Solothurn

Sekte oder Selbsthilfegruppe? So will Narcotics Anonymous Drogenabhängige von der Sucht erlösen

In der Gruppe neuen Halt suchen und finden: Ausweg für Drogensüchtige.

«Gegründet in den USA, mehr als 70'000 Meetings pro Woche in 139 Ländern der Welt – jetzt neu auch in Solothurn», könnte der Slogan der frischgegründeten Gruppe Narcotics Anonymous, kurz NA, in Solothurn lauten.

Was tönt wie Werbung für die neuste Yogakette, ist in Wahrheit eine Selbsthilfegruppe für drogenabhängige Menschen. 1953 gegründet aus einem Ableger der Anonymen Alkoholiker, ist NA heute die zweitgrösste Selbsthilfeorganisation der Welt und hilft nach eigenen Angaben Tausenden von Abhängigen, von Drogen wegzukommen und «clean» zu bleiben. Seit 1989 existiert NA auch in der Schweiz und zählt etwa 60 Treffen, intern Meetings genannt, pro Woche. Seit Ende Juni gibt es auch in Solothurn ein wöchentliches Treffen.

Genesung durch Spiritualität

Nik* ist seit über acht Jahren clean und nimmt regelmässig an NA-Meetings teil. Die nationale NA-Hotline organisiert das Gespräch, seine Anonymität wird, wie die aller NA-Mitglieder, strikt bewahrt. Das Konzept von NA ist simpel: Genesende Abhängige treffen sich und reden über alles, was sie im Moment bedrückt. «Reden ist ein Menschheitskonzept, reden hilft. Auch ein gewisser Vorbildcharakter entsteht unter den Teilnehmenden und ermutigt sie», erklärt Nik. Mitmachen könnten alle Süchtigen, die einzige Voraussetzung sei der Wunsch, von den Drogen wegzukommen. Clean müsse man jedoch noch nicht sein.

NA, wie auch die Anonymen Alkoholiker und diverse andere «Anonyme» Gruppierungen, folgen dem sogenannten «12-Schritte-Programm». «Das 12-Schritte-Programm ist eine spirituelle Anweisung zur Genesung», fasst Nik zusammen. Der erste der zwölf Schritte ist simpel – für Aussenstehende: das Eingeständnis, ein Süchtiger zu sein. Im zweiten Schritt geht es dann darum, zum «Glauben an die höhere Macht» zu kommen, im dritten darum, «seinen Willen abzugeben und sein Leben der ‹höheren Macht› anzuvertrauen». Später soll man durch Selbstreflexion die eigenen Fehler erkennen und diese loslassen, Schaden, den man anderen zugefügt hat, wiedergutmachen und durch Gebet und Meditation die Verbindung zur höheren Macht vertiefen und nach dem «spirituellen Erwachen» seine Erkenntnisse mit anderen Süchtigen teilen. Das Teilen dieser Botschaft erfolgt durch die Rolle als «Sponsor» für die neueren Mitglieder von NA, die Position ist etwa als die eines «Götti» zu verstehen. Nik betont, dass das 12-Schritte-Programm spirituell, nicht religiös, und vor allem freiwillig sei – niemand würde gezwungen, diese zwölf Schritte durchzuarbeiten.

Jeden Tag finden Treffen statt in der Schweiz. Ihr Ablauf ist stets ähnlich, wenn auch von Region zu Region individualisierbar: Die Anwesenden sitzen im Kreis und jemand erzählt von seinen Gedanken, Gefühlen, Versuchungen, Erfahrungen. Es werde weder gewertet noch kommentiert, betont Nik. «Die Gruppe, das Miteinander, das Gefühl von Zugehörigkeit, stehen im Mittelpunkt und geben den Abhängigen viel Kraft zur Genesung.»

Auch Bernie*, ebenfalls Mitglied der NA, ist überzeugt und dankbar. «Ohne NA wäre ich nicht clean. Alles Wesentliche, das ich in den letzten neun Jahren gelernt habe, habe ich der NA zu verdanken: meine Karriere, meine Wohnung, meine Beziehung.» Besonders die Kontinuität und Konstanz der NA-Meetings helfe und funktioniere offensichtlich für tausende Menschen weltweit. Das 12-Schritte-Programm beschreibt er als «ein strukturiertes Programm zur besseren Lebensqualität», das Spirituelle sei zweitrangig und zudem für Aussenstehende schwer greifbar.

Selbsthilfegruppe oder Sekte?

Auf der Website von Narcotics Anonymous findet man Zitate wie: «Wir sind betraute Dienerinnen und Diener der höchsten Autorität», «Die Aufgabe jeder Gruppe ist es, die Botschaft an Süchtige zu bringen, die noch leiden» oder «Die Anonymität soll uns ständig daran erinnern, Prinzipien über Personen zu stellen.» Die «Zwölf Traditionen» der Gruppe, die internen Regeln, gelten als «nicht verhandelbar», da sie die Gemeinschaft «lebendig und frei» erhalten würden.

Bei Recherchen im Internet stösst man auf Foren, die NA als «Sekte» beschreiben. Infosekta, eine Konsumentenschutzorganisation, die über Sekten informiert, ist NA nicht als offizielle Sekte bekannt. Die Infosekta-Sprecherin meint aber: «Solche Zitate zeigen, dass der Ansatz der Selbsthilfegruppe in eine gewisse Ideologie eingebettet ist. Es kommt aber immer auf die Umsetzung der Ideologie in der Realität darauf an, um eine Sekte identifizieren zu können.» Die Frage sei, ob es Zwang oder Drohungen innerhalb der Gruppe gebe, am Programm teilzunehmen, wie viel Freiraum die Mitglieder hätten, ob impliziter Druck zur Teilnahme herrsche. Dies müsse man immer an der konkreten Umsetzung beurteilen und nicht im Abstrakten.

Die Kontaktstelle Selbsthilfe im Kanton Solothurn unterstützt die NA darin, die Meetings der Öffentlichkeit bekannt zu machen. «Wir wissen, dass die Gruppen strukturiert nach dem 12-Punkte-Programm arbeiten und sehr vielen Menschen in der ganzen Welt helfen. Klar ist aber natürlich auch, dass nicht jede Gruppe alle Leute gleichermassen anspricht und weiterbringt», sagt Regina Schmid, Leiterin der Kontaktstelle. Dass es sich bei der Selbsthilfegruppe um eine sektenähnliche Gruppierung handeln könne, sei ihr nicht durch den Kopf gegangen, meint Schmid. Die strikte 12-Schritte-Struktur und Kommunikationskultur bei Narcotics Anonymous und Alcoholics Anonymous helfe unzähligen Menschen, abstinent leben zu können. «Diese Strukturen sind aus meiner Erfahrung für Selbsthilfegruppen im Bereich Sucht sehr hilfreich», so Schmid.

Auch die Schweizerische Koordinations- und Fachstelle Sucht sieht in NA keine Gefahr. «Jede Selbsthilfeorganisation hat ihre Methode, bei der NA ist es das 12-Schritte-Programm. Wir kritisieren die einzelnen Methoden nicht, die Hauptsache ist es, dass die Süchtigen Stabilisierung finden», meint Fachstellenleiterin Franziska Eckmann. Ihr sei nicht bekannt, dass die NA das Leben der Mitglieder kontrolliere oder zwanghaft sei. Ihrem Wissen nach handle es sich um keine Sekte.

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