Solothurn et les Welsches
Schwarzbubenland ist vielfarbiger als das, was man in Solothurn hört

Wie erleben die Menschen in den Bezirken Dorneck und Thierstein die Sprachgrenze zum Elsass? Der sechste Teil unserer Serie Solothurn et les Welsches führt ins Schwarzbubenland.

Samuel Thomi
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Heinz Schumacher vor seinem Postauto und seiner Garage in Metzerlen.

Heinz Schumacher vor seinem Postauto und seiner Garage in Metzerlen.

samuel thomi

Dass beim Start des Autos der Radio anspringt, ist nichts Ungewöhnliches. Am Bahnhof Aesch BL plärrt das Mobility allerdings Französisch aus den Boxen. Ein erster Hinweis auf die Nähe zur Sprachgrenze.

Zur Vorbereitung der Reportage habe ich mich im Freundeskreis, bei Politikern, Wirtschaftsvertretern und Historikern umgehört. Doch nun ist alles anders. Auf der Fahrt ins Schwarzbubenland kommen mir keine Grenzgänger entgegen. Die meisten Autos, die ich kreuze, sind mit Basel-Landschaft gekennzeichnet. Einige mit SO. Nur ein Pole kommt mir aus dem Leimental entgegen.

Erstes Ziel: Hofstetten. Das ist eine der sechs Gemeinden die nicht nur von anderen Kantonen umgeben sind sondern auch an die Sprachgrenze respektive an Frankreich grenzen. Am Strassenrand in «Hufstette», wie man hier sagt, werden Zwetschgen und Nektarinen für 4 Franken das Kilo angeboten. Einheimische oder aus dem Elsass? Ewa Schneiter öffnet die Tür: «Alles frisch vom Hof», erzählt die Bäuerin. Und ja, die Grenze sei ein immerwährendes Thema. Selber spreche sie aber kaum Französisch: «Ich musste ja schon Deutsch lernen», fügt sie lachend an. Vor bald dreissig Jahren sei sie aus Polen zur Ernte hergekommen. «Ich verliebte mich, habe geheiratet und fühle mich inzwischen ganz als Schweizerin.» Sagts, lacht über ihre Direktheit, und entschuldigt sich sogleich; sie stecke mitten in einer Welpen-Geburt.

Inzwischen ist Alfred Schneiter mit dem Traktor heran gefahren. «Wie es sich lebt an der Sprachgrenze? – Gute Frage.» Dann zeigt er mit seinen kräftigen Armen nach Westen: «Sie sprechen Französisch, wir Deutsch. So einfach ist das.» Anders als die Älteren könnten die jungen Franzosen heute aber kaum Deutsch. «Hier ist das Welschlandjahr wie damals aber noch normal.»

Mit dem Zoll gebe es in den letzten Jahren zum Glück keine Probleme. Und wenn, dann kontrolliere die Schweiz. Da 28 seiner knapp 70 Hektaren im Elsass liegen, braucht Alfred Schneiter jedes Jahr einen Freipass. Dieser allein sei zwar kein Problem, doch muss er vor jeder Fahrt die Ware in Bern per Fax anmelden. Und da spiele das Wetter eben nicht immer mit. «Manchmal reicht es vor dem Regen heim, ein andermal müssen wir die Ernte unterbrechen.» Fahrten können in Bern freilich auch kurzfristig wieder abgemeldet werden. Doch sinke die Flexibilität, besonders in schwierigen Jahren. Ackerbau und einen kleinen Rebberg: Dies betreibt Schneiter wie zuvor schon die Eltern ennet der Grenze. Früchte und Milchwirtschaft dagegen sind rund um Hofstetten angesiedelt.

Die andere «Sutteria»

Inzwischen ist das Fass wieder voll, Schneiter muss los. «Weil es kaum geregnet hat, brauchen die Bäume Wasser, sonst fallen die Äpfel herunter.» Am Dorfrand fährt er von Baum zu Baum. Dann zeigt er vom Traktor in die Ferne: «So nah und alltäglich ist Frankreich für uns.» Entsprechend weit weg fühle man sich hier von Solothurn. «Nur unsere Steuern nehmen sie gern, ohne danach zu fragen», lacht er. Und fügt an: «Ansonsten überlasse ich das Politisieren meiner Schwester.» Elisabeth Schneider-Schneiter, heute wohnhaft zwei Dörfer weiter in Basel-Land, ist CVP-Nationalrätin.

