Solothurner Kantonsrat
Sek E und Sek P sind die Sorgenkinder der Bildungspolitik

Der Solothurner Kantonsrat stellt bei der Oberstufenreform gravierende Mängel fest – doch der Bildungsdirektor Remo Ankli schweigt.

Elisabeth Seifert
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Regierungsrat Remo Ankli: Seine Partei, die FDP, geht mit der Oberstufenreform hart ins Gericht. Er selber hatte am Mittwoch dazu nichts zu sagen.

Regierungsrat Remo Ankli: Seine Partei, die FDP, geht mit der Oberstufenreform hart ins Gericht. Er selber hatte am Mittwoch dazu nichts zu sagen.

Hanspeter Bärtschi

Bildungsdirektor Remo Ankli dürfte an der Debatte am Mittwoch im Kantonsrat über die völlig neu gestaltete Sekundarstufe I wenig Freude gehabt haben. Während die Regierung das Projekt auf Kurs sieht, erkannten sämtliche Fraktionen zum Teil gravierende Mängel – und forderten zu deren Behebung mehr als blosse «Pflästerlipolitik».

Umso erstaunlicher war es da, dass der Bildungsdirektor die Gelegenheit ungenutzt verstreichen liess, um den Bedenken zu begegnen. Besonders hart ins Gericht mit den neuen Strukturen auf der Oberstufe gehen die Freisinnigen und die SVP, die beide mittels Interpellationen dem Regierungsrat eine Reihe von Fragen unterbreiteten – und mit den weithin beschwichtigenden Antworten alles andere als zufrieden sind.

Gründung einer Sek E+?

Ähnlich wie vor einigen Monaten bereits die Volksschullehrkräfte in einer Umfrage sprach gestern auch FDP-Sprecher Andreas Schibli (Olten) von einem «Niveauverlust» in der Sek I – und meinte damit vor allem die Sek E im Vergleich zur früheren Bezirksschule. Erhärtet werde diese Feststellung vom kantonalen Gewerbeverband und auch von den Berufsschulen.

Fraktionskollege und Berufsschullehrer Beat Käch (Solothurn) macht «grosse Niveauunterschiede» aus bei den neu eintretenden Schülerinnen und Schülern in der Kaufmännischen Berufsschule. «Über die Hälfte der Neueintretenden ist im Französisch ungenügend», sagte er am Mittwoch im Rat. Aufgrund solcher Beobachtungen aber werde es schwierig, meinte Andreas Schibli, dass die Sek E – wie von der Reform vorgesehen– für eine anspruchsvolle Berufslehre qualifiziert.

«Alle sind gefordert, sich für eine bessere Lösung einzusetzen», forderte der FDP-Sprecher – und plädierte für die Überprüfung von zwei Alternativen. Zum einen könne sich die FDP eine Verlängerung der Sek P von heute zwei auf drei Jahre vorstellen, wie dies in den anderen drei Kantonen im Bildungsraum Nordwestschweiz der Fall ist. Mit einer solchen Verlängerung verbunden wäre dann auch, dass sich die Sek P nicht mehr nur an künftige Gymnasiasten richte, sondern an alle sehr guten Schüler, unabhängig von ihrer späteren Laufbahn.

Als zweite Variante brachte Schibli mit einer Sek E+ die Einführung einer zusätzlichen Abteilung auf der Sekundarstufe I ins Spiel, die in etwa der früheren Bezirksschule entsprechen sollte. Ganz unabhängig von solch konkreten Vorschlägen aber ist es gemäss Andreas Schibli höchste Zeit, dass alle Beteiligten – etwa im Rahmen einer Arbeitsgruppe – zusammensitzen, um nach Lösungen zu suchen.

Ähnlich wie für die FDP akzentuieren sich auch für die SVP die Probleme der neuen Sek I bei der allzu klaren Ausrichtung der Sek P auf die künftigen Gymnasiasten und der Sek E auf Berufslernende. «Wie viele Primarschüler in der Mitte der 6. Klasse wissen wirklich, ob sie später eine Lehre oder eine gymnasiale Matura machen wollen?», fragte Beat Künzli (Laupersdorf).

Sek-P-Schüler, die sich nach der zweiten Klasse für eine Berufslehre entscheiden, würden «bestraft», indem sie für das neunte obligatorische Schuljahr eine «Rückstufung» in die Sek E in Kauf nehmen müssen. «Es muss doch möglich sein, dass die entsprechenden Schüler dieses neunte Schuljahr auf dem gleichen Niveau absolvieren können», warb Künzli ganz ähnlich wie Andreas Schibli für eine dreijährige Sek P. Die Sek P müsste dann, so Künzli, ähnlich wie die Sek E und die Sek B auch Berufsfindungs-Gefässe einführen.

Höhere Durchlässigkeit gefordert

Mathias Stricker (SP, Bettlach) erinnerte daran, dass die Sozialdemokraten unter anderem mit Blick auf zu erwartende «Niveauunterschiede» die Oberstufenreform abgelehnt haben. Auch er stellte am Mittwoch fest, dass sich die Sek E in den Köpfen der Beteiligten noch nicht als Weg etabliert hat, der für eine anspruchsvolle Berufslehre qualifiziert.

«Die Sek E muss aber auch erst zeigen, dass sie wirklich das nötige Niveau hat», hielt er kritisch fest. «Vielleicht ist die Schaffung einer Sek E+ mit bestimmten Zusatzlektionen wirklich eine mögliche Lösung», zeigte Stricker gewisse Sympathien für den Vorschlag der FDP. Im Weiteren monierte der SP-Sprecher, dass das neue Übertrittsverfahren zu stark auf Noten fokussiere. «Andere Kantone legen einen grösseren Wert auf die Empfehlungen der Lehrerschaft.» Einen weiteren Schwachpunkt erkennt die SP in der mangelnden Durchlässigkeit. Der Wechsel von der Sek E in die Sek P etwa sei aufgrund der sehr unterschiedlichen Lehrpläne «erschwert» und nur mit einem Verlustjahr überhaupt möglich.

Auch für Grünen-Sprecher Felix Wettstein (Olten) ist es wichtig, dass die Durchlässigkeit zwischen Sek P und Sek E besser spielt – «und zwar in beiden Richtungen», wie er betonte. Volles Verständnis hat Wettstein für all jene Eltern und Schüler, die – wenn immer möglich – den Eintritt in die Sek P anstreben, «obwohl sie noch nicht wissen, ob für sie später eine Berufslehre oder die Matura infrage kommt». Die logische Folge für ihn daraus ist, dass alle Abteilungen der Sek I, also auch die Sek P, drei Jahre dauern müssen.

Für Nicole Hirt (GLP, Grenchen) als Vertreterin der Mittefraktion sind im vierten Jahr der Reform klar gewisse Schwierigkeiten und Mängel festzustellen. Auch sie machte die Beobachtung, dass die «Akzeptanz» der Sek E vielerorts nicht vorhanden ist. Aufgrund des «Konglomerats» aus früheren Bezirks- und Sekundarschülern sei dies, so Hirt, aber durchaus verständlich.