Schweizerischer Blindenbund

Sehbehinderte Zuchwilerin will gerne Kindergärtnerin werden

Sabine Reist arbeitet seit 2005 mit anderen Sehbehinderten im Service des «Dunkel-Restaurants» Blindekuh in Zürich.

Sabine Reist arbeitet seit 2005 mit anderen Sehbehinderten im Service des «Dunkel-Restaurants» Blindekuh in Zürich.

Die Regionalgruppe des schweizerischen Blindenbundes feiert ihren 50. Geburtstag. Vorstandsmitglied Sabine Reist (33) beweist, dass man als sehbehinderter Mensch sehr aktiv sein kann. Momentan schnuppert sie im Kindergarten.

Ein Sofa steht im Wohnzimmer der Zweizimmerwohnung in Zuchwil, auch ein Tisch und ein Regal. Es ist alles liebevoll eingerichtet, mit Bildern an den Wänden und in Farben, die eine beruhigende Wirkung haben. Sabine Reist sitzt am Tisch, die Fensterfront im Rücken. In der Nähe der 33-Jährigen hat es sich die Hundedame Quinoa gemütlich gemacht. Sie ist ein Labrador, sechs Jahre alt und als Blindenführhund ausgebildet.

Reist ist auf dem rechten Auge blind, auf dem anderen sah sie als Kind zehn Prozent, inzwischen sind es nur noch fünf. Als Fötus, im Bauch während der Schwangerschaft ihrer Mutter, hat sie sich mit Toxoplasmose infiziert (siehe Kasten). Das Virus befällt vor allem Katzen und wird durch deren Haar und Kot übertragen. Bei Reist hat das Virus die Netzhaut angegriffen.

Ein nicht ganz leichter Lebensweg

Reist besuchte bis zur fünften Klasse die öffentliche Schule, dann wechselte sie nach Zollikofen, wo sie auch die Blindenschrift lesen gelernt hat. Sie hat verschiedene Ausbildungen gemacht, auch eine KV-Lehre, doch eine Stelle fand sie trotz vieler Bewerbungen nie.

Immerhin, für sechs Jahre konnte sie in der Derendinger Firma ihres Vaters in der Buchhaltung arbeiten. Danach blieb ihr eine Anstellung weiterhin verwehrt – obwohl sie nun Praxiserfahrung in ihrem Metier aufweisen konnte. Den Unternehmen sei wohl das Risiko zu hoch gewesen, vermutet Reist. «Nach dem Einarbeiten hätte ich gewiss keine Probleme gehabt, meine Aufgaben durchzuführen», ist sie sich sicher.

Seit 2005 arbeitet Reist mit anderen Sehbehinderten im Service des «Dunkel-Restaurants» Blindekuh in Zürich – ein bereichernder Job: «Er ist abwechslungsreich, international und mir gefällt der Kontakt.»

Nun versucht Reist, sich einen weiteren Traum zu verwirklichen: «Mich hat das Soziale schon immer sehr gereizt. Ich wollte einmal Kindergärtnerin werden. Momentan schnuppere ich in Kinderkrippen», erklärt sie.

Reist beweist, dass man als sehbehinderter Mensch sehr aktiv sein kann: Mit einer Begleitperson geht sie schwimmen, Ski fahren und wandern. Sie hat auch schon mehrere Gipfel erklommen. Sie kocht und bäckt leidenschaftlich, trifft Freunde, macht Pilates und wird bald in einem Kirchenchor mitsingen. «Aber ich kann schon still sitzen», schmunzelt sie. «Ich mag auch gerne Hörspiele.»

Fünfzig Jahre Regionalgruppe

Als Achtjährige trat Reist der Regionalgruppe Nordwestschweiz des Schweizerischen Blindenbundes bei. Dieser hat seinen Hauptsitz in Zürich und ist in sechs Regionen eingeteilt. Vor 50 Jahren wurde die Regionalgruppe Nordwestschweiz gegründet. Er bietet Sehbehinderten eine Plattform: Sie können sich untereinander austauschen, an Anlässen teilnehmen und sich beraten lassen.

Momentan hat die Regionalgruppe rund 220 Mitglieder. Die meisten sind älter als Sabine Reist, es gäbe aber auch ein paar in ihrem Alter und Kinder. Seit ein paar Jahren sitzt sie im Vorstand, bereits im zweiten Jahr als Kassierin.

Natürlich freut sie sich über das Jubiläum. Zu diesem Anlass hat der Vorstand dieses Jahr auf Mitgliederbeiträge verzichtet und ein spezielles Jahresprogramm zusammengestellt. Der Höhepunkt wird ein dreitägiger Ausflug sein, der die Teilnehmenden nach Deutschland führt, davon einen Tag nach Rust in den «Europapark».

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