Immer etwas los ist an diesem Sommertag auch in der «Sutteria» in Rodersdorf. Letztes Jahr baute Margrit Platzer ihr Elternhaus und den Garten um und eröffnete ein kleines Bistro. «Ich nehme die Sprachgrenze im Alltag nicht wahr», sagt sie. «Das Schul-Französisch reicht allemal.» Die welschen Gäste am Nachbartisch sind allerdings Romands; Franzosen schauten eher selten vorbei. Zu Gast seien vorab Leute aus dem Dorf und der Region. Die Karte ist einfach; lokale Weine stechen heraus. Weisser und roter Maispracher. Und natürlich Rodersdörfler.

Dass ihr Lokal fast gleich heisst wie die bekannte Confiserie Suteria in der Kantonshauptstadt, habe sie auch schon gehört. Aber sie sei noch nie dort gewesen. Der Bistro-Name sei eine Anlehnung an ihren Ledignamen. Und auch Margrit Platzer sagt: «Solothurn ist weit weg.» Wenn, dann gehe sie nach Basel. Um aus Rodersdorf mit dem Auto in die Schweiz zu gelangen muss man nämlich stets mindestens ein paar Meter aus dem Land. Doch heute ist die Grenze unbewacht. Überhaupt scheint das Zollhäuschen am Dorfende schon länger verwaist.

Und wie lebt das Gewerbe mit der Sprach- und Landesgrenze? Das erzählt ein Dorf weiter Heinz Schumacher. In dritter Generation führt er in Metzerlen die Schumacher Auto AG und die Schumacher Bus AG. Wie bereits die Firmennamen verraten, betreiben von hier aus sechs Chauffeure mit ebensovielen Bussen zwei Postautolinien. Diese befördern rund eine halbe Million Fahrgäste im Jahr; auf den ersten Blick erstaunlich, hier am Ende der Schweiz. Die einfache Erklärung dafür: der Wallfahrtsort Kloster Mariastein. «Daneben haben wir richtig Platz für einen klassischen Garagenbetrieb», erzählt Schumacher auf einem Rundgang. «Aber wir mussten uns spezialisieren, um zu überleben.» Im Keller gibt es ein riesiges «Reifen-Hotel» für Kunden. Und die Garage ist samstags geöffnet, dafür montags zu. «Ein Erfolgsrezept, das uns inzwischen ganz neue Kunden bringt.»

Elsässer kaufen in der Schweiz ein

Die Kundschaft (wie auch die Mitarbeitenden) stammt laut Heinz Schumacher vom Jura bis Basel – und aus dem Elsass, das am anderen Ende des Feldes beginnt. «Grenzgänger, die es sich leisten können und Schweizer Qualität schätzen gelernt haben», erklärt er auf den fragenden Blick. Ein Kunde habe ihm mal gesagt, erzählt Schumacher, er fahre lieber von Service zu Service statt von Panne zu Panne wie in Frankreich üblich. Der Garagier schmunzelt.

Dann wird ein Neuwagen angeliefert. Heinz Schumacher wechselt fliessend die Sprache. Und erzählt dann ebenfalls davon, wie alltäglich das Französische und Welschlandjahr hier noch immer seien. Und drückt dem Gast für den nächsten Besuch den neuen Führer «Treffpunkt Schwarzbubenland – entdecken, fühlen, erobern» in die Hand. Dafür engagiert sich Schumacher nämlich ebenfalls. Im Zug heim durch den Jura bestätigt sich darin der Eindruck: Die Bezirke Dorneck und Thierstein sind vielfarbiger als das, was man in Solothurn meist hört.

Bereits erschienen: «Alle rennen auf den Berg – und doch ist er eine Grenze» (9. 7.), «Ich merke leider erst jetzt, wie wichtig Deutsch ist» (16. 7.), Sprachgrenze zeigt sich auch im Tourismus (23. 7.). «Die Erfahrungen helfen uns sicher» (31. 7.), «Solothurn ist der frankophilste Kanton» (7. 8.).