Arbeitsmarkt
Seit August 2010 waren nicht mehr so viele Solothurner arbeitslos

Im Kanton Solothurn waren im Dezember 2015 23,4 Prozent mehr Personen ohne Job als im Vorjahr. Die Frankenstärke schlägt voll durch. Laut Experten wird die Arbeitslosenquote weiter ansteigen.

Franz Schaible
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Seit 2010 waren nie mehr so viele Personen arbeitslos wie im Dezember 2015.

Seit 2010 waren nie mehr so viele Personen arbeitslos wie im Dezember 2015.

Keystone

Der Kanton Solothurn hat gegen das Jahresende hin aufgeholt. Allerdings nicht in positiver, sondern in negativer Hinsicht. Während vor einem Jahr die Arbeitslosenquote mit 2,6 Prozent noch deutlich unter dem landesweiten Durchschnitt von 3,5 Prozent lag, ist der Abstand inzwischen merklich geschmolzen.

In keinem anderen Kanton hat sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt so stark verschlechtert wie im Solothurnischen. Die Zahl der Menschen ohne Arbeit stieg um 873 auf 4601 im vergangenen Dezember. Das entspricht einer Zunahme von 23,4 Prozent. Landesweit betrug die Zunahme im vergleichbaren Zeitraum «nur» 7,6 Prozent.

«Zunahme stärker als erwartet»

Insbesondere im Monat Dezember hat sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt massiv verschlechtert, kommentiert Jonas Motschi, Chef des kantonalen Amtes für Wirtschaft und Arbeit (AWA), die aktuellen Zahlen. Die Quote sprang von 2,9 Prozent im November auf 3,2 Prozent im Berichtsmonat.

Das ist der höchste Stand seit August 2010. Die Zunahme sei stärker als erwartet ausgefallen. Nach den schlechten Novemberzahlen habe man mit einer besseren Entwicklung gerechnet. Motschi macht einerseits saisonale Gründe geltend.

Gerade im Bauhaupt- und im Baunebengewerbe sinke in den Wintermonaten traditionellerweise die Beschäftigung. Verträge mit Temporärpersonal würden nicht verlängert, wenn sich die Auftragslage abschwäche. Ein Indiz dazu liefert die Aufschlüsselung der Stellensuchenden nach Nationalität und Geschlecht.

So ist im Dezember die Zahl der Ausländer deutlich stärker angestiegen als jene der stellensuchenden Schweizer. Dasselbe gilt für die Aufteilung nach Geschlecht. Die Zahl der Männer auf Stellensuche hat dreimal stärker zugelegt als jene der Frauen (siehe Grafik). Der Zusammenhang zum Saisoneffekt liegt darin, dass in den bau- und baunahen Branchen überdurchschnittlich viele Männer und Ausländer arbeiten.

Exporte im November im Keller

Allein damit sei der Anstieg der Arbeitslosigkeit aber nicht zu erklären. Insbesondere habe der starke Franken negativ auf die Auftragslage der im Kanton Solothurn überdurchschnittlich vertretenen Exportindustrie gewirkt.

Auf einen Schlag seien viele Firmen preislich nicht mehr konkurrenzfähig geworden, die Aufträge fielen weg. Die Unternehmen hätten vielfach folgerichtig mit Massnahmen zur Effizienzsteigerung reagiert. Das führe aber nebst der Stärkung des einzelnen Unternehmens auch zu weniger Arbeitsplätzen.

«Die Aufhebung der Wechselkursuntergrenze hat dieser Entwicklung Schub gegeben.» Davon betroffen sei namentlich die Metall-, Elektro-, Uhren- und Optikindustrie, welche eben stark auf ausländische Märkte ausgerichtet seien. Denselben Effekt verursache die schleppende Weltwirtschaft.

Gerade Europa, der mit Abstand wichtigste Markt der Solothurner Wirtschaft, komme einfach nicht richtig vom Fleck. Der Zusammenhang ist auch hier direkt ablesbar. Wie der Arbeitsmarkt haben sich auch die Exporte aus dem Kanton Solothurn bis im Herbst einigermassen wacker gehalten.

Dann sind die Ausfuhren in Oktober und besonders im November deutlich eingebrochen (wir berichteten).

«Keine Entwarnung»

Mit Blick auf das laufende Jahr gibt Motschi «keine Entwarnung, ohne die Lage dramatisieren zu wollen». Angesichts der vor Jahresfrist geäusserten Befürchtungen über die Auswirkungen der Frankenstärke sei «der Arbeitsmarkt Solothurn noch mit einem blauen Auge davongekommen».

Aber die Arbeitslosenquote werde bis im Sommer auf 3,5 bis 3,7 Prozent weiter steigen. Mit vielen Massenentlassungen sei nicht zu rechnen, in der Summe addiere sich die Zahl der Betroffenen trotzdem. Erst danach werde sich die Lage verbessern, stützt sich Motschi auf Prognosen der Konjunkturinstitute ab.

Auch Wirtschaftsprofessor Mathias Binswanger rechnet nicht «mit einem dramatischen Anstieg» (siehe Interview unten). «Sofern nichts Aussergewöhnliches passiert, bleibt uns eine Rezession wohl erspart.»

Zum Glück spielt die erwähnte Abhängigkeit der Solothurner Exportindustrie von der Entwicklung der Wechselkurse und der Verfassung der ausländischen Märkte auch im Gegenteil.

Sobald sich beide Faktoren positiv verändern, profitiert Solothurn überdurchschnittlich rasch. So ist die Arbeitslosenquote nach der letzten Krise von 4,6 Prozent Ende 2009 innert anderthalb Jahren auf 2,1 Prozent gesunken; so rasch und stark wie in keinem anderen Kanton

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