Galant begrüsst Christian Ryf seinen Fahrgast, der bereits vor der Haustüre in Flumenthal wartet. Er begleitet die Frau, nennen wir sie Ursula Meier*, mit dem Rollator zum Auto, hilft ihr beim Einsteigen und versorgt die Gehhilfe sorgfältig im Kofferraum. Und ab geht die Fahrt, zügig nach Solothurn. Der 72-jährige Ryf ist kein Taxichauffeur, sondern einer der vielen Freiwilligen-Fahrer, welche im Kanton Solothurn für das Rote Kreuz unterwegs sind.

Seit fünf Jahren fährt der rüstige Mann für die Organisation. «Ich bin mehrmals pro Woche unterwegs», sagt Ryf. Da kommt einiges zusammen. 20 000 bis 25 000 Kilometer pro Jahr. Aber das ist kein Problem für ihn, denn Autofahren ist praktisch seine Passion. Zwei Jahre über die offizielle Pensionierung hinaus war der Flumenthaler während 40 Jahren als Lastwagen-Chauffeur in der Schweiz unterwegs.

Keine anonyme Taxifahrt

Seine Erfahrung setzt er auf der Fahrt über Riedholz nach Solothurn ein. Sicher und umsichtig steuert Ryf seinen Kleinwagen der Marke Kia Soul über die Strasse und plaudert vergnügt mit Ursula Meier. Sind Sie zufrieden mit Ihrem Chauffeur? Sie lächelt, nickt und sagt Ja, sehr. «Sag ja nichts anderes, sonst musst du zu Fuss gehen», witzelt Ryf.

Die beiden kennen sich schon lange. «Mit vielen Fahrgästen hat sich ein vertrautes Verhältnis aufgebaut.» Es ist keine anonyme Taxifahrt. Ryf macht, in Solothurn angekommen, einen kurzen Umweg über den Amtshausplatz. «Damit du etwas siehst», sagt er zu ihr. Und sie freut sich an den vielen Menschen, die sich wenige Tage vor Weihnachten vom oder zum Einkaufen über den Platz bewegen. Pünktlich trifft Ryf im Solothurner Obach-Quartier ein.

Wiederum hilft er der Frau behutsam beim Aussteigen, macht den Rollator parat. Sie fährt mit dem Lift in den zweiten Stock zur Physiotherapie. Jetzt ist Warten angesagt. Dafür braucht es Geduld, insbesondere dann, wenn kein Tearoom oder Restaurant in der Nähe ist. «Das macht mir nichts aus, mir wird es nicht langweilig.»

In Jeans, kariertem Hemd und schwarzer Lederjacke steht Christian Ryf da und erzählt, wie er zum Freiwilligenfahrer für das Rote Kreuz wurde. «Meine Schwester musste jahrelang zur Dialyse ins Bürgerspital. Der Transport wurde durch das Rote Kreuz durchgeführt.» Da habe er sich gedacht, das sei eine gute Sache, und nach der Pensionierung wolle er das auch machen. «Es ist schön, anderen Menschen helfen zu können, und der Job ist kurzweilig.» Darin liege seine Motivation, viele Stunden in die Freiwilligenarbeit zu investieren. «Geld gibt es ja keines zu verdienen.»

Die Fahrspesen sind gedeckt

Das ist für ihn Lohn genug. Als Freiwilligenfahrer erhält er 70 Rappen pro gefahrenen Kilometer, ansonsten leistet er sozusagen Gratisarbeit. Das bestätigt Monika Schönenberger, Leiterin Marketing & Kommunikation beim Schweizerischen Roten Kreuz Kanton Solothurn. «Unsere Freiwilligen erhalten Fahrspesen, um ihre direkten Kosten zu decken.» Darüber hinaus erhielten sie keine Vergütung. «Geboten werden ihnen aber SRK-interne Weiterbildungen und eine interne Ansprechperson im Bereich Freiwilligenmanagement und Support», so Schönenberger.

