Das Amtsgericht Thal-Gäu musste sich am Mittwoch mit einem örtlichen Fall befassen: Der Balsthaler Peter M.* wurde angeklagt, den Geschädigten Lukas P.* mit einer Schrotflinte verletzt zu haben. Nun gehen aber die Anklagepunkte bereits auseinander, weshalb der 32-Jährige wegen versuchter vorsätzlicher Tötung oder schwerer Körperverletzung angeklagt wird. Zudem habe er sich des Vergehens gegen das Waffengesetz, der Sachbeschädigung, des Vergehens gegen das Betäubungsmittelgesetz sowie der versuchten schweren Körperverletzung schuldig gemacht.

Im Hergang bis zur eigentlichen Tat decken sich die Ansichten: Anfang 2014 suchte Lukas P. zusammen mit seiner Freundin und dazumal getrennt lebenden Ehefrau von Peter M. den Beschuldigten an seinem Wohnort auf. Er wollte den Beschuldigten wegen Sachbeschädigung zur Rede zu stellen. Am selben Tag soll Peter M. nämlich die Scheiben seines Autos eingeschlagen haben. Auf dem Vorplatz der Liegenschaft in Balsthal kam es dann zuerst zu einer verbalen, dann zu einer handgreiflichen Auseinandersetzung zwischen den beiden etwa gleichaltrigen Männern. Unter anderem bewarfen sie sich gegenseitig mit herumliegenden Ziegelsteinen. Der Beschuldigte begab sich daraufhin zurück in seine Wohnung und befahl Lukas P., sein Grundstück zu verlassen.

Schuss traf Opfer an der Stirn

Wenige Minuten später kehrte der Beschuldigte mit einer abgesägten Schrotflinte in der Hand zurück. Laut Anklageschrift hatte er die seit zwei Jahren geladene Waffe in seiner Wohnung versteckt. Mit der Flinte in der Hand verfolgte er den Geschädigten, der sich zurückzog. Ab diesem Punkt der Geschichte gehen die Meinungen auseinander.

Lukas P. behauptet, sie hätten sich mit einem Abstand von etwa zwei Metern gegenübergestanden und Peter M. habe den Lauf der Schrotflinte auf sein Gesicht gerichtet. Der Beschuldigte habe bewusst den Abzug betätigt und traf sein Gegenüber oberhalb des rechten Auges. Peter M. hingegen hat die Szene anders in Erinnerung: Er habe die Schrotflinte in der rechten Hand gehalten und diese dem Opfer mit einer Schwungbewegung von links nach rechts über den Kopf gezogen. Durch den Aufprall habe sich die Sicherung der Flinte gelöst und der Finger des Beschuldigten sei versehentlich an den Abzugsbügel geraten, wodurch sich ein Schuss löste. Lukas P. erlitt eine Rissquetschwunde sowie ein Knalltrauma mit persistierender Hochtonschwerhörigkeit und wechselndem Tinnitus.

«Bin nicht sicher, wie alles ablief»

Peter M. erscheint dem unter Amtsgerichtspräsident Guido Walser tagenden Amtsgericht in Jeans, Hemd und Wollpullover. Der Geschädigte trägt seine Jeans in weisse Socken gestopft, eine Lederjacke sowie Tattoos, unter anderem im Gesicht. Bei der Befragung der beiden Schweizer wird schnell klar: Beide können sich nicht mehr an den genauen Tathergang erinnern. «Am Anfang war ich überzeugt, dass er absichtlich auf mich geschossen hat», führt Lukas P. aus. Einige Wochen nach der Tat habe er aber diverse Gerüchte gehört, dass hinter dem Schuss keine Absicht steckte. «Ab da war ich mir nicht mehr sicher, wie alles ablief», sagt der Geschädigte. «Ich habe mich genau in dem Moment, als sich der Schuss löste, abgedreht. Ich kann folglich nicht sagen, ob er bewusst abgedrückt hat.» Er wolle nicht, dass Peter M. für etwas gebüsst werde, das er nicht getan habe. «Ich bin ja zum Glück noch hier und mir geht es gut», endet Lukas P. seine Befragung.

Nach diesen Ausführungen des Geschädigten sowie laut Gutachten eines Spezialisten waren sich die Anwesenden einig, dass es sich mit grosser Wahrscheinlichkeit nicht um versuchte vorsätzliche Tötung handelte, sondern um schwere Körperverletzung. Dies bestreitet der Beschuldigte nicht: «Ich wollte ihm mit der Flinte eins überbraten», gibt Peter M. zu. «Ich wollte ihn damit vertreiben und ihm Angst machen.» Jedoch hält er auch fest: «Ich wollte ihn nicht töten. Als er wieder aufstand, fiel mir ein Stein vom Herzen.» Wieso er überhaupt zum Gewehr gegriffen habe, könne er sich im Nachhinein nicht mehr erklären. «Er sagte noch zu mir: ‹Mach keinen Scheiss!›», erzählt der Beschuldigte. Mittlerweile gibt er zu, einen Blödsinn gemacht zu haben, und entschuldigt sich dafür. «Ich bin bereit, den Preis für meine Taten zu bezahlen.

214 Hanfpflanzen gehalten

Das Hauptdelikt ist aber nicht der einzige Fall, in dem Peter M. wegen Gewalttätigkeit auffiel: Im April 2015 kam es zwischen dem Beschuldigten und seinem Cousin zu einer handgreiflichen Auseinandersetzung, in welcher der Cousin von Peter M. schwer verletzt wurde. Dieser erschien nicht zur Verhandlung. «Er hat grosse Angst vor Peter M.», erklärt Verteidigerin Cornelia Dippon. Ausserdem wurde Peter M. angeklagt, mit seiner Schwester 214 Hanfpflanzen ghalten zu haben. Der Beschuldigte gibt zu, früher Probleme mit seiner Aggression gehabt zu haben. «Das habe ich jetzt aber alles im Griff, ich stehe mit beiden Beinen im Leben und weiss, was ich will», sagt der Balsthaler. Ausserdem habe er zwei Kinder und eine feste Arbeitsstelle. «Ich möchte nicht betteln, aber denkt auch an meine Kinder», bittet Peter M. zum Schluss.

Staatsanwalt Erich Kuhn fordert