Ressentiments

«Secondos müssen besser sein als der Durchschnitt der Schweizer»

Tvrtko Brzovic, Präsident des Vereins Second@s Plus

Tvrtko Brzovic, Präsident des Vereins Second@s Plus

«Es kommt oft der Spruch: Wenn es Dir nicht passt, hau ab», meint Tvrtko Brzovic. Der heute 33-Jährige hatte aber keine Wahl: Er ist als Secondo in der Schweiz geboren. Zum 1. August hat er einige Wünsche.

Mit 15 stand Tvrtko Brzovic vor der Einbürgerungskommission in Solothurn. «Es war speziell. Als Jugendlicher ist man da schon nervös», sagt der Berufsschullehrer. Heute ist er 33 und als Präsident des Vereins Second@s Plus einer der Vorkämpfer für eine liberalere Bürgerrechtspraxis.

Tvrtko Brzovic, Ihr Name ist ein Zungenbrecher.

Mein Name ist bei jeder neuen Begegnung ein Thema. Einige haben Angst, ihn falsch auszusprechen. Andere glauben mir den Namen gar nicht, weil ich Solothurndeutsch spreche. Die sagen: «Verarsch mich jetzt nicht.»

Ihr Name passt in deren Augen offenbar nicht zu einer reinen Mundart.

Genau, aber ich spiele auch gerne damit. Ich sage jeweils: Ich komme aus Solothurn, nicht aus Kroatien.

Hatten Sie nie Probleme wegen Ihres Namens?

Ich kann damit umgehen. Aber als meine Eltern eine Verwaltung anriefen, ob sie eine Wohnung besichtigen könnten, sagte die Person am Telefon: Haben Sie überhaupt gesehen, wie teuer diese ist? Dabei wusste diese Person nicht einmal, was mein Vater von Beruf ist. Oder es gibt Leute, die sich trotz vieler Bewerbungen nur selten vorstellen können, obwohl sie ins Profil passen. Da fragt man sich schon, warum. Es wäre einfach zu sagen, es liegt am Namen. Aber gerade bei jungen Leuten mit solchen Namen ist dies ein grosses Thema.

Haben Secondos die gleichen Chancen wie Schweizer?

Das bezweifle ich. Als Secondo muss man Überdurchschnittliches leisten, damit man die gesellschaftliche Anerkennung erhält, die man verdient. In der Öffentlichkeit erhalten vor allem die Fussballer die Anerkennung. Alle die Leute, die einen ganz gewöhnlichen Job leisten und eigentlich ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft sein sollten, müssen mehr arbeiten. Da geht viel Potenzial verloren und es entsteht viel Frust.

Man erwartet also viel mehr von Ausländern?

Es ist nicht in Ordnung, dass man sich andauernd beweisen und besser sein muss als der Durchschnitt. Der Massstab, den gewisse Leute gerne ansetzen, ist ganz bewusst hoch: Man will so verhindern, dass sich Leute einbürgern. In meinem Freundeskreis sind die wenigsten Schweizer noch in einem Verein. Bei Ausländern wird das aber noch immer als Indiz gewertet, ob sie integriert sind oder nicht.

Wenn der 1. August der Geburtstag der Schweiz ist: Sind Sie zufrieden mit dem Geburtstagskind oder muss es über die Bücher?

Ich bin in vielen Bereichen zufrieden mit dem Geburtstagskind. Ich würde ihm aber einen anderen Geburtstag wünschen. Für mich wäre vor allem der 12. September, an dem der Bundesstaat gegründet wurde, der Geburtstag der modernen Schweiz. Und ich wünsche dem Geburtstagskind, dass es etwas mehr aus der Geschichte lernt. 1291 hat man sich von einem Tyrannen lösen wollen. Das ist ein grosses Thema weltweit. Syrien will sich von einem Tyrannen befreien. Und dann regen wir uns hier auf, dass in Oensingen 15 Flüchtlinge ein Dach über dem Kopf gefunden haben. In einer globalisierten Welt kann man sich nicht abkapseln, weder vor einem Atomunfall noch vor grösseren kriegerischen Auseinandersetzungen. Wir sind vernetzt. Da funktioniert das Abseitsstehen längerfristig nicht.

