Terror in Paris
Schweigeminute vor der Premiere: Stadttheater zeigt Antikriegsoper

Noch ganz unter dem Schock der Anschläge im benachbarten Frankreich, trat Dieter Kaegi vor den Vorhang und erklärte, er habe sich entschlossen, die Solothurner Premiere der Antikriegsoper gerade wegen dessen pazifistischer Botschaft durchzuziehen.

Silvia Rietz
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Geani Brad (sitzend) als Owen Wingrave überzeugte in der Premiere.

Geani Brad (sitzend) als Owen Wingrave überzeugte in der Premiere.

Ben Zurbriggen

Noch ganz unter dem Schock der Anschläge im benachbarten Frankreich, trat Dieter Kaegi vor den Vorhang und erklärte, er habe sich entschlossen, die Solothurner Premiere der Antikriegsoper «Owen Wingrave» gerade wegen dessen pazifistischer Botschaft durchzuziehen und die Aufführung den Opfern des Terrors zu widmen.

Kaegi bat das Publikum, sich für eine Schweigeminute zu erheben und der Toten und Verletzten zu gedenken.

Als sich der Vorhang hob, gab er den Blick auf junge Militäranwärter und ihren Ausbildner frei. Und auf Owen Wingrave, Spross einer Adelsfamilie, die sich in Kriegsdiensten durch Tapferkeit und Mut auszeichnete.

Ausgerechnet der letzte einer langen Reihe von Söldnern widersetzt sich den Erwartungen, weil ihn die Absurdität von Krieg und Soldatentum anwidert. Der Hoffnungsträger der Dynastie kann sich den Erwartungen und der Tradition nicht ungestraft widersetzen.

Owen Wingrave wird von der ganzen Familie als Feigling und Verräter beschimpft, enterbt und ausgeschlossen. Um sich und den Seinen zu beweisen, dass er aus einer inneren Haltung heraus und nicht aus Feigheit dem Militär den Rücken kehrt, übernachtet er im «Spukzimmer» des Schlosses und wird am Morgen tot aufgefunden.

Eine Auftragsarbeit für BBC

«Owen Wingrave» repräsentiert eine Auftragsarbeit, die Benjamin Britten (1913– 1976) für die BBC konzipierte. 1971 suchte man nach Möglichkeiten, die Kunstgattung Oper für das optische Medium Fernsehen zu adaptieren.

Im Cinema des Stadttheaters versammelte sich ein tolles, von Regisseur Reto Nickler straff geführtes Ensemble, welches sich in einem von Christoph Raschle geschaffenen Einheitskubus bewegte.

Neben Patronen machten grüne Tarnkleider (Katharina Weissenborn) deutlich, dass anstatt Opernromantik Soldatenalltag auf die Bühne gebracht wird. Aus dem Graben erklang denn auch sperrige, oft an die Zwölftöner angelehnte Musik.

Ein Prachtsbariton aus Rumänien

Harald Siegel inspirierte das kammermusikalisch besetzte Sinfonie Orchester Biel Solothurn zu beherzten, rhythmischen Klangkaskaden. Den Musikerinnen und Musikern gelang eine atmosphärisch dichte Interpretation.

Auf Augenhöhe bewegte sich das junge Sängerensemble, aus dem Titelheld Geani Brad herausragt. Der Prachtsbariton aus Rumänien ist gut bei Stimme und identifiziert sich als subtiler Darsteller. Ebenso Eric Martin-Bonnet, Bassist aus Frankreich.

Er spielte und sang den Colonel, der sich vom sturen Militärkopf zum zweifelnden Hinterfrager wandelt, mit Einsatz und Charisma. Da hatten es Jonathan Stoughton als Lechmere und Konstantin Nazlamov als General Sir Philipp Wingrave nicht einfach.

Aus dem Damen-Quartett stach insbesondere Sabine Martin als Miss Wingrave mit leuchtendem Sopran heraus. Benjamin Brittens Appell für Liebe, Frieden und Toleranz ist unter dem Eindruck des Vietnamkrieges entstanden. Er hätte auch im Bewusstsein des gegenwärtigen Terrors wurzeln können.

Weitere Aufführungen in Solothurn: 2. und 4. Dezember

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