Sozialpreis
Schwester Sara Martina wird für ihr jahrelanges Engagement ausgezeichnet

Schwester Sara Martina, der «Engel der Solothurner Drogenkranken», hat jahrzehntelang Randständigen geholfen. Dafür ist sie mit dem Sozialpreis des Kantons Solothurn ausgezeichnet worden.

Lucien Fluri
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Einige Stationen im Leben von Schwester Sara Martina
10 Bilder
Die Schwester 2012 vor ihrer Spielsachenannahme an der Unteren Steingrubenstrasse.
Die Schwester legt auch selbst Hand an.
2001 eröffnet die Schwester ihre Spielsachen-Annahmestelle Suneschyn.
Schwester Sarah Martina
Die Schwester im Jahr 2000 unterwegs für die Rumänienhilfe.
In den neunziger Jahren engagierte sich die Schwester in der offenen Drogenszene in der Vorstadt.
Sara Martina an einer Weihnachtsfeier.
2001 mitten in der Züglete.
Die Schwester 1997 bei einem Referat.

Einige Stationen im Leben von Schwester Sara Martina

Tina Dauwalder

Im Herrenpissoir an der Wengibrücke begann sie ihre Arbeit in Solothurn. Mulmig klopfte Schwester Sara Martina 1992 an die Türe der Toilette. Blut war zu sehen, Süchtige drängten sich dort auf engstem Raum, abgemagert, verdreckt.

Die Ordensfrau brachte Brot und Tee. Das ist bald 25 Jahre her. Der Platzspitz in Zürich war geschlossen worden. Neben dem Letten gab es nur noch in Solothurn und Olten eine offene Drogenszene. Hunderte gaben sich hier den Kick. Schwester Sara Martina öffnete eine Teestube am Solothurner Dornacherplatz und die Notschlafstelle im Bürgerspital.

Als die Verwahrlosung gross und die Behörde überfordert war, handelte die Ordensfrau eigenmächtig, aber im Auftrag des Allmächtigen. Die offene Drogenszene gibt es längst nicht mehr. Aber Schwester Sara Martina setzt sich noch immer für die Randständigen in Solothurn ein. Heute betreibt sie eine Spielzeugewerkstatt, wo sie Randständigen eine Beschäftigungsmöglichkeit anbietet.

Am Donnerstagabend ist Sara Martina Giger, so ihr voller Name, dafür mit dem Sozialpreis des Kantons Solothurn geehrt worden. «Die Schwester ist in der Stadt Solothurn eine hoch geachtete Persönlichkeit, eine Institution», sagte Karin Stoop, Jurymitglied und Leiterin der «Perspektive», in ihrer Laudatio.

Preisträgerin Sara Martina Giger wurde durch Urs Bentz (ehemaliger Leiter soziale Dienste Stadt Solothurn) vertreten.

Preisträgerin Sara Martina Giger wurde durch Urs Bentz (ehemaliger Leiter soziale Dienste Stadt Solothurn) vertreten.

Hansjörg Sahli

«Wenn ‹d`Schwöster› etwas sagt, dann gilt das!» Sara Martina habe in all den Jahren einer grossen Anzahl randständiger Menschen «mit ihrer pragmatischen Unterstützung, ihrer klaren Linie und ihrer herzlichen Art Wertschätzung und Würde gegeben.» Hartnäckigkeit, Herzlichkeit und Bescheidenheit sind weitere Tugenden, die der Ordensfrau zugesprochen werden.

«Allein ihr Name half»

Im Internet findet sich ein Eintrag eines Suchtkranken, der im vergangenen Jahr Sara Martina dort ehren wollte. Wie eine Grossmuter sei sie für ihn gewesen. Mehr als einmal habe sie ihn im Winter nachts von der Strasse geholt.

Die Schwester sei deshalb «bei den Randständigen geliebt, bei den Behörden gefürchtet. Allein ihren Namen zu nennen, half mir auf den Ämtern oft, kein Staatsangestellter riskiert so ohne weiteres, dass sie in unserem Auftrag aufkreuzt», beschreibt er ihre hartnäckige Art, mit der sie Vieles erreicht hat.

«Es gibt da einen Trick mit dem Herrgott», hatte Sara Martina dieser Zeitung einmal gesagt. «Wenn ich alles getan habe und nicht mehr weiter weiss, setze ich mich an den Küchentisch, bete und sage: ich habe alles versucht. Jetzt warte ich.»

Leprakranke gepflegt

«Sie hat ihre Arbeit immer wieder angepasst», sagte Laudatorin Stoop am Donnerstagabend. Die Hilfe für die Randständigen ist professioneller geworden, sie sind heute integriert. «Aber Sara Martina nimmt noch immer fehlende Angebote wahr und versucht Lücken zu füllen.»

Vor einigen Jahren hat sie das Frühstück für Randständige in der methodistischen Kirche initiiert. In ihrer Werkstätte hängt an der Wand eine Liste mit den Namen all ihrer Schützlinge, die verstorben sind. Es sind über 30 Namen. Bei einigen wollten die Eltern nicht einmal Grabsteine.

Für viele Suchtkranke sei sie «die Solothurner Mutter Teresa», sagte Laudatorin Stoop. In Indien, bei Mutter Teresa, hatte Sara Martina tatsächlich einmal gearbeitet. Drei mal behandelte sie bei der kürzlich heilig gesprochenen Ordensfrau Leprakranke auf der Strasse.

