuelle Belästigung trauma-ähnliche Folgen haben. Beziehungsängste, Stress, Schlafstörungen – bis hin zur Kündigung, weil man es nicht mehr aushält. Diesen Betroffenen vermittelt die Opferhilfe je nach Bedarf psychische Unterstützung. Oder rechtlichen Beistand. Aber nicht in jedem Fall: «Andere können das gut wegstecken. Die fühlen sich aber auch nicht belästigt», so Nielen, «und kommen nicht hierher.»

Das Thema löst immer noch Scham aus. «Oft suchen Betroffene die Schuld bei sich selbst», so Nielen. Früher habe man noch gefragt: «Ja, aber muss sie denn diesen Minirock tragen?» und heute äussere man das vielleicht mit: «Sie hat es provoziert.» Das führe zu Unsicherheit. Weniger Selbstwertgefühl. «Wenn meine Grenzen nicht respektiert werden – dann habe ich ja keinen Wert», erklärt die Stellenleiterin. Was dazu führt, dass sexuelle Belästigung immer noch Tabuthema ist – trotz #MeToo. Die Anzahl Betroffener, die sich bei der Opferhilfe melden, habe nicht zugenommen, so Nielen. Und sie nimmt auch nicht ab. Es gebe einfach Leute, die kein Gespür und keinen Respekt für die Grenzen anderer Personen hätten. Sexuelle Belästigung verschwinde wohl nie ganz. Das Mindeste, was man tun könne, sei, immer wieder darüber zu reden.

Das hat auch S. dazu bewogen, darüber zu sprechen. Ihr sei bewusst gewesen, dass es Konsequenzen geben wird. «Das ist schon eine Verantwortung.» Ein schlechtes Gewissen habe sie aber nicht. Heute würde S. wieder gleich reagieren. Schliesslich habe sie sich auch ins Bewusstsein gerufen, dass viele Frauen schweigen, und es einzelne Betroffene braucht, die darüber reden. Damit Betroffene auch gehört und ernstgenommen werden. Denn, das betont S. mehrmals: «Es kann jedem passieren.»

*Name von der Redaktion geändert