Spätfolgen
Schwere Drogenabhängigkeit lässt 20 Jahre früher altern

Die Solothurnerin Andreas Bregger hat in ihrer Forschungsarbeit das Bedürfnis älterer Suchtpatienten untersucht. Dabei wird klar: Für viele Schwerstabhängige bleiben gesundheitliche Schädigungen und Langzeitfolgen nicht aus.

Drucken
Teilen
Spritze, Drogenabhängigkeit

Spritze, Drogenabhängigkeit

Hanspeter Bärtschi

Gebrauchte Spritzen, Bierdosen, hagere Gestalten, die in Hauseingängen und auf Trottoirs dahinvegetieren. An solche Bilder kann sich erinnern, wer 40 Jahre und älter ist. Eng verknüpft sind diese Eindrücke mit dem Zürcher Platzspitz und dem «Letten». Die offene Drogenszene in der Schweiz war aber längst nicht auf diese Hotspots beschränkt. Neben den grossen städtischen Zentren hatten etwa auch Olten und Solothurn in den 80er- und der ersten Hälfte der 90er-Jahre ihre regionalen Szenen.

Andrea Bregger hat ihre Erfahruugen mit älteren Teilnehmern in Drogen-Substitutionsprogrammen in ihrer Masterarbeit analsysiert.

Andrea Bregger hat ihre Erfahruugen mit älteren Teilnehmern in Drogen-Substitutionsprogrammen in ihrer Masterarbeit analsysiert.

Hanspeter Bärtschi

«Mit der ärztlich verordneten Abgabe von Methadon und Heroin ermöglicht man schwerstabhängigen Menschen ein würdiges Leben», weiss Andrea Bregger. Sie ist bei der Suchthilfe-Institution Perspektive Solothurn-Grenchen als Sozialarbeiterin angestellt. Zudem arbeitet sie in der Sozialberatung des Gourrama, dem Solothurner Zentrum für heroingestützte Behandlung. Kürzlich hat sie an der Hochschule Luzern ihre Masterarbeit in Sozialer Arbeit abgeschlossen. Unter dem Titel «Wohnen im Alter mit einer Substitution» untersucht die 28-Jährige Bedürfnisse ältere Suchtpatienten in den Städten Olten und Solothurn. Und zwar jener, die – von Hausärzten betreut – Methadon als Ersatz für Heroin einnehmen. Und auch jener Männer und Frauen, die im Solothurner Gourrama oder der Oltner Schwesterinstitution Herol unter ärztlicher Aufsicht mehrmals täglich ihre Dosis Heroin beziehen.

Blutjung in die Drogen gerutscht

Im Kanton Solothurn leben rund 700 Substitutionsklienten, der grösste Teil bezieht Methadon. Über 58 Plätze verfügt der Kanton – vom Bund bewilligt – in der heroingestützten Behandlung. «Gegen 40 Prozent der Substitutionsklienten sind heute bereits 40 Jahre und älter», hält Andrea Bregger fest. Zudem werde der Anteil dieser Altersgruppe in den nächsten Jahren weiter zunehmen. Der grösste Teil der schwerst Abhängigen ist damals in den 80er- und 90er-Jahren ganz jung mit Heroin in Kontakt gekommen. Seither hat Heroin stark an Attraktivität verloren.

«Dank der Substitutionsprogramme verfügen die Betroffenen über einen strukturierten Tagesablauf», so Bregger. Viele der Methadon-Patienten führen gar ein normales, «gesellschaftsfähiges» Leben, haben Familie und gehen einer geregelten Arbeit nach. «Mit zunehmendem Alter machen sich jetzt aber die Langzeitfolgen der schweren Drogensucht bemerkbar», beobachtet Andrea Bregger. Sowohl bei ihrer Arbeit im Gourrama aber auch bei der «Perspektive» hat sie regelmässig mit Suchtpatienten zu tun. Die «Perspektive» betreut Substitutionsklienten etwa im Rahmen des «Begleiteten Wohnens», wo ein Team von Wohnbegleitern Betroffene einmal pro Woche während einer Stunde besucht, um ihnen bei alltäglichen Problemen zur Seite zu stehen. Das aber genüge bei älteren Suchtpatienten nicht mehr, so Bregger. «Sie brauchen mehr Unterstützung, als sie im Moment haben.»

Die Spitex ins Boot geholt

Untermauern kann sie ihre persönliche Beobachtungen mit Forschungsarbeiten aus dem europäischen Raum. «Diese Studien belegen, dass Suchtpatienten aufgrund ihres Lebenswandels 20 Jahre früher altern.» Bereits ab 45 Jahren zeigen sich bei ihnen gesundheitliche Probleme, die bei anderen erst ab 65 Jahren auftreten. Probleme im Bereich des Herz-Lungen-Kreislaufs, Venen- und Lebererkrankungen, Thrombosen. Begleitet werden diese Krankheitsbilder zudem meist durch psychische Probleme.

Aufgrund ihres schlechteren Gesundheitszustands vernachlässigen die Betroffenen ihren Haushalt, auch die Körperpflege, offene Beine müssten besser versorgt werden. Bregger: «Um solche gesundheitlichen Bedürfnisse abzudecken, haben wir von der Perspektive letztes Jahr erstmals die Spitex in die Betreuung mit einbezogen.» Eine Zusammenarbeit, die sich bewährt. Wie Interviews in ihrer Masterarbeit belegen, ist die Pflege von Suchtpatienten für die Spitex allerdings eine neue und entsprechend fordernde Aufgabe. Neben der eigentlichen Pflege steigt auch der Bedarf an sozialer Begleitung. Suchtpatienten verfügen aber häufig über ein eher weniger gutes soziales Netz. Aufgefangen werden könne dies, so Bregger, durch ein höheres Besuchsintervall der Sozialarbeiter im Rahmen des «Begleiteten Wohnens.»

Heroin im Altersheim?

Mit solchen Massnahmen könnte man den Betroffenen ein weiterhin möglichst autonomes Leben ermöglichen. Bei einem höheren Pflegebedarf führe dann allerdings kein Weg an einer stationären Einrichtung, einem Alters- oder Behindertenheim, vorbei. «Dafür müssten diese Einrichtungen aber offener werden», so Bregger. Zum Beispiel sollte der Konsum von Alkohol erlaubt sein, oder auch die – ärztlich kontrollierte – intravenöse Einnahme von Heroin. Vor allem in den grösseren Städten der Schweiz gebe es bereits entsprechend spezialisierte Abteilungen in stationären Einrichtungen.

Aktuelle Nachrichten