In Macao hat Sara Martina in einem Sterbehaus gearbeitet und eine Unterkunft für entlassene Sträflinge gegründet. Sie folgte schliesslich aber Mutter Teresa, die gesagt hatte: «Geht nach Hause in eure Städte und sucht das Elend.»

Ihr Alter wollte die Schwester nie preisgeben. Dass sie schon kurz nachdem sie in Solothurn ihre Arbeit aufgenommen hat, hätte die Pension geniessen können, ist zwar bekannt. Sara Martina ist trotzdem noch immer täglich in ihrer Ordenstracht in Solothurn unterwegs.

«Nichts ist ihr zu viel oder zu schade», hatte Urs Bentz, lange Jahre Vorsteher der sozialen Dienste der Stadt Solothurn, einmal gesagt.

Am Donnerstag nahm er stellvertretend für Schwester Sara Martina die Auszeichnung entgegen, da sie nach einem Eingriff im Spital ist. «Sie ist auf dem Weg der Besserung», übermittelte Bentz Grüsse. «Bald ist sie wieder an der Front im Einsatz.»

Drei Anerkennungspreise

Ein kleines Jubiläum war gestern zu feiern: Zum zehnten Mal wurde der Sozialpreis verliehen. Sozialdirektor Peter Gomm gab sich zuversichtlich, dass es auch – nach seiner Amtszeit – eine elfte und zwölfte Verleihung geben wird. Gomm würdigte die diesjährigen vier Nominierten, die die Jury aus 23 eingereichten Bewerbungen ausgewählt hatte. Ihre Geschichten seien ebenfalls «ausgezeichnete Geschichten», die von einem ehrenamtlichen und beruflichen Engagement vom Einsatz für suchtkranke Menschen oder für solche mit einer geistigen Behinderung» erzählen würden. Neben Schwester Sara Martina wurden folgende drei Nominierten mit einem Anerkennungspreis über 5000 Franken ausgezeichnet:

Aeschlimann AG Décolletages, Lüsslingen-Nennigkofen. Trotz des täglichen Behauptens am Markt, so Laudator Ernst Zingg, fördere das Unternehmen mit seinen 160 Angestellten die Integration von Menschen mit eingeschränkter Leistungsfähigkeit. 2015 wurden 19 Arbeitsversuche mit Wiedereingliederung in Zusammenarbeit mit der IV und der Regiomech Solothurn durchgeführt. Daraus resultierten 11 Festanstellungen. Die Teilnehmenden stammen u.a. aus Eritrea, Afghanistan, Somalia, Iran und der Türkei. Daneben bildet das Unternehmen
19 Lehrlinge aus.

Insieme Solothurn Seit Jahrzehnten setzt sich die Institution zugunsten von Menschen mit einer geistigen Behinderung ein. Sie ist Anlaufstelle für Angehörige, organisiert Ferienlager und bringt Behinderte und Nichtbehinderte zusammen. Insieme Solothurn biete zudem, so Laudatorin Susanne Schaffner, ein vielfältiges Freizeit- und Sportangebot. «Insieme Solothurn macht seit 50 Jahren unablässig vor, dass die Stimme der Betroffenen auf dem Weg vom Rand in die Mitte wichtig ist und Wirkung zeigt.»

Aktion Platz für Alle (APA), Olten Christoph Birrer war einst Randständiger. Er hat sein Leben selbst in die Hände genommen. In der Mannschaft der Stadtküche Olten begann er, wieder Fussball zu spielen, in der Schützi übernahm er Verantwortung. Seit 2009 organisiert er mit rund 30 Helfern das jährlich stattfindende Homeless Streetsoccer Turnier. Nominiert wurde er, so Laudatorin Iris Schelbert, für die Förderung sinnvoller und gesunder Freizeitbeschäftigungen für randständige und sozial benachteiligte Menschen. (lfh)

Sozialpreis-Verleihung Kanton Solothurn 2016: V.l.n.r Regierungsrat Peter Gomm mit den Nominierten Michael Ingold (Geschäftsleitung Aeschlimann AG Decolletage Luesslingen-Nennigkofen), Danielle Rauber (Personalleitung Aeschlimann AG), Urs Bentz (der ehemalige Leiter soziale Dienste Stadt Solothurn vertrat Preisträgerin Sara Martina Giger), Joshua und Claudia Rüegsegger von insieme Solothurn, Chistopf Birrer (Aktion Platz für alle Olten), Eva-Maria Fischli von insieme und Kantonsrat Ernst Zingg.

Sozialpreis-Verleihung Kanton Solothurn 2016: V.l.n.r Regierungsrat Peter Gomm mit den Nominierten Michael Ingold (Geschäftsleitung Aeschlimann AG Decolletage Luesslingen-Nennigkofen), Danielle Rauber (Personalleitung Aeschlimann AG), Urs Bentz (der ehemalige Leiter soziale Dienste Stadt Solothurn vertrat Preisträgerin Sara Martina Giger), Joshua und Claudia Rüegsegger von insieme Solothurn, Chistopf Birrer (Aktion Platz für alle Olten), Eva-Maria Fischli von insieme und Kantonsrat Ernst Zingg.

Hansjörg Sahli