Neues Schulhaus, neue Lehrer, neue Gspändli. Für 2353 Sechstklässler öffentlicher Schulen im Kanton Solothurn ist es diesen Sommer so weit. Sie kommen in die Oberstufe. Aber in welche – Sek B, E, oder P? Das entscheidet die Lehrperson.

Seit diesem Schuljahr gilt ein neues Übertrittsverfahren; das sogenannte Empfehlungsverfahren. Die Noten der fünften Klasse zählen nicht mehr für den Übertritt. Auch die «OA» (Orientierungsarbeit) wurde abgeschafft. Dafür fällt die Empfehlung der Lehrperson stärker ins Gewicht. Sie stützt sich auf regionale Vergleichstest, die jede Schule ab der 5. Klasse mindestens einmal durchführen sollte, beurteilt Leistungen aus dem Regelunterricht und gibt eine Einschätzung zum Lernverhalten des Kindes ab.

Im Rahmen eines Übertrittsgespräch macht sie den Eltern klar, wie sie das Niveau des Kindes einschätzt. B, E, oder P? Meist sind sich Eltern und Lehrer einig. Aber: «Es gibt immer Eltern, die nicht einverstanden sind», sagt Elisabeth Ambühl-Christen, Abteilungsleiterin Schulbetrieb beim Solothurner Volksschulamt. Diese Eltern haben seit diesem Schuljahr eine Möglichkeit, diese Einschätzung anzufechten – indem sie ihr Kind eine zusätzliche Prüfung schreiben lassen.

180 Minuten Mathe und Deutsch

Diese Kontrollprüfung fand dieses Jahr zum ersten Mal statt. Im April in Solothurn, Olten und Breitenbach. Laut Volksschulamt mussten 190 Schüler aus dem Kanton antraben. In zwei Blöcken à 90 Minuten lösten sie Mathe- und Deutschaufgaben. Lesen und Verstehen, Rechtschreibung, Brüche, Geometrische Formen.

Dann gelten die Notendurchschnitte auf die sich auch die Lehrperson bei ihrer Empfehlung stützt: ab 4.6 Sek-E. Ab 5.2 Sek-P. Die Kontrollprüfung zählt aber nur, wenn sie besser ausfällt, als die ursprüngliche Lehrerempfehlung. Laut Ambühl-Christen ist dieser Test eine «gute Möglichkeit» für Eltern, sich abzusichern – wenn sie den Entscheid des Lehrers anzweifeln.

Weniger Prüfungsdruck?

190 Kinder, die an die Kontrollprüfung gehen. Das seien doch «relativ Viele», sagt Roland Misteli, Geschäftsleiter des Solothurner Lehrerverbands (LSO). Ist das neue Verfahren mühsam? Müssen Lehrer mit Eltern «schtürmen», die dann doch darauf beharren, ihr Kind noch eine Prüfung schreiben zu lassen? Es sei noch zu früh, um Bilanz zu ziehen, so Misteli. In ersten Rückmeldungen der Lehrer hiesse es aber: «entspannt».

Die Kinder seien weniger unter Prüfungsdruck, weil nicht schon ab der 5. Klasse die Noten für den Übertritt zählen. Und keine grosse «OA» mehr ansteht, die entscheidend ist. Weniger Prüfungsdruck und weniger «teaching to the test» – das waren einige der Beweggründe für das neue Übertrittsverfahren.

Etwas Druck bleibt aber, berichtet Peter Brotschi, Lehrer in Grenchen und CVP-Kantonsrat. Und zwar in der Zeit in der 6. Klasse, in der die Tests für das entscheidende Zeugnis geschrieben werden. «Diese Zeit zählt. Und das wissen die Kinder auch.» Aber es gehöre schliesslich auch dazu, dass Kinder lernen, mit etwas Druck umzugehen.

«Die Stunde der Wahrheit»

Brotschi schätzt das neue Verfahren als grundsätzlich praktikabel ein. Als «kritisch» bezeichnet er den Zeitplan zwischen den letzten Tests und der Empfehlungsabgabe, bevor dann die Kontrollprüfung ansteht. In zwei Wochen habe er 23 Elterngespräche geführt. Diese habe er dafür als «konstruktiv» erlebt.

Aber: «Es braucht völlige Transparenz», sagt der Lehrer. Man müsse von Anfang an klar machen, welche Notenwerte welchem Sek-Niveau entsprechen. Die Noten kennen die Eltern, da sie sie jeweils unterschreiben müssen. So überschätzen sie das Kind auch nicht, wollen es nicht in eine andere Stufe drücken.

Brotschi gibt jedoch auch zu Bedenken, dass beim Übertritt die «Stunde der Wahrheit» für Kinder in der speziellen Förderung schlägt. Die Kinder, die mit ihren Gspändli in die gleiche Klasse gingen, aber andere Vorgaben und Lernziele hatten. Auch sie kommen in die Oberstufe.

B, E, oder P? Für B oder P reicht es oft nicht. Dazu wird auch entschieden, ob die Kinder auch in der Sek 1 noch speziellen Förderbedarf haben. Es sei nicht immer ganz einfach, das den Eltern beizubringen, so Brotschi. Zur Kontrollprüfung musste nur ein Kind aus seiner Klasse, das knapp zwischen dem Niveau zweier Stufen stand.

Nur bei 7 Schüler andere Stufe

Anfang diese Woche wurden nun die definitiven Übertrittentscheide mitgeteilt. Nur in sieben Fällen änderte die Kontrollprüfung etwas an der ursprünglichen Empfehlung der Lehrperson. 129 der 190 Kinder wollten von der Sek B in die Sek E. Geschafft haben es 3. Die restlichen 61 versuchten den Sprung von Sek E in Sek P zu ändern. Geschafft haben es 4.

«Für uns bedeutet das: Die Lehrpersonen können gut einschätzen, welches Niveau das richtige ist», sagt die Leiterin Schulbetrieb beim Volksschulamt Ambühl-Christen. Auch Misteli vom LSO sagt: «Das verhebt.»

An den Resultaten der Kontrollprüfung gibt es für die Eltern nun nichts mehr zu rütteln. Dafür können sie gegen das gesamte Übertrittsverfahren innert 10 Tagen Beschwerde einlegen. Nach dem Start in die Sek kann das Kind auch noch in eine andere Stufe eingeteilt werden. «Es gibt immer Eltern, die nicht zufrieden sind», betont Ambühl-Christen. «Auch nach der Kontrollprüfung.»