Sie will sterben. Anna Meier* ist 87 Jahre alt. Seit drei Jahren wohnt sie im Pflegeheim. Nach einem Sturz kann sie nicht mehr gehen und sitzt im Rollstuhl. Dazu kommt der Altersdiabetes. Es ist Zeit, beschliesst die Witwe und mehrfache Mutter. Sie will nicht mehr essen und trinken. Ein aktiver Entscheid um den Tod, der absehbar ist, frühzeitig herbeizuführen: Sterbefasten – wie diese Methode offiziell heisst. Der Fall von Frau Meier ist eines der Beispiele auf der Website «sterbefasten.org».

In dieser Zeitung sorgt das Thema rund um die Sterbehilfe bereits regelmässig für Leserbriefe und Kommentare. Aktuell, weil die Dienste von Sterbehilfeorganisationen in Solothurner Heimen nicht mehr länger verboten sind (siehe unten stehende Box). Sterbefasten war schon vorher erlaubt. Greifen lebensmüde Bewohner oft dazu, weil es einfacher ist, als sich bei einer Sterbehilfeorganisation anzumelden und vom Heim abzumelden? Laut einer Umfrage dieser Zeitung ist das nicht der Fall. Nur vereinzelt berichten die befragten Heimen von Fällen. Heikel ist das Thema trotzdem. Für die Heime gilt es, einiges zu beachten: Das Strafrecht, die Medizin, die Angehörigen – in Abwägung mit der Selbstbestimmung.

Rechtlich absichern

«Selbstbestimmung in der letzten Lebensphase wird grossgeschrieben», heisst es etwa auf Anfrage im Stadtpark Olten, wo man den Begriff Sterbefasten im Alltag nicht kennt. Ähnlich die Situation im Pflegeheim Blumenfeld in Zuchwil. Noch nie habe sich ein Bewohner zum Sterbefasten entschieden, berichtet Annabelle Crivelli, Leiterin im Bereich Pflege und Betreuung. Untersagt sei Sterbefasten im Heim grundsätzlich nicht. Die Autonomie der Bewohner sei wichtig. Würde sich ein Bewohner aber dazu entschliessen, seien auf jeden Fall Gespräche nötig. «Nicht im moralischen Sinn», wie Crivelli klarstellt.

Je nach Situation müsse man aber zumindest den Arzt, die Angehörigen, vielleicht auch einen psychiatrischen Experten herbeiziehen. Im Zusammenhang mit Betroffenen auf der Demenzstation könne das Thema Essen nämlich zum Thema werden. Und wenn eine nicht mehr urteilsfähige Person aufhört zu essen, trifft sie den Entscheid im Moment vielleicht bewusst, kann aber das Ausmass nicht richtig abschätzen. Dann kann Sterbefasten unter Umständen auch gefährlich sein. Deshalb sei jeder Fall genau abzuklären. Auch damit sich das Heim rechtlich absichern könne, so Crivelli (siehe unten).

Fasten planen

Auch aus medizinischer Sicht muss das Fasten abgeklärt werden. Verdursten in der Wüste oder Verhungern nach einer Katastrophe seien zwar mit Sterbefasten nicht vergleichbar, wie Daniel Preisig, Mitglied der Projektgruppe Sterbehospiz Solothurn und ehemaliger Präsident der Solothurner Ärztegesellschaft, sagt.

Sterbende befänden sich in einem «biologisch sinnvollen Sterbeprozess». Hunger- und Durstgefühl verschwinden. Die meisten haben dafür einen trockenen Mund oder Rachen. Das Fasten daure zwei bis drei Wochen, je nachdem, wie fit der Körper noch ist. Der Prozess könne aber auch leidvoll sein, wenn der Organismus noch nicht auf das Sterben eingestellt sei. Auch dazu finden sich Beispiele auf der Website «sterbefasten.org» – Beispiele für ungeplante, überstürzte Entschlüsse, in denen das Fasten zwar zum Tod führe, aber von Schmerzen begleitet war und nicht mit Arzt und Pflegenden abgesprochen worden war. Der Sterbeprozess in diesem Fall wird als erniedrigend beschrieben.

Angehörige anhören

Obwohl es in der Region nicht viele bekannte Fälle gibt, sorgt das Thema für Diskussionsstoff: Soll man Menschen im Heim, die nicht mehr essen wollen, noch an den Tisch setzen? Gibt man ihnen gar kein Essen mehr? Zahlen Angehörige für Mahlzeiten, wenn der Patient nur noch Wasser und Joghurt zu sich nimmt? Mit diesen Fragen von Angehörigen und Heimen beschäftigt sich Susanna Mattenberger, Ombudsfrau bei der Ombudsstelle für soziale Institutionen im Kanton Solothurn.

