Auf (k)einen Kaffee mit..

Schweizer Fahrende: «Wir wollen einfach in Ruhe gelassen werden!»

Die Fahrenden, die sich momentan in Biberist aufhalten, wollen von Allen in Ruhe gelassen werden.

Die Fahrenden, die sich momentan in Biberist aufhalten, wollen von Allen in Ruhe gelassen werden.

Schweizer Fahrende sind derzeit im Kanton Solothurn unterwegs. Auf einem Feld beim Vorder-Bleichenberg in Biberist stehen zur Zeit ihre Wohnwagen. Weshalb sie nicht mit der Zeitung reden wollen, zeigt diese Ausgabe «auf keinen Kaffee mit...»

Normalerweise zieren sich die Menschen nicht im Ansatz, wenn es darum geht, für die regelmässige Rubrik «Auf einen Kaffee mit…» eine lockere Plauderpause einzulegen. Doch diese Woche haben wir nun tatsächlich einen Korb eingefangen. Deshalb mussten wir wohl oder übel das Gefäss entsprechend umtaufen, respektive um den Kleinbuchstaben «k» erweitern (möge es bei dieser Ausnahme bleiben). Auf keinen Kaffee mit einem Exponenten oder einer Sprecherin von Fahrenden, die derzeit in Biberist lagern, dürfte es aus verschiedenen Gründen gekommen sein. Ein Erklärungsversuch.

Freundlich, aber wortkarg

Wer von Zuchwil oder Biberist herkommend die Allee zum Schlösschen Vorder-Bleichenberg hochfährt, entdeckt rechterhand so etwas wie einen Campingplatz auf offenem Feld. Wohnwagen mit Vorzelten, darunter eine Vielzahl von Tischen und Stühlen, etliche Zugfahrzeuge mit Schweizer Nummernschildern, alles schön kreisrund arrangiert und mitten drin eine Feuerstelle.

Irgendwas passt nicht ganz ins harmonische Bild. Richtig, das könnte es sein: Bei genauerem Hinsehen fallen ein Kleintransporter und zwei flotte, schwarze Sportwagen auf. Tiefergelegte Porsches der Extraklasse. Ach, wie war das schon, hatten die eigentlich eine Anhängerkupplung oder nicht? Wäre ja noch originell, so ein Flitzer mit einem Hüttli hintendran. Wie auch immer, aufs Feld haben sie es trotz der niedrigen Bauweise geschafft. Ob sie es im Pflotsch wieder rausschaffen ist eine andere Frage.

Tief beeindruckt von den schwarzen Boliden folgt der Blick in die Runde. Wer hat wohl Lust auf einen Kaffee, wer mag vom bestimmt nicht immer ganz einfachen Leben auf der Landstrasse und auf Stoppelfeldern erzählen? In unmittelbarer Nähe eine Frau um die Sechzig. Sie hantiert in ihrem kleinen Geländefahrzeug herum (aha, Allradantrieb, sie wird selbst bei Regen leicht wieder festen Boden unter den Rädern haben). Sie schaut skeptisch auf den Neuankömmling. Sie fragt nach den Gründen des Besuchs und meint erstaunt: «Was, Zeitung? So, so. Wir haben eine Bewilligung, wir dürfen hier sein «. Wir erklären ihr, dass Journalisten und Polizisten unterschiedliche Aufgaben wahrnehmen.

Wo ist der Chef?

Können wir mit dem Chef sprechen? Nein, einen Chef gebe es hier nicht. «Wir sind alle unser eigener Chef. Ja, wir fühlen uns frei. Ja, wir sind Zigeuner». Die meisten Männer seien jetzt unterwegs und sie selber habe keine Zeit zum Reden, sie müsse gleich weg. Ein Arztbesuch. «Sie können am Abend nochmals vorbeikommen, oder da drüben ist meine Nichte, versuchen sie es bei ihr.» Etwas weiter hinten auf dem Gelände ist der Fremdling längst zur Kenntnis genommen worden. Die misstrauischen Blicke kommen an. Diese Menschen schauen zu einander.

Doch wir haben nichts zu verbergen. Wir wollen uns bloss etwas den Fahrenden und ihrem Leben annähern, das aus der Sicht von Sesshaften eine Mischung aus Faszination und Ablehnung darstellt. Wir gehen auf zwei gut trainierte, junge Erwachsene zu (gehören die Porsches wohl ihnen?).Obwohl ausgesprochen freundlich, erweisen auch sie sich als wenig gesprächsfreudig. Ein unaufdringliches Nachhaken, mit dem Hinweis darauf, dass sie ihre Sicht der Dinge darlegen könnten – doch sie lehnen höflich ab. Letzte Chance: Ganz hinten auf dem Platz eine grössere Gruppe. Ein Mann, mehrere Frauen jeglichen Alters, sie sitzen beisammen und erwarten den Eindringling, derweil im Wohnwagen hinter dem Fliegengitter ein älterer Mann die Szenerie aufmerksam beobachtet. Auch hier hat niemand Lust auf ein weitergehendes Gespräch. Der Mann im Kreis der Frauen blickt auf. Er sagt kurz und bündig, ganz ohne Unterton, aber mit einer Selbstverständlichkeit: «Wir haben nichts zu sagen, wir wollen einfach von allen in Ruhe gelassen werden».

So sei es denn. Einen Versuch war es wert. Den Kaffee gibt’s schliesslich im Büro. Erinnerungen an die letzten Camperferien als Hobbyfahrender werden wach. Dabei musste man allerdings zu keiner Zeit gegen den Exotenstatus ankämpfen und man wurde in Ruhe gelassen – ein nicht unwesentlicher Unterschied zum Leben der Vollzeit-Fahrenden.

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