Im Herrenpissoir an der Wengibrücke begann sie ihre Arbeit in Solothurn. Mulmig klopfte Schwester Sara Martina 1992 an die Türe der Toilette. Blut war zu sehen, Süchtige drängten sich dort auf engstem Raum, abgemagert, verdreckt.

Die Ordensfrau brachte Brot und Tee. Das ist bald 25 Jahre her. Der Platzspitz in Zürich war geschlossen worden. Neben dem Letten gab es nur noch in Solothurn und Olten eine offene Drogenszene. Hunderte gaben sich hier den Kick. Schwester Sara Martina öffnete eine Teestube am Solothurner Dornacherplatz und die Notschlafstelle im Bürgerspital.

Als die Verwahrlosung gross und die Behörde überfordert war, handelte die Ordensfrau eigenmächtig, aber im Auftrag des Allmächtigen. Die offene Drogenszene gibt es längst nicht mehr. Aber Schwester Sara Martina setzt sich noch immer für die Randständigen in Solothurn ein. Heute betreibt sie eine Spielzeugewerkstatt, wo sie Randständigen eine Beschäftigungsmöglichkeit anbietet.

Am Donnerstagabend ist Sara Martina Giger, so ihr voller Name, dafür mit dem Sozialpreis des Kantons Solothurn geehrt worden. «Die Schwester ist in der Stadt Solothurn eine hoch geachtete Persönlichkeit, eine Institution», sagte Karin Stoop, Jurymitglied und Leiterin der «Perspektive», in ihrer Laudatio.

Preisträgerin Sara Martina Giger wurde durch Urs Bentz (ehemaliger Leiter soziale Dienste Stadt Solothurn) vertreten.

Preisträgerin Sara Martina Giger wurde durch Urs Bentz (ehemaliger Leiter soziale Dienste Stadt Solothurn) vertreten.

«Wenn ‹d`Schwöster› etwas sagt, dann gilt das!» Sara Martina habe in all den Jahren einer grossen Anzahl randständiger Menschen «mit ihrer pragmatischen Unterstützung, ihrer klaren Linie und ihrer herzlichen Art Wertschätzung und Würde gegeben.» Hartnäckigkeit, Herzlichkeit und Bescheidenheit sind weitere Tugenden, die der Ordensfrau zugesprochen werden.

«Allein ihr Name half»

Im Internet findet sich ein Eintrag eines Suchtkranken, der im vergangenen Jahr Sara Martina dort ehren wollte. Wie eine Grossmuter sei sie für ihn gewesen. Mehr als einmal habe sie ihn im Winter nachts von der Strasse geholt.

Die Schwester sei deshalb «bei den Randständigen geliebt, bei den Behörden gefürchtet. Allein ihren Namen zu nennen, half mir auf den Ämtern oft, kein Staatsangestellter riskiert so ohne weiteres, dass sie in unserem Auftrag aufkreuzt», beschreibt er ihre hartnäckige Art, mit der sie Vieles erreicht hat.

«Es gibt da einen Trick mit dem Herrgott», hatte Sara Martina dieser Zeitung einmal gesagt. «Wenn ich alles getan habe und nicht mehr weiter weiss, setze ich mich an den Küchentisch, bete und sage: ich habe alles versucht. Jetzt warte ich.»

Leprakranke gepflegt

«Sie hat ihre Arbeit immer wieder angepasst», sagte Laudatorin Stoop am Donnerstagabend. Die Hilfe für die Randständigen ist professioneller geworden, sie sind heute integriert. «Aber Sara Martina nimmt noch immer fehlende Angebote wahr und versucht Lücken zu füllen.»

Vor einigen Jahren hat sie das Frühstück für Randständige in der methodistischen Kirche initiiert. In ihrer Werkstätte hängt an der Wand eine Liste mit den Namen all ihrer Schützlinge, die verstorben sind. Es sind über 30 Namen. Bei einigen wollten die Eltern nicht einmal Grabsteine.

Für viele Suchtkranke sei sie «die Solothurner Mutter Teresa», sagte Laudatorin Stoop. In Indien, bei Mutter Teresa, hatte Sara Martina tatsächlich einmal gearbeitet. Drei mal behandelte sie bei der kürzlich heilig gesprochenen Ordensfrau Leprakranke auf der Strasse.

In Macao hat Sara Martina in einem Sterbehaus gearbeitet und eine Unterkunft für entlassene Sträflinge gegründet. Sie folgte schliesslich aber Mutter Teresa, die gesagt hatte: «Geht nach Hause in eure Städte und sucht das Elend.»

Ihr Alter wollte die Schwester nie preisgeben. Dass sie schon kurz nachdem sie in Solothurn ihre Arbeit aufgenommen hat, hätte die Pension geniessen können, ist zwar bekannt. Sara Martina ist trotzdem noch immer täglich in ihrer Ordenstracht in Solothurn unterwegs.

«Nichts ist ihr zu viel oder zu schade», hatte Urs Bentz, lange Jahre Vorsteher der sozialen Dienste der Stadt Solothurn, einmal gesagt.

Am Donnerstag nahm er stellvertretend für Schwester Sara Martina die Auszeichnung entgegen, da sie nach einem Eingriff im Spital ist. «Sie ist auf dem Weg der Besserung», übermittelte Bentz Grüsse. «Bald ist sie wieder an der Front im Einsatz.»

Sozialpreis-Verleihung Kanton Solothurn 2016: V.l.n.r Regierungsrat Peter Gomm mit den Nominierten Michael Ingold (Geschäftsleitung Aeschlimann AG Decolletage Luesslingen-Nennigkofen), Danielle Rauber (Personalleitung Aeschlimann AG), Urs Bentz (der ehemalige Leiter soziale Dienste Stadt Solothurn vertrat Preisträgerin Sara Martina Giger), Joshua und Claudia Rüegsegger von insieme Solothurn, Chistopf Birrer (Aktion Platz für alle Olten), Eva-Maria Fischli von insieme und Kantonsrat Ernst Zingg.

Sozialpreis-Verleihung Kanton Solothurn 2016: V.l.n.r Regierungsrat Peter Gomm mit den Nominierten Michael Ingold (Geschäftsleitung Aeschlimann AG Decolletage Luesslingen-Nennigkofen), Danielle Rauber (Personalleitung Aeschlimann AG), Urs Bentz (der ehemalige Leiter soziale Dienste Stadt Solothurn vertrat Preisträgerin Sara Martina Giger), Joshua und Claudia Rüegsegger von insieme Solothurn, Chistopf Birrer (Aktion Platz für alle Olten), Eva-Maria Fischli von insieme und Kantonsrat Ernst Zingg.