Etwa einmal im Monat werde sie mit dem Thema konfrontiert, auch mit Beschwerden. In rund «5 bis 10» Prozent ihrer Arbeit befasse sie sich mit Anfragen zum Thema «letzter Lebensabschnitt». Wie eben Essen und Trinken. «Die Angehörigen befinden sich in einer ganz schwierigen Phase, wenn sie Abschied nehmen müssen. Das geht einem nahe. Entsprechend sind diese Themen heikel», so die Ombudsfrau.
Sterbewunsch hinterfragen

Fingerspitzengefühl sei gefragt, bestätigt auch Barbara Schenker, Bereichsleiterin für Betreuung und Pflege der Alterszentren Gäu. Entschieden sich urteilsfähige Bewohner für Sterbefasten oder Sterbehilfe, lege sie ihnen nahe, das mit den Angehörigen abzusprechen. In Altersheimen höre man oft auch: «Was wollen die Angehörigen?» Schenker macht aber deutlich: «Am Schluss sind wir dem Bewohner verpflichtet.»

Äussere ein Bewohner den Wunsch nach dem Sterben, versuche man zwar immer herauszufinden, woher dieser Wunsch komme. Es gebe vielleicht andere Möglichkeiten. Als Beispiel: Ein Betagter, der sich stark in seiner Lebensqualität und Würde eingeschränkt fühlt, weil er sich nach dem Toilettengang nicht mehr selbst waschen kann, äussert den Wunsch zu sterben. Diesen könne man vielleicht vermindern, indem man einen Closomaten im Badezimmer installiere. Bleibe der Wunsch zu sterben aber, so würde dieser respektiert, sagt Schenker.

Selbstbestimmung respektieren

Auch der Standpunkt der Geschäftsführerin der Alterszentren Grenchen zum Thema ist klar: «Es ist egal, was ich für eine Haltung habe», so Sonja Leuenberger. «Die Selbstbestimmung unserer Bewohner steht im Vordergrund.» Dies in allen Themen – ob sich ein Bewohner nun zu Sterbehilfe mit Exit entschliesse oder eben Essensverweigerung. Das komme auch in Grenchen vor. Vor allem in der letzten Lebensphase.

Dann esse ein Mensch oft einfach nichts mehr – unabhängig davon, ob er in einem Heim sei oder noch zu Hause. Die Alternative wäre Zwangsernährung, so Leuenberger. «Und dann wären wir wieder ganz weit weg von der Selbstbestimmung.» Essensverweigerung sei einfach Realität. Und nicht die Entscheidung des Heims, sondern die des Bewohners, in Absprache mit Ärzten, die sich auch mit den Angehörigen darüber austauschen, was medizinisch sinnvoll ist.

Dass Selbstbestimmung in der Gesellschaft immer wichtiger wird beobachtet auch Roland Meyer, Bestatter aus Bellach. Seine Grundhaltung zum Thema: «Ich möchte nicht vom Tod überrascht werden. Ich möchte selbst bestimmen, wo und wann ich sterbe.» Eine Möglichkeit dazu sei das Sterbefasten. Weshalb Meyer auch von einer «humanen Art zu sterben» spricht. Und die Kritik? Man spiele Gott, werfe Leben weg? Diese Diskussion sei müssig, meint Meyer nur. So wie, wenn jemand über einen Verstorbenen sage, dieser habe halt geraucht, Zucker gegessen – am Schluss lebe jeder sein eigenes Leben. «Wir haben nur eine Gelegenheit, zu sterben», erklärt der Bestatter.

Und die wolle er erleben. Sterbefasten gehe zudem ohne «Maschinerie» einher. Meyer meint damit, dass nach dem Tod die Polizei, Staatsanwaltschaft und Amteiarzt dazukommen, um abzuklären, ob bei der Sterbehilfe alles legal ablief. In Fällen von Sterbefasten bleibt den Angehörigen dieses Prozedere erspart.

So wie im Fall von Anna Meier, deren Angehörigen sie zuerst noch dazu bringen wollen, zumindest ein bisschen zu essen oder zu trinken. Schliesslich akzeptieren sie den Entscheid aber. Die 87-Jährige stirbt nach zehn Tagen. «Friedliches Einschlafen», schreiben die Angehörigen auf der Website.

*Person im Fallbeispiel anonymisiert