Wegen Sparprogramm
Screening-Programm für Brustkrebs steht auf der Kippe

Mammografie als Brustkrebs-Vorsorge rettet Leben, kann aber auch zu unnötigen Diagnosen führen. Ob im Kanton Solothurn ein Mammografie-Screening-Programm eingeführt wird, entscheidet der Kantonsrat nächste Woche.

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Ein Arzt sieht sich ein Brust-Screening an.

Ein Arzt sieht sich ein Brust-Screening an.

Keystone

Die flächendeckende Brustkrebsvorsorge durch die Mammografie bei Frauen über 50 rettet Leben. Zu diesem Schluss kommt ein unabhängiges Medizinergremium in einer umfassenden Literaturübersicht am Dienstag im renommierten Fachjournal «Lancet».

Doch der Erfolg des sogenannten Screenings hat einen Preis: Pro verhinderten Krebstod werden drei Frauen überdiagnostiziert, das bedeutet, dass sie unnötigerweise gegen einen Krebs behandelt werden, der niemals ihr Leben gefährdet hätte. Wegen dieser Überbehandlungen ist die Mammografie zur Brustkrebs-Vorsorge seit Jahren umstritten.

Leben retten ...

Das Expertengremium wurde von der britischen Nichtregierungsorganisation Cancer Research U.K. und dem britischen Gesundheitsministerium angeregt. Es analysierte elf klinische Studien aus Kanada, Schweden, Grossbritannien und den USA. Das Ergebnis: Das britische Mammografie-Vorsorgeprogramm, das jährlich rund 300000 Frauen im Alter von 50 bis 52 Jahren gratis untersucht, rettet 1300 Frauen pro Jahr das Leben. Frauen, die zum Screening gehen, haben ein um 20 Prozent tieferes Risiko, an Brustkrebs zu sterben als Frauen ohne Screening, wie «Lancet» schreibt.

... aber auch überbehandeln

4000 Frauen werden indes überdiagnostiziert, da ihr Brustkrebs zu langsam wächst, um lebensbedrohend zu sein. Unter dem Strich erhält eine von 100 Frauen unnötigerweise Chemotherapie, Operationen oder Bestrahlungen. Damit bestätigt der Übersichtsartikel die Resultate früherer Studien. «Ein Screening rettet Leben», sagt Harpal Kumar von Cancer Research U.K. der Nachrichtenagentur AP. «Doch weil wir noch nicht wissen, welcher Krebs bösartig wird und welcher nicht, wird mancher Tumor behandelt, der keine Probleme machen würde.»

Für Kritiker der Mammografie geht die Studie in die richtige Richtung: «Krebs-Wohltätigkeitsorganisationen und Behörden haben seit zwei Dekaden die Frauen getäuscht, indem sie ein zu rosiges Bild der Vorteile zeichneten», sagt Karsten Jorgensen vom Nordic Cochrane Centre in Kopenhagen, der über Überdiagnose publiziert hat. «Es ist wichtig, dass sie nun anerkennen, dass das Screening gewichtige Schäden anrichtet», sagte er.

Kantone uneinheitlich

In der Schweiz gibt es Mammografie-Screening-Programme in neun Kantonen (FR, GE, GR, JU, NE, SG, TG, VD, VS). Frauen zwischen 50 und 70 Jahren werden dort in regelmässigen Abständen zur Kontrolle eingeladen. Die Kosten übernehmen die Krankenkassen. Die Krebsliga Schweiz fordert, dass alle Kantone solche Programme anbieten.

Der Kanton Bern startet 2013 mit dem Mammografie-Screening-Programm, in Basel-Stadt und Baselland beabsichtigen die Regierungen die Einführung, doch haben die Parlamente die Mittel noch nicht bewilligt. Umgekehrt im Kanton Solothurn: Hier hat der Kantonsrat bereits vor zwei Jahren die Einführung beschlossen, doch nun stellt der Regierungsrat im Rahmen eines Sparprogramms den Antrag, aus finanziellen Gründen auf den Start von Screening-Programmen zu verzichten. Der Kantonsrat entscheidet am kommenden Dienstag oder Mittwoch. (sda/cva)