Eine Selbsthilfegruppe? Bei vielen geht jetzt wohl erst mal das Kopfkino los. Die Szene: ein Stuhlkreis, in der Mitte ein Tisch, darauf eine Box mit Taschentüchern. Es wird Wasser ausgeschenkt. Das Gespräch beginnt, ein kleiner Stoffball fliegt durch die Luft und landet in den Händen eines Teilnehmers. «Ich bin Hans», sagt er vielleicht, «und ich bin süchtig.» Oder so ähnlich. Im Kreis sitzen und andere mit seinen Problemen belästigen?

Ein gängiges Bild, das sagt auch Regina Schmid. «Manchmal heisst es, das seien doch nur Gränni-Grüppli.» Immer wieder hat die Leiterin der Solothurner Kontaktstelle für Selbsthilfegruppen mit Vorurteilen zu kämpfen. «Ich leiste gerne Aufklärungsarbeit.»

Denn die zierliche Frau mit der randlosen Brille weiss genau: Die Realität sieht anders aus. Selbsthilfegruppen sind in der Schweiz hoch im Kurs, fristen im Vergleich mit Deutschland aber noch immer ein Mauerblümchen-Dasein. «Die Erfahrung zeigt, wie wichtig der Austausch mit Gleichgesinnten ist», sagt Schmid. Dies halte jeder empirischen Studie stand. Die Kraft des Gesprächs? Bei vielen wachse in der Gruppe die Zuversicht, die eigene Situation bewältigen zu können. Das verständnisvolle Miteinander, die Solidarität der Gruppe. Und wenn alles Werben nichts nutzt, verweist Schmid eben auf das liebe Geld: Auch finanziell lohne sich Selbsthilfe, erklärt sie hartnäckigen Kritikern. «Menschen sind füreinander da, brauchen weniger Betreuung durch Fachleute und entlasten so das Gesundheitswesen.»

Gesichter mit Geschichte

Ein Bürogebäude beim Solothurner Westbahnhof. In den Räumen von Pro Infirmis hat sich die Kontaktstelle eingemietet. Regina Schmid und eine Mitarbeiterin teilen sich ein 75-Prozent-Pensum und das kleine Büro. Seit 2013 arbeitet die 43-jährige Sozialarbeiterin für die Kontaktstelle, sie spricht von einem «tollen Job». Zwischen Büchern, Drucker und Blumen steht ein runder Sitzungstisch. Hier sitzt Schmid an diesem trüben Novembermorgen, faltet ihre Hände und spricht bei einem Kaffee über die Frage, die sie immer wieder umtreibt: Wie lässt sich das Klischeebild einer Selbsthilfegruppe bekämpfen? Vielleicht helfen ja die Porträtbilder von Teilnehmern, die in einer Ausstellung zum 20-jährigen Bestehen der Kontaktstelle zu sehen sind. «Die Abgebildeten treten aus der Anonymität, zeigen Gesicht und Geschichte hinter dem Vorurteil», sagt Schmid.

«Hilfe zur Selbsthilfe»

Von A wie Asthma über K wie Kuckuckskind bis Z wie Zöliakie: Auf einer Liste der Kontaktstelle sind rund 80 Angebote aufgeführt. Neben körperlichen Beschwerden und Krankheiten drehen sich die Gruppen auch um Erziehung, Beziehung oder Lebensmitte. Kurz: Thematisiert wird so ziemlich alles. Und manchmal gibt es nicht nur Gruppen für direkt Betroffene, sondern auch für Angehörige. Eine Behandlung ersetzen könne eine Selbsthilfegruppe wohl selten, sagt Schmid, «sie ist aber mindestens eine sinnvolle Ergänzung».

