Sommer
Schwimmkurs für Asylsuchende: «Am ersten Kurstag sind wir Badehosen kaufen gegangen»

Erstmals bietet der Kanton Solothurn einen Schwimmkurs für Asylsuchende an – auch als Reaktion auf Unglücksfälle.

Lucien Fluri
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Badeplausch nach bestandenem Schwimmkurs: 30 junge Asylsuchende haben in den vergangenen zwei Wochen den Kurs in der Solothurner Badi besucht.

Badeplausch nach bestandenem Schwimmkurs: 30 junge Asylsuchende haben in den vergangenen zwei Wochen den Kurs in der Solothurner Badi besucht.

Lucien Fluri

Sie begrüssen sich mit Handschlag: Jungs aus Afghanistan, Eritrea, dem Irak und aus Syrien. Täglich haben sie sich in den vergangenen zwei Wochen in der Solothurner Badi getroffen. – Zu einer Premiere: Erstmals hat der Kanton Solothurn in den Sommerferien einen Schwimmkurs für Asylsuchende angeboten.

22 junge Männer und 8 junge Frauen haben teilgenommen. Sie alle sind minderjährige Asylsuchende, die ganz alleine in die Schweiz gekommen sind. Schwimmen können sie nicht. Auch wenn sie ihre Reise übers Mittelmeer geführt haben mag.

Am Beckenrand steht Vera Junker. Im Auftrag des Kantons ist sie bei der Asylbetreuungsfirma ORS nicht nur für das Coaching der alleine geflüchteten minderjährigen Asylsuchenden mitverantwortlich, sondern auch für das Aufgleisen des Schwimmkurses. Warum dieser angeboten wird, ist klar: Einerseits sind in den vergangenen Jahren in der Schweiz mehrere Asylsuchende ertrunken, weil sie – ohne schwimmen zu können – ins Wasser, insbesondere in Flüsse gestiegen sind. Andererseits hat man gerade auch im Kanton Solothurn von Lehrern Rückmeldungen über gefährliche Situationen erhalten.

Die jungen Asylsuchenden sind einfach ins Schwimmbecken gestiegen. «Sie wollten nicht sagen, dass sie nicht schwimmen können», erklärt Junker. In der Schweiz ist es inzwischen fast selbstverständlich, dass Kinder schwimmen können. In den Herkunftsländern vieler junger Asylsuchender ist es dagegen kein alltägliches Hobby. «Am ersten Kurstag sind wir Badehosen kaufen gegangen», erzählt Junker. «Einige waren in Jeans gekommen.» Nun lernen sie in der Schweiz, sich über Wasser zu halten.

Crawl, Brust, Rückenschwumm

Bevor der Kanton das Programm nun diesen Sommer angeboten hat, suchte die ORS Freiwillige, die den Kurs anbieten. Man habe aber niemanden gefunden, sagt Junker. Die Verantwortung sei schliesslich auch gross. «Einige Asylsuchende hatten den ersten Kontakt mit dem Wasser auf dem Meer», erklärt sie. «Sie haben einen anderen Bezug zum Wasser. Einige sind schwer traumatisiert.»

Davon ist in der Solothurner Badi nichts zu spüren. Die Stimmung ist locker. Farhad zieht seine Bahnen im Sportbecken. Crawl, Brust. Nur beim Rückenschwumm geht es noch nicht so gerade. Einige sind im Anfängerbecken, andere bereits im 50-Meter-Sportbassin. Die Nationen sind gemischt, je nach Fortschritt. Rund ein Dutzend Leiterinnen von der Swim Regio Solothurn kümmern sich um die Kursteilnehmer.

«Verhindern, dass Jugendliche ertrinken»

6000 Franken kosten die Schwimmkurse für die Asylsuchenden. Angeboten werden sie nur für minderjährige, unbegleitet reisende Asylsuchende. «In der Schweiz gehören Schwimmen, Baden zur Freizeit oder sind auch eine sportliche Aktivität. Somit ist das Erlernen ein Beitrag zur Integration, insbesondere zur sozialen Integration», nennt Anne Birk vom kantonalen Amt für soziale Sicherheit einen Beweggrund, den Kurs anzubieten. «Und natürlich hat es auch einen starken präventiven Charakter, indem wir verhindern wollen, dass die Jugendlichen ertrinken.» Viele der minderjährigen Asylsuchenden hätten das Schwimmen in ihren Heimatländern nicht gelernt. «Hier sind sie nun oftmals zu alt, um die obligatorische Schule zu besuchen und dort noch am Schwimmunterricht teilnehmen zu können.» (lfh)

Geschlechtergetrennte Kurse

An diesem Morgen sind nur junge Männer im Solothurner Schwimmbad. Die Mädchen sind in einem separaten Kurs. Eigentlich sollten beide Geschlechter gemeinsam schwimmen lernen. Doch das habe nicht funktioniert, erklärt Junker. «Die Mädchen gehen zwar vor anderen Männern ins Wasser. Aber sobald Knaben aus der eigenen Kultur dabei sind, wird es komplizierter.»

Ido steht mit einem Lachen am Beckenrand und wartet, bis sein Krampf vorüber ist. Er geniesst den Kurs trotzdem. Manchmal würden sie länger bleiben, sagt er begeistert. Dann zeigt der junge Iraker auf das 5-Meter-Sprungbrett. «Da bin ich schon runter.» Kurze Zeit später steht Kursleiterin Anja von Stokar oben auf dem Sprungbrett. «Wenn ich gehe, musst du auch gehen», ruft sie einem Kursteilnehmer zu. «Das Leiterteam ist jung», sagt von Stokar. «Das ist ein guter Bezug.»

Am Ende des Tages werden Ido und seine Kollegen ein Diplom erhalten, das aufzeigt, was sie – von Tauchen bis zum Rückenschwumm – wie gut können. Der Schwimmkurs ist vorbei. Aber in der Badi wollen sie trotzdem noch etwas länger bleiben.

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