Assunta Amatucci

«Sexualität gehört zum Menschsein»: Das ist die erste offiziell registrierte Berührerin in Solothurn

Assunta Amatucci Begleitet Menschen sexuell, die es sich eigentlich gewohnt sind, gar nicht über Sex zu sprechen.

Assunta Amatucci Begleitet Menschen sexuell, die es sich eigentlich gewohnt sind, gar nicht über Sex zu sprechen.

Assunta Amatucci ist keine gewöhnliche Masseurin – und keine Prostituierte. Die 55-Jährige arbeitet als Sexualbegleiterin mit Senioren und Menschen mit Behinderung. Sie ist bisher einzige offiziell registrierte Berührein im Kanton Solothurn – und stösst auf so einige Tabus.

Anfang Jahr hatte Assunta Amatucci einen Kunden, einen alleinstehenden Senioren in einem Altersheim. Zuvor hatte dieser anzügliche Sprüche dem Personal gegenüber gemacht und auch Angestellte angefasst. Das Heim kontaktierte Amatucci. Sie ist Sexualbegleiterin. Die 55-Jährige gebürtige Italienerin hat den Mann einige Male getroffen. Zur Belästigung im Altersheim kam es nicht mehr, nachdem Amatucci mit ihm geredet, ihn massiert, auch im Intimbereich berührt hat. Berührerin, nennt sich Amatucci auch. Sie arbeitet mit Menschen mit Behinderung und Senioren zusammen. Sie ist aber keine Masseuse: der Fokus liege beim ganzen Menschen – sei aber nicht auf die Genitalien fixiert. «Geschlechtsverkehr gibt es bei mir nicht», darin liege der Unterschied zu Prostitution.

«Wie leben eigentlich alte Menschen Sexualität aus?»

Amatucci ist im Raum Solothurn tätig. Auf ihrer Website stellt sie sich Kundinnen und Kunden als «Assunta» vor. Die Adresse zu ihrem Massageraum gibt es erst nach der Kontaktaufnahme. Drei Tage die Woche macht Amatucci hier Tantra-Massagen. Im kleinen Raum des Hauses, wo auch andere, ähnliche Studios eingemietet sind, riecht es nach Weihrauch, auf dem Boden liegt eine samtbezogene, dünne Matratze. «Körperarbeit hat mich schon immer interessiert», erzählt Amatucci, die barfuss und in Leinenhosen ein Bein unter das andere geschlagen auf dem Stuhl sitzt, lange, dicke Locken fallen auf die braungebrannten Schultern und die rote Bluse. Mit 20 machte sie einen ersten Massagekurs, arbeitete aber noch als Büroangestellte. Die dreifache Mutter hat vor allem ihre Kinder massiert. Sie erzählt, wie wichtig Berührung für das Wohlbefinden sei. Als Kind sei man sich das gewohnt – «aber irgendwann geht das im Laufe des Lebens verloren». Der Mensch sehnt sich nach Berührung, ist Amatucci überzeugt. Den Wunsch nach beispielsweise einer Umarmung äussere man in der Gesellschaft aber kaum einfach so.

2011 weitete sie ihr Angebot aus, begann mit Tantra. Hier geht es um intime Massagen, um die sexuelle Gesundheit, die gefördert werden soll – diese ist laut Amatucci wichtig für die ganze Gesundheit eines Menschen. «Und ich fragte mich – wie leben eigentlich alte Menschen und Behinderte ihre Sexualität aus?» Menschen, die keinen Partner mehr haben, in einem Heim leben, von Geburt an ein Gebrechen haben. Amatucci machte die nächste Ausbildung – und ist seit März Sexualbegleiterin. Sie ist die einzige im Kanton Solothurn, die im Register von sexualbegleitung.com aufgeführt ist.

«Hallo Sexualität, schön bist Du da!»

Heute besucht Amatucci Personen zu Hause oder in Heimen. Ein «Date» kostet 140 Franken in der Stunde, für Haus- oder Heimbesuche gibt es einen Zuschlag von 40 Franken. Was genau gewünscht wird, wird besprochen. Sie geht nun noch weiter, als bei einer Tantra-Massage, wo sie nur die «Gebende sei». «Es gibt Menschen mit Geburtsgebrechen, die noch nie eine Frau berührt haben», in diesem Falle darf die Sexualbegleiterin – wenn es für sie auch stimmt – ebenfalls berührt werden. Auch wenn es nie zum Sex kommt, und auch ein Orgasmus nicht das Ziel sein - bei der Kundschaft aber vorkommen darf: «Es geht darum zu sagen: Hallo Sexualität, schön bist Du da!» Es könne um Gespräche oder Kuscheln gehen, intime Massagen, aber auch einfach um Berührungen am Rücken oder eine Fussmassage. Sie will Menschen Nähe geben, die ansonsten kaum mehr Berührung erfahren – und bei alten Männern etwa, wo derKörper nicht mehr so funktioniert wie früher, dazu verhelfen, dass diese wieder ganz zufrieden mit sich und ihrem Körper sind.

Sex im Altersheim – darüber spricht man aber – gerade in ländlichen Gebieten – nicht unbedingt. Laut einer Umfrage dieser Zeitung haben die meisten zwar Konzepte oder Standards, können, wenn Bedürfnisse geäussert werden, mit Sexualbegleitung oder Bordellbesuchen weiterhelfen. An erster Stelle steht das Thema aber nicht. Manchmal vielleicht aus Zeitgründen, vermutet Amatucci. Oder weil das Thema auch bei Angehörigen nicht unbedingt viel Beachtung erhält.

In den meisen Fällen, so die Sexualbegleiterin, unternehmen Heime ihrer Erfahrung nach aber erst dann etwas, wenn sich die Bedürfnisse von Bewohnern eben beispielsweise in Belästigung des Personals äussern. Von selbst sprächen Ältere oder Behinderte kaum darüber. «Gerade bei älteren Generationen hat man das so gelernt, dass man nicht darüber spricht – gerade Frauen wuchsen oft so auf, dass sie sich nicht trauen, hier Bedürfnisse anzumelden.»

Die 55-Jährige will nun aktiv auf Heime zugehen, ihr Angebot vorstellen, so dass sie schon frühzeitig kontaktiert werden kann. Denn, Amatucci ist überzeugt: Bei einer immer älter werdender Gesellschaft brauche es auch mehr Sexualbegleitung. «Ich kann mir vorstellen, dass die Nachfrage noch steigt», sagt sie. Etwa, wenn die 68-er Generation – die mit dem Thema Liebe und Sexualität sehr frei umgegangen ist – ins Heimalter komme. Dort sei es selbstverständlicher, die Wünsche zu äussern. «Diese Generation weiss: Das gehört dazu, Sexualität gehört zum Mensch sein.»

Hier finden Sie einen Beitrag von «NZZ Format» zum Thema.

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