Die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden (Kesb) sehen sich derzeit landesweit – und auch im Kanton Solothurn – massiven Vorwürfen ausgesetzt.

Eine zu detaillierte Professionalisierung, viel zu lange Abklärungsverfahren und der fehlende Einbezug betroffener Kinder und Erwachsener lauten nur einige der Kritikpunkte. «Wenn ich jemandem erkläre, was ich beruflich mache, werde ich regelmässig bemitleidet», meinte gestern Nachmittag Barbara Hamm-Schulte.

Sie ist seit Inkrafttreten des neuen Kindes- und Erwachsenenschutzrechts am 1. Januar 2013 Präsidentin der Kesb Region Solothurn – eine von insgesamt drei Behörden im Kanton. Gemeinsam mit Vize-Präsident Stefan Armenti stellte sie sich an einem Anlass der kantonalen Aktionstage psychische Gesundheit den kritischen Fragen des Publikums.

Einbezug der Betroffenen

Moderiert hat die Debatte im Alten Spital in Solothurn Kantonsarzt Christian Lanz. Auf dem Podium vertreten waren mit Bernd Krämer auch die Psychiatrischen Dienste der Solothurner Spitäler AG. Krämer ist stellvertretender Chefarzt der Kliniken für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik.

Im Unterschied zum bisherigen Vormundschaftsrecht legt das neue Recht ein besonderes Gewicht auf die Selbstbestimmung und die Individualität der schutzbedürftigen Erwachsenen und den Einbezug betroffener Kinder. Konkret geht es hier etwa um demente ältere Menschen, die einen Beistand brauchen; oder wenn ein Kind seinen Eltern weggenommen wird; oder jemand aufgrund seiner psychischen Verfassung in eine Klinik eingewiesen werden muss.

Ist der verstärkte Einbezug der Betroffenen aber nicht einfach nur schöne Theorie? Eine Frage, die eine ganze Reihe der rund 80 Männer und Frauen beschäftigte, die gestern den Weg ins Alte Spital gefunden haben.

Die Abklärung des Sachverhalts sei die Aufgabe der regionalen Sozialdienste, erläuterte Stefan Armenti das Verfahren. «Wir legen Wert darauf, dass die Betroffenen in persönlichen Gesprächen in diese Abklärungen einbezogen werden.» Die konkreten Massnahmen verfüge dann die Kesb, wobei den schutzbedürftigen Männern und Frauen zuvor das rechtliche Gehör gewährt werde.

In den 14 Sozialregionen des Kantons würden die sachlichen Abklärungen nicht immer in der gleichen «Tiefe» erfolgen, weiss Barbara Hamm-Schulte. «Wir pflegen einen regen Austausch mit den Sozialdiensten, um solche Unterschiede auszugleichen.» Eine Hilfe dabei sei eine Standardisierung der Abklärungsphase in den Sozialregionen.

Individualisierung braucht Zeit

Die Gemeinden monieren, dass durch die doppelten Abklärungen – zuerst bei den Sozialdiensten und danach bei den Kesb – das ganze Verfahren unnötig in die Länge gezogen werde. Ein Vorwurf, den die beiden Vertreter der Kesb Region Solothurn nicht gelten lassen. «Das neue Erwachsenenschutzrecht lässt keine Schnellschüsse zu», unterstrich Barbara Hamm-Schulte.

Es sei dabei ausdrücklich gewollt, dass den Entscheid – zum Beispiel über eine Beistandschaft – nicht der Gemeinderat fällt, sondern die Kesb. Diese Distanz sorge für eine höhere Objektivität. Stefan Armenti fügte bei: «Auch die höhere Individualisierung braucht seine Zeit.» Die interne Statistik zeige aber, dass die Laufzeiten der Verfahren «in den nächsten Monaten deutlich sinken werden». So hielten sich seit August Ein- und Ausgang der Dossiers die Waage.

Einen weiteren Schwerpunkt der Diskussion im Alten Spital bildete die «Fürsorgerische Unterbringung» (FU), sprich: die Einweisung von akut gefährdeten Personen in eine psychiatrische Klinik. Für Bernd Krämer von den Psychiatrischen Diensten der Spitäler AG macht es dabei Sinn, dass die Kesb im Kanton Solothurn bereits nach 72 Stunden in den Prozess involviert wird. «Dadurch wird der Rechtsschutz früh gewährt und zudem können Lösungen für die Zeit nach dem Klinikaufenthalt erarbeitet werden, gerade auch für Personen mit komplexen sozialen Problemen.»