So viel zur Theorie. Doch warum braucht es jetzt die Kontaktstelle? Weil Selbsthilfegruppen oft ein wenig Starthilfe brauchen, nennt Schmid nur einen Grund. «Wer eine Gruppe gründen will, ist sozusagen ein Experte seiner Krankheit. Wir liefern das Wissen, das eine Gruppe braucht.» Die Sozialarbeiterin spricht denn auch gerne von «Hilfe zur Selbsthilfe». Gerade sensible Themen bringen es mit sich, dass viele Gruppen im Verborgenen bleiben. Schmid: «Eine Gruppe kann nur entstehen, wenn ihre Existenz auch bekannt ist.» Wann, wo und wie oft sich eine Gruppe trifft, bestimmen die Teilnehmer selbst. Bei ihren Treffen besprechen sie, was ihnen zu schaffen macht, tauschen Tipps aus und wollen mehr über ihre Probleme erfahren. Themen wiederholen sich, das Interesse daran bleibt. Manche bleiben einer Gruppe während Jahren treu.

Es gibt kein Patentrezept

Wenn Regina Schmid einer Gruppe beratend zur Seite steht, stösst sie immer wieder auf ähnliche Probleme – oft entfaltet die Gruppendynamik ihre Wirkung nicht wie gewünscht. Mit sanfter Stimme, aber klaren Worten empfiehlt Schmid dann vielleicht eine rotierende Gesprächsleitung. «Oder auch Humor kann das Vertrauen in einer Gruppe stärken.» Doch ein Patentrezept gebe es nicht, sagt sie. Die Kontaktstelle steht den Gruppen aber für Standortbestimmungen zur Verfügung. Dann bespricht Schmid, welche Ziele erreicht wurden; ob sich alle wie gewünscht einbringen können. Und auch, wie Gespräche über schwierige Dinge vorankommen.

Es gibt auch harte Brocken

Regina Schmid ist an vielen Fronten gefordert. Mal wird sie von einer Ärztin um einen Ratschlag gebeten, dann erkundigt sich jemand nach einer Gruppe für Panikattacken. Doch gibt es denn Themen, die für eine Selbsthilfegruppe nicht geeignet sind? Schmid überlegt, schüttelt dann den Kopf. «Eigentlich gibt es keine Schranken.» Eigentlich. Denn gewisse Problemkreise entpuppen sich als harte Brocken. So ist die Gründung einer Gruppe schon gescheitert, weil sich zu wenige Teilnehmer gefunden haben. Schmid erklärt: «Wir versuchen dann, mit Stellen in anderen Regionen etwas auf die Beine zu stellen.» Immer wieder staunt sie, welch erstaunliche Gruppen so entstehen.

Wechseln wir noch kurz in die virtuelle Welt – und stellen damit das Dasein einer jeden Selbsthilfegruppe infrage? Während das persönliche Gespräch früher massgebend war, so unsere These, verlagert sich der Kontakt mehr und mehr ins Internet. Schmid lächelt jetzt – sogar zustimmend? Zumindest bestätigt sie: «Uns öffnet sich damit ein neues Feld.» Stören tut sie das allerdings kaum. Denn Ideen, welche Aufgaben sich daraus ergeben könnten, hat sie reichlich. «Wir könnten Foren auf ihre Sicherheit hin prüfen, moderieren oder Listen mit seriösen Betreibern veröffentlichen.» Diese Aufgaben müssten aber überregional geregelt werden. Und eine direkte Konkurrenz zu den Selbsthilfegruppen seien die Angebote ohnehin nicht, findet Regina Schmid. «Für viele ist es nach wie vor sehr wichtig», ist sie überzeugt, «andere persönlich zu treffen.»

Eine Begegnung von Angesicht zu Angesicht, ein wohltuendes Gespräch – es scheint unersetzlich.

Jubiläum Die Solothurner Kontaktstelle für Selbsthilfegruppen feiert dieses Jahr ihr 20-jähriges Bestehen. Öffentliche
Feier: 26. November, 17.30 Uhr, Landhaus Solothurn. Anmeldung: 062 296 93 91 oder info@selbsthilfesolothurn.ch.