Vier Minuten bis zur Abfahrt. Die Bipperlisi-Haltestelle «Baseltor» ist verlassen. Dann kommt Kurt Fluri auf dem Fahrrad vorbei, hebt die Hand zum Gruss und hält vor dem Von-Roll- Haus nebenan. Dort arbeitet der Solothurner Stadtpräsident. Kurz ist Fluri hinter einem Fenster im Obergeschoss zu sehen, dann verschwindet er und taucht an der Haltestelle wieder auf. Ein Blick auf die Anzeigetafel.

Das Bipperlisi habe die Woche hindurch ab und zu etwas Verspätung, erklärt er. So auch an diesem Tag. So schafft es Fluri auf die Bahn, auch wenn er etwas knapp dran ist. Am Wochenende sei das Bipperlisi aber immer pünktlich. Und ist dem Stadtpräsidenten auch schon vor der Nase weggefahren.

Das Bipperlisi kommt. Eine ganze Schülerschar steigt aus, der Stadtpräsident ein. Pendler füllen die Bahn bis auf den letzten Sitzplatz, Kurt Fluri steht, inmitten des Stimmengewirrs. Er fährt nur zwei Minuten bis zum Hauptbahnhof. Dafür sicher viermal die Woche. Dort steigt Fluri, der auch Verwaltungsrat der asm ist, nach Bern um, wo er im Nationalrat sitzt. Die Verbindung sei praktisch, sodass er manchmal auch über den Mittag von Bern ins Büro nach Solothurn und wieder zurück fahre, erzählt Fluri. Dann steigt Fluri aus, umgeben von weiteren Pendlern, und geht raschen Schrittes auf die Unterführung zu. Zwei Minuten hat er zum Umsteigen. «Das längt.»

Das Bipperlisi steht etwa vier Minuten am Bahnhof, bevor es wieder losfährt. Richtung Oensingen, dann weiter nach Langenthal. Das Stimmengewirr von eben ist verschwunden, die Bahn ist nun fast leer und summt leise, als sie Richtung Rötibrücke losfährt. Der dortige rot-weiss markierte Übergang für Fussgänger sorgte Anfang Jahr für Schlagzeilen, weil es zu einem Unfall kam. Ein Stück weiter oben, beim Baseltorkreisel, kracht es öfter.

Unfälle und Widerstände

«Wir haben eine sichere Bahn», sagt der asm-Direktor Fredy Miller bestimmt. In den letzten zehn Jahren habe sich die Anzahl Unfälle halbiert. Das bestätigt die Statistik der Kantonspolizei. 2011 waren es 14 Unfälle, 2007 fünf. Die meisten geschahen beim Baseltorkreisel, vereinzelt auch in Riedholz, Flumenthal und Feldbrunnen.

Dort wurden 2016 die Übergänge für mehr Sicherheit saniert, worüber zuvor noch «etwas länger» diskutiert wurde, wie es Miller ausdrückt. Die Gemeinde wehrte sich nämlich vehement gegen die Umbaupläne. Diese seien nicht ortsverträglich hiess es. Mittlerweile sind die Bahnübergänge aber erneuert worden: neben dem Trassee ein Stück Rasen, daneben Randstein, rot-weisse Schranken entlang der Strecke. 

An diesen rollt das Bipperlisi jetzt vorbei. Es folgen einige «Halt auf Verlangen»-Haltestellen, an denen die roten Wagen ohne Stopp durchfahren. Rot ist das Bipperlisi seit Einführung der neuen Flotte 2008. Erinnern mögen sich die einen wohl noch an orangefarbene Züge. Solche «halb nostalgische Wagen», gibt es nicht mehr, man sei eine der modernsten S-Bahnen der Schweiz, sagt Miller. Etwas Nostalgie bleibt aber, zum Beispiel beim Eisenbahnverein von Rüttenen. Dort gibt es das alte Bipperlisi noch – in einem Miniaturmodell.

«Historisch» und «modern»

Die rote Bahn ist nun schon bei Oberbipp und dem dortigen grossen, grünen Tanklager vorbei. Nach diesem wenig idyllischen Anblick ziehen blühende Wiesen, Häuser mit Gärten und der Jura am Fenster vorbei. «Attraktiver Wohnort am Jurasüdfuss», wie der asm-Direktor Miller sagt. Etwa für junge Familien, die aufs Auto verzichten und mit dem öV fahren. Was ein Grund für die stetig steigende Anzahl der asm-Fahrgäste sein soll.

An diesem Morgen ist davon aber nicht viel zu spüren. Immer noch relativ leer hält das Bipperlisi in Niederbipp. Hier befand sich vor vielen Jahren die Endstation der Bahn. Darum hiess sie zu Beginn auch Solothurn-Niederbipp-Bahn (siehe Meilensteine ganz unten). Neben den Gleisen in Niederbipp stehen weisse Festzelte. Hier wird heute Samstag das 100-Jahr Jubiläums-Fest gefeiert. Noch herrscht hier Stille – wie in der Bahn.

100 Jahre Bipperlisi

100 Jahre Bipperlisi

Vielen ist die Regionalbahn vor allem wegen den häufigen Unfällen ein Begriff. Doch die Lokführer wissen einiges mehr zu erzählen.

Das ändert sich in Oensingen. Seit dem Streckenausbau von 2012 fährt das Bipperlisi bis hier. «Auf einen Schlag 10 Prozent mehr Fahrgäste», so der asm-Direktor.

Pendler steigen in Oensingen vom oder auf den Schnellzug um, Kantischüler aus dem Thal haben hier Anschluss nach Solothurn. Sie blicken auf Karteikärtchen oder in ihre Bücher, um in den letzten Minuten noch für die Prüfung zu lernen. Im Halbstundentakt kommen sie von Oensingen mit dem Bipperlisi nach Solothurn.

Künftig vielleicht alle 15 Minuten, aufgrund des Andrangs zu Stosszeiten soll die Bahn regelmässiger fahren, sagt der asm-Direktor. Taktverdichtung, neues Rollmaterial, Streckenausbau, so spricht Miller über vergangene Meilensteine bei der asm. Er sagt aber auch: «Das Bipperlisi ist mehr als eine Bahn». Es gehört zu Solothurn. Wo es an der Fasnacht regelmässig auf die Schippe genommen wird.

Oft sei es angezweifelt worden, und doch rollt es noch immer. Aus dem Bahnhof Oensingen, durch Berner Gemeinden, entlang gesicherter Bahnübergängen Wiesen, vorbei am leeren Büro von Kurt Fluri, zurück zum Solothurner Hauptbahnhof.