Der Weg der Zeitung
Seit 13 Jahren schleicht Zeitungsverträger Roger Prétat durch die Nacht

Roger Prétat ist seit 13 Jahren unterwegs, wenn die meisten noch schlafen. Er verteilt bereits seit 13 Jahren die Zeitungen. Treue Begleiter von Prétat sind seine beiden Hunde. Ein Jack-Russel-Terrier und ein Golden Retriever.

Julian Perrenoud
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Roger Prétat, Zeitungsverträger Nummer 9723, bringt die Zeitung das letzte Wegstück zu den Leserinnen und Lesern.

Roger Prétat, Zeitungsverträger Nummer 9723, bringt die Zeitung das letzte Wegstück zu den Leserinnen und Lesern.

Julian Perrenoud

Leise schliesst er das Gartentürchen. Der Automotor tuckert, sonst ist es still auf der Krummturmstrasse in Solothurn. Es ist halb vier Uhr morgens, oder besser gesagt nachts. Denn bis der Morgen wirklich anbricht und die Schicht des Verträgers mit der Nummer 9723 endet, dauert es noch drei Stunden, zwei Touren und viele Stapel Zeitungen. Seit genau 13 Jahren sorgt Roger Prétat für die Frühzustellung der Solothurner Zeitung, anderer Tageszeitungen und Wochenmagazine. Er ist dann unterwegs, wenn die meisten Leute schlafen, wenn sich die Welt etwas ruhiger dreht.

Auf seinen Touren ist Prétat nicht alleine, seine vierbeinigen Begleiter, ein Jack-Russel-Terrier und ein Golden Retriever, sind hinten im Auto mit dabei. Der eine schnauft hörbar, der andere winselt leise im Schlaf. Heute ist es friedlich, aber Prétat hat schon, wie er sagt «allerhand erlebt». Besonders an Wochenenden, vor allem betrunkene Junge, die auf den Strassen herumlungern, ihn zuweilen ansprechen und um eine Zigarette bitten. Gross Zeit für Gespräche hat der Zuchwiler aber nicht, muss er doch drei Touren absolvieren, will er pünktlich ausliefern. Ist er mal zu spät unterwegs, kommt es vor, dass ihn Abonnenten bereits an der Tür erwarten. Allgemein gelte: Je früher, desto besser. Auch des Verkehrs wegen.

Kunden nicht verärgern

Prétat biegt in eine Quartierstrasse ein. Die Wege hat er sich eingeprägt, ebenso wie die Adressen. Lediglich bei Mutationen wirft er noch einen Blick in seine Unterlagen. Die verschiedenen Zeitungen hat er griffbereit im Auto verteilt. Bei einem Wohnblock zählt er durch: «zehnmal Solothurner Zeitung, zweimal Blick, dreimal BZ ...»

Die äusseren Bedingungen sind heute ideal, es ist vergleichsweise warm, 3 Grad, es liegt weder Eis noch Schnee. Das war in der Nacht vom 7. auf den 8. Dezember des letzten Jahres anders. In dieser Nacht auf den Samstag schneite es, was der Himmel hergab. Und der Winterdienst wartete zu. Für Prétat wurde es ein langer und mühseliger Einsatz. Trotzdem hat er sich durchgebissen, denn er sagt: «Für mich ist nichts so unangenehm, wie eine Reklamation auf dem Lieferschein.» Deshalb bemüht er sich auch, die Kunden nicht zu verärgern, die Zeitung leise einzuwerfen, das Gartentörchen wieder zu schliessen. Ganz so, als wäre niemand da gewesen.

Verträger aus Not

Das letzte Haus an der Bürenstrasse. Danach sind andere Verträger zuständig. Prétat wird jetzt noch die Haushalte von der Aare bis zum Kino Canva beliefern, bevor der Tag anbricht. Es ist nicht so, dass dies sein Traumberuf wäre. Gelernt hatte er kaufmännischer Angestellter, doch er hatte Pech mit dem Arbeitgeber, die Firma ging in Konkurs. Übers RAV startete er erste Monatseinsätze als Zeitungsverträger, zuerst an Sonntagen. Der heute 68-Jährige arbeitet nun sieben Tage die Woche. Wegen verlorener Pensionsgelder aus seiner früheren Firma sei er quasi dazu gezwungen worden. «Andererseits mache ich den Job gerne.» Deshalb will er seine Arbeit sicher noch ein Jahr fortführen, bevor er mit seiner chinesischen Frau auf Reisen gehen möchte.

Ist die letzte Zeitung im Briefkasten, macht sich Prétat auf den Heimweg, geht mit seinen Hunden spazieren. Doch bevor er sich wieder für zwei Stunden schlafen legt, frühstückt er erst ausgiebig. Und dabei darf auch seine allmorgendliche Zeitungslektüre aus der Region nicht zu kurz kommen.