Während vier Jahren hat der heute 53-jährige Walter B.* seine Adoptivtochter Sonja B.* sexuell missbraucht. «Seine Frau genügte offenbar seinen Ansprüchen nicht», sagte gestern Susanne Schaffner-Hess, die Anwältin von Sonja B., vor dem Obergericht über den Angeklagten.

«Er hätte auch zu einer Prostituierten gehen können.» Stattdessen hat sich Walter B. an seiner Adoptivtochter vergriffen. Wie das Amtsgericht Solothurn-Lebern im März 2013 festhielt, hat er dies «mehr als hundert Mal in kurzer Zeit» getan.

Von den schwersten Vorwürfen wurde er damals allerdings freigesprochen. Schuldig gesprochen wurde er, weil er «seine Adoptivtochter in sexueller Absicht fast wöchentlich unter der Kleidung am Po streichelte und zwischen den Beinen ausgriff, wobei er meist eine Erektion bekam», wie der Anklageschrift zu entnehmen ist.

Dies in den Jahren 1999 bis 2002, in denen Sonja B. sieben bis zehn Jahre alt war. Eine äusserst wichtige Entwicklungsphase, wie ihre Verteidigerin, betonte. «Ihre Mutter hat darunter gelitten, dass sie keine Beziehung zu der Tochter aufbauen konnte.» Daher sei das Vertrauensverhältnis zum Stiefvater umso wichtiger gewesen. Dieses Vertrauen habe der Angeklagte jedoch mit seinen Übergriffen missbraucht.

Das Amtsgericht Solothurn-Lebern verurteilte Walter B. deshalb zu 22 Monaten Haftstrafe bedingt mit einer Probezeit von zwei Jahren und zu einer Genugtuung in der Höhe von 30 000 Franken an seine Adoptivtochter.

Eine Strafe, die dem Angeklagten sowie seinem Anwalt, Konrad Jeker, nicht gerecht erschien, weshalb sie die Strafzumessung gestern vom Obergericht neu beurteilen liessen. Sie forderten stattdessen eine Geldstrafe - maximal 270 Tagessätze - sowie eine geringere Genugtuung in der Höhe von lediglich 5000 Franken.

Opfer muss betreut werden

Dass Sonja B. nach wie vor unter psychischen Störungen leidet, mehrere Suizidversuche hinter sich hat und bis heute in einem betreuten Umfeld leben muss, könne nicht einzig auf die sexuellen Übergriffe durch seinen Mandanten zurückgeführt werden, so Strafverteidiger Konrad Jeker.

Eine Ansicht, die Opferanwältin Schaffner-Hess nicht teilte. Es sei unwahrscheinlich, dass vor den Übergriffen etwas noch Gravierendes vorgefallen sei, das solche psychische Leiden hätte auslösen können.

Er hat sich selbst angezeigt

Dem Vorwurf der Anwältin, Walter B. bereue die Tat gar nicht, hielt Jeker entgegen, sein Mandant habe sich immerhin selbst angezeigt. «Dafür wird er nun aber bestraft.» Weiter habe das Opfer erhalten, was es wollte.

«Und dies, obwohl B. in vier Fünftel aller Anklagepunkte freigesprochen wurde.» Gleichwohl sei das Gericht der Forderung nach einer Genugtuung in der Höhe von 30 000 Franken nachgekommen.

Er selbst forderte, die Genugtuung auf 5000 Franken zu senken. Es liege zwar eine schwere Straftat vor, die Tatschwere sei aber als leicht einzustufen. «Das geht gegen die Intuition», gestand Jeker ein, «es ist aber richtig.»

Denn man müsse bedenken, was im Bereich der sexuellen Handlungen noch alles vorstellbar wäre. Zudem liege die letzte Handlung bereits elf Jahre zurück. Deshalb sei sein Mandant auch zu einer Geld- und nicht zu einer Freiheitsstrafe zu verurteilen.

Staatsanwalt Martin Schneider folgte dieser Einschätzung nicht. «Eine Geldstrafe ist geradezu ein Affront für das Opfer», wenn man den Zeitraum der Übergriffe von vier Jahren betrachte. «Der Beschuldigte hat Schuld am psychischen Zustand von Sonja B.» Weiter belaufe sich sein Vermögen auf über eine Million Franken.

Das Gericht entschied sich letztlich für den Mittelweg. So wurde die bedingte Haftstrafe beibehalten, aber auf 16 Monate reduziert. Die Genugtuung wurde neu auf 20 000 Franken festgesetzt. «Die Haftstrafe beträgt eigentlich drei Jahre», erklärte Gerichtsschreiber Pascal Haussener.

Das Geständnis von Walter B. sowie die lange Zeitspanne seit der letzten Tat, während der er sich wohl verhalten habe, hätten sich aber strafmildernd ausgewirkt.

*Namen geändert.