Manchen Rekrut packt die Sinnfrage schon bevor er seinen Militärdienst antritt. Dann grübelt er, warum er sich das überhaupt antun soll. Schliesslich hat er ja schon genug gehört über diesen Laden. Über Drill und aggressives Herumkommandieren. Über Leerläufe und fragwürdige Übungen.

Dritan Malo hat die Sinnfrage nie erfasst. Schon gar nicht vor dem Beginn seiner Übermittlungsrekrutenschule in Bülach. «Ziemlich neutral» sei er eingerückt, damals, kurz nach der Automatiker-Lehre im Sommer 2002. «Ich will nicht vom Hörensagen leben», sagt Malo. Beim Gespräch sitzt er in einem Café in Biberist, den Rücken durchgestreckt, im Gesicht ein perfekt gestutzter Fünftagebart. Er trägt Jeans und Polohemd. Seine grossen Hände lassen jede Tasse klein erscheinen, den Milchkaffee trinkt er in grossen Schlucken.

Im Kopf hat er sich Stichworte zurechtgelegt für das, was er erzählen möchte. Seine Worte wählt er mit Vorsicht. Nichts soll aufgesetzt klingen. «Man hat mir den Schweizerpass und die Motivation nicht in die Wiege gelegt», sagt Malo, 34, eingebürgerter Mazedonier, mittlerweile studierter Techniker. «Genau da fängt es an: Ich mache etwas für mein Land. Ich mache es mit Stolz.» Auch nach 14 Jahren in der Armee, erst recht nach 14 Jahren. Vor kurzem ist Malo mal wieder befördert worden. Der Secondo, der als Einjähriger mit seinen Eltern in die Schweiz kam, ist jetzt Major.

«Ausländer» und «Eidgenossen»

Fast ein Drittel der Rekruten in der Armee sind heute Secondos. Soziale, religiöse oder ethnische Hintergründe? Malo sagt, im Militär seien dies bald einmal nur noch blanke Information. Natürlich gebe es mal Trennlinien zwischen «Eidgenossen» auf der einen und «Ausländern» auf der anderen Seite. Aber nur, wenn man sich ein Spässchen daraus mache, beteuert Malo. «Jeder trägt den gleichen Helm, keiner glänzt mehr oder weniger.» Sein Blick bleibt fest, wenn er solche Sätze sagt. Er spricht sie beiläufig aus. Wie etwas, das selbstverständlich ist.

Wer Dienst leistet, ist Schweizer. In Uniform sind alle gleich. Und Unterschiede gibt es ja auch zwischen den Sprachregionen und den Bildungsniveaus. Trotzdem spielt der Militärdienst für Malo eine andere Rolle als wohl für die meisten, die Schweizer sind seit ihrer Geburt. Durch ihn fühlt er sich in seiner Rolle als Schweizer bestätigt. Im Militärdienst sieht er ein «Engagement als Staatsbürger», das ihm persönliche Vorteile bringt. Nicht wenige Secondos dürften das ähnlich sehen.

Davon ist nicht nur Malo überzeugt. Laut einer Studie der Militärakademie sind Schweizer mit ausländischen Wurzeln in der Armee motivierter und leistungsbereiter als gebürtige Schweizer. Secondos nehmen die Armee als Teil der Integration wahr. Als eine Art «Gütesiegel fürs Schweizersein», so die Studie.

Ein Gütesiegel fürs Schweizersein. Das klingt pathetisch. Dritan Malo mag es lieber pragmatisch. Schliesslich verpflichtet die Bundesverfassung im Prinzip ja jeden Schweizer, Militärdienst zu leisten. Doch auch er weiss um die Erhebungen, wonach Secondos im «Tenü grün» auf Misstrauen stossen. 1'200 Stimmbürger werden von der ETH jedes Jahr zur Verteidigungspolitik befragt. Weit über 80 Prozent der Teilnehmer finden es jeweils gut, dass eingebürgerte junge Männer in den Dienst müssen. Aber dass Secondos wie Malo im Kriegsfall bereit wären, die Schweiz genauso engagiert zu verteidigen wie ihre «eidgenössischen Kameraden», das glaubt nur jeder zweite der Befragten.

Und was empfindet Malo da erst, wenn ein Bundesrat öffentlich über die Loyalität der Secondos sinniert? So tat es Ueli Maurer, damals noch Verteidigungsminister, im Sommer 2015. Jetzt rutscht Malo auf dem Stuhl hin und her, lächelt und zögert kurz. Sein Blick bleibt dabei nach vorn gerichtet. So etwas sehe er gelassen, sagt er dann. «Ich schütze mein Land, die Schweiz. Hier ist mein Zuhause, mein Umfeld, meine Familie.» Das Politische sei Sache der Politiker. Mehr mag er dazu nicht sagen.

Brütend heisse Offiziersschule

Viel lieber spricht Dritan Malo über seine Zeit im Dienst. Wie er nach der Rekrutenschule weitermachte und es richtig losging. Wie er die Unteroffiziersschule absolvierte, stets mit der Haltung: «Ausprobieren, wie es wirklich ist.» Wie er just im Hitzesommer 2003 die Offiziersschule besuchte. So brütend heiss sei es gewesen, dass einige Märsche in die Nacht verlegt worden sind. «Wir schwitzten wie verrückt und kamen kaum zu Schlaf. Aber das schweisste uns zusammen.»

Als Oberleutnant liess sich Malo später bei den Sprachspezialisten einteilen. Fortan dolmetschte er bei Besuchen ausländischer Militärs, bei Waffeninspektionen übersetzte er aus dem Englischen und dem Albanischen.

Einmal locker, einmal pingelig?

Nur noch zwei Drittel der jungen Männer absolvieren heute die Rekrutenschule. Die volle Dienstzeit erfüllt bloss die Hälfte eines Jahrgangs. Malo nimmt einen grossen Schluck Milchkaffee und sagt, er stelle sich immer die Frage: «Was bringt mir das Militär beruflich und persönlich?» Ziemlich viel, lautet seine Antwort. Eine Karriere in der Armee nützt dem beruflichen Fortkommen, davon ist Malo überzeugt. Ein Problem in Teilprobleme zerstückeln, zählt er auf, systematisch Vorgehen und einen Antrag formulieren. Von solchen Fertigkeiten profitiere er auch im Beruf, sagt der Inhaber einer Handyreperatur-Firma.

Vor allem aber könne er Führungserfahrung sammeln im Militär. Malo denkt oft darüber nach, was einen guten Führungsstil ausmacht. Einmal locker, einmal total pingelig? Drillen und plagen? Das behagt ihm nicht. Er spricht von Konstanz, von «ehrlichem und menschlichem Führen».

Im Dienst will Dritan Malo, der verheiratete Vater von zwei kleinen Kindern, auch die persönliche Situation seiner Unterstellten berücksichtigen. «Wer einrückt, kommt von der Arbeit oder seiner Familie. Nehmen wir an, jemand hat gerade eine Scheidung hinter sich. Dann kann ich das als Führungsperson doch nicht einfach ausblenden?» Sagts und nickt. Seinen Milchkaffee hat er längst ausgetrunken. In grossen Schlucken.