Christian Ryf fährt seine «Gäste» nicht nur in der Region Solothurn von A nach B. Ab und zu ist er mit seinem Auto unterwegs ins Inselspital Bern oder auch ins Thermalbad in Zurzach. «Einmal habe ich eine Person sogar nach Freudenstadt in Deutschland zur Kur gefahren», erinnert er sich. Drei Wochen später habe er sie dort wieder abgeholt. «Und ich fahre bei jedem Wetter, ob Sonnenschein und Hitze oder Schneefall und Kälte», meint er stolz.

Der Flumenthaler ist nicht etwa eine Ausnahme. «Insgesamt zählen wir allein im Kanton Solothurn aktuell 288 Freiwilligenfahrer», sagt Monika Schönenberger. Im vergangenen Jahr hätten diese rund 765 000 gefahrene Kilometer abgerechnet. Diese Zahlen mögen erstaunen. Aber: «Diese Dienstleistung ist sehr wichtig und entspricht einem grossen Bedürfnis.»

Es würden medizinische Fahrten, aber auch sogenannte integrative Fahrten wie für Freizeitaktivitäten, Besuche von Bekannten oder auf den Friedhof gebucht. Der Rotkreuz-Fahrdienst richte sich an ältere, kranke und in der Mobilität eingeschränkte Menschen. Die Fahrgäste bezahlen für Kurzstrecken eine Pauschale, für längere Fahrten eine Kilometerentschädigung.

«Die Ansätze sind tief und unsere Kosten werden bei weitem nicht gedeckt», hält Schönenberger fest. Es würden keine Gewinne generiert.

Geschichten, die ans Herz gehen

Inzwischen ist Ursula Meier nach der Physiotherapie bereit für die Rückfahrt. Sie ist sehr dankbar für den Fahrdienst, muss sie doch wöchentlich in die Physio- und Ergotherapie, zusätzlich kommen regelmässige Arztbesuche dazu. Auf der flotten Fahrt zurück nach Flumenthal sagt Christian Ryf: «Die allermeisten ‹Kunden› schätzen die Dienstleistung sehr.» Aber es gebe auch andere, die selbst bei kurzer Verspätung beim Abholen reklamierten.

Doch Ryf nimmt das hin und freut sich vielmehr über «die vielen freundschaftlichen Beziehungen, die über die Jahre entstanden sind». Es ist eben mehr als bloss das Transportieren von Personen. Es sind vor allem auch die Gespräche, der Austausch mit den Menschen, die aus unterschiedlichsten Gründen nicht mehr mobil genug sind.

«Ich kenne viele Krankengeschichten, die ans Herz gehen.» Aber es gebe auch schöne Momente. Zum Beispiel dann, wenn er einen Patienten während mehrerer Monate zur Bestrahlung ins Spital fährt und ein Jahr später diesen zur Kontrolle begleitet. «Wenn dieser Fahrgast dann sagt, es ist alles in Ordnung, ist das ein sehr bereichernder Moment.»

Deshalb gehen die Anforderungen an die Freiwilligen über das Autofahren und das eigene Auto hinaus. «Die Fahrerinnen und Fahrer müssen kontaktfreudig sein und über ein grosses Einfühlungsvermögen verfügen», sagt die SRK-Frau. Daneben würden die Freiwilligen auch ausgebildet. Es gebe einen Einführungskurs «Fit fürs SRK» und spezifische Weiterbildungen in Bereichen wie Krankheitsbilder oder Nothilfe.

SRF1 oder Radio32

Christian Ryf, in seiner Freizeit ein passionierter Jurawanderer, hört während der Fahrt Radio SRF1. Wie immer, sagt er, mit einer Ausnahme. Dreimal pro Woche fährt er einen Schüler in ein Schulheim. Dieser wolle immer Radio32 hören. «Und zwar in einer gewaltigen Lautstärke», sagt Ryf lachend.

* Name von der Redaktion geändert.