Ihre Eltern sind zugewandert. Wie reagiert man als Secondo auf die Masseneinwanderungsinitiative?

Die Masseneinwanderungsinitiative hat mich persönlich niedergeschlagen. Das war ein Zeichen: Man ist nicht willkommen hier. Und das, obwohl die Schweiz meine Heimat ist. Ich bin hier zuhause, ich bin hier zur Welt gekommen. Es ist schön, dass ich hier zur Welt gekommen bin. Aber auch ich habe nicht die Wahl gehabt. Ich bin auch hier geboren, weil man die Leute geholt hat, die man braucht.

Man akzeptiert Zuwanderer, wenn sie der Wirtschaft helfen.

Man will eigentlich Leute, die einen Wert für die Schweiz darstellen. Leute, die das Bruttosozialprodukt steigern. Da geht vergessen, dass es ganz viele Leute braucht, die täglich ihren Teil beitragen, die aber nicht profitabel sind. Wenn man das Gesundheitswesen anschaut: Das ist kein profitables Geschäft. Aber es würde ohne Leute mit Migrationshintergrund nicht funktionieren.

Kein gutes Klima, um sich für Ausländer zu engagieren.

Definitiv nicht. Es kommt oft der Spruch: Wenn es Dir nicht passt, hau ab. Dann muss ich sagen: Ich bin von nirgendwo her gekommen. Ich bin von hier. Ich rechne jedes Mal, wenn ich mich äussere, mit Reaktionen. Das ist nicht immer schön. Es betrifft ja nicht nur mich, sondern auch meine Frau.

Beim persönlichen Kontakt merkt man Ressentiments wohl weniger?

Wenn man die Leute kennt, heisst es: «Du bist nicht so einer.» Aber dann muss ich auch sagen: Was macht mich dann nicht zu so einem und wo sind diese? Für viele gesellschaftliche Entwicklung hat man schnell einmal Sündenböcke gefunden. Wir haben ein politisches Klima, wo man zu separieren beginnt. Man macht Gruppen: Migranten, Homosexuelle, IV- und Sozialhilfebezüger. Und die müssen dann den Kopf hinhalten. Wenn man auf der Autobahn im Stau steht, dann ist das deutsche Auto nebenan schuld, dass es Stau gibt. Aber man berücksichtigt nicht, dass der Arbeitsweg in den letzten Jahren viel länger geworden ist und dass man alleine im Auto sitzt.

Es gibt in rechten Kreisen die Unterscheidung zwischen Schweizer und Eidgenossen. Fühlt man sich als Bürger auf Bewährung?

Nicht auf Bewährung, aber als Bürger zweiter Klasse. Wenn man, wie bei Schweizer und Eidgenosse, eine Unterscheidung beginnt, die auf das Blut reduziert ist, nimmt dies eine sehr bedenkliche Richtung. Es gibt keine Einbürgerung auf Bewährung: Entweder erfüllt man die Kriterien oder nicht.

Was wären aus Ihrer Sicht die Kriterien, die man erfüllen muss?

Es geht nicht darum, auf einem Föteli den Jet d’Eau in Genf zu erkennen und zu wissen, dass Toblerone eine Schweizer Schokolade ist. Man muss eine gewisse Zeit hier gelebt haben. Es geht darum, sich verständigen zu können oder ein Elterngespräch zu führen. Das sind für mich Kriterien, und die erfüllen sehr viele Leute.

Das würde heissen, jeder kann den Pass am Ende erhalten.

Ja. Wenn man die Frage stellt: Kann ein Sozialhilfebezüger Schweizer werden? Da sage ich Ja. Er hat Anspruch auf die Sozialhilfe. Es gibt gewisse Gründe, die dazu geführt haben.

So kann ja jeder Schweizer werden. Da ist doch noch etwas mehr.

Ja, aber was ist das? Was macht den Schweizer dann aus? Was passiert mit jenen Schweizern, die die sieben Bundesräte nicht aufzählen können? Müsste man ihnen den Pass wegnehmen? Man sagt immer, der Schweizer Pass sei etwas Besonderes. Ja, das ist er. Aber genauso ist der usbekische Pass etwas Besonderes oder der deutsche. Wenn man hier lebt und Teil der Gesellschaft ist, soll man auch Anspruch auf den Schweizer Pass haben. Der wird dadurch nicht abgewertet. Im Gegenteil: Er wird eher aufgewertet, weil es mehr Leute gibt, die die Schweiz mittragen und mitgestalten.

Damit rütteln Sie an der Macht der Bürgergemeinden.

Ich bin überzeugt, dass eine Einbürgerung nicht ein politischer Entscheid sein sollte, sondern ein Verwaltungsakt. Wenn man die Kriterien erfüllt, soll man auch einen Rechtsanspruch haben. Heute kommt ein Gesuch vor die Bürgergemeindeversammlung und teils steht dort der Name, der Jahrgang, der Beruf und vielleicht ein, zwei weitere Anmerkungen. Und dann entscheidet ein ganz kleiner Prozentsatz der Bürger aufgrund eines Namens, ob jemand Bürger sein darf oder nicht. Aber man kennt diese gar nicht. Das geht meiner Meinung nach nicht.

Aber was macht denn die Schweiz aus, wenn die Einbürgerung nur ein Verwaltungsakt ist. Es muss doch auch eine Identität geben.

Gerade in einer Zeit, die globalisiert ist, braucht es Identitäten. Aber diese müssen wir nicht vor 700 Jahren suchen. Wir müssen uns jetzt unsere Identitäten schaffen. Wir müssen den Alltag anschauen und uns fragen: In welcher Zeit leben wir? Für mich ist die Schweiz nicht einfach Berge, Seen und Landschaften. Es gibt auch eine urbane Schweiz. Ich bin überzeugt: Die Schweiz würde profitieren, wenn man sich am Jetzt orientieren und die Diskussionen zwischen Stadt und Land oder Deutsch- und Westschweiz führen würde. Diese Identität zu suchen, ist schwierig. Sie ist für jeden Einzelnen schwierig.

Bilden wir unsere Identität zu sehr aus der Vergangenheit?

Man hat Bilder der Schweiz, die sich aus den Urkantonen zusammenfand. Dass die ganze Geschichte der Schweiz mit kriegerischen Auseinandersetzungen und religiösen Konflikten verbunden ist, das wird häufig vergessen. Gerade am 1. August müssen solche Diskussionen geführt werden. Ich wünsche mir auch für die Schweiz, dass sie Realitäten anerkennt. Realitäten, dass genau die Unterschiedlichkeit die Schweiz ausmacht.

Haben Sie ein besonderes Gefühl, wenn Sie die Nationalhymne hören?

Ich singe jeweils mit. Ich gehe regelmässig an Fussballspiele. Ich finde es grundsätzlich schön, dass man gemeinsam ein Lied singt. Aber es ist ein relativ schmaler Grat zwischen einem gesunden Patriotismus und dem Nationalismus. Feiert man sich selbst oder stellt man sich über andere?

Welchem Team hilft der Eingebürgerte? Das ist der Fussballklassiker.

Gerade für Secondos ist das ein grosses Thema: Bin ich jetzt Kroate oder Schweizer? Es ist immer wieder eine Auseinandersetzung mit sich selbst. Man will ja gerne dazugehören. Zum Glück gibt es noch unentschieden im Fussball. Aber ich merke: Wenn ich einen kroatischen Match anschaue, dann bin ich extrovertierter. Dann bin ich lauter. Bei einem Schweizer Match bin ich genauso dabei. Aber da bin ich weniger extrovertiert. Denn die Umgebung ist genauso ruhig.

Ruhig oder laut, dann prägt Sie die Nation doch.

Es ist nicht die Nation, die einen prägt. Es ist vor allem die direkte Umgebung, der persönliche Kosmos. Ich arbeite in Bern. Und dort bin ich einfach «der Solothurner». Dass ich hier zur Schule ging und dass ich als Jugendlicher ins Kofmehl ging. Das hat mich geprägt. Es hat mich genauso geprägt, dass ich in der Weststadt und nicht im Steingrubenquartier aufgewachsen bin. Ich reise sehr gerne und entdecke dort Dinge, die ich sehr gerne habe und die ich zum Teil meines Lebens machen möchte. Ich versuche von allen Seiten zu nehmen, was mir gefällt. Diese Vielfalt sollte man akzeptieren und sich nicht entscheiden müssen zwischen dem einen und dem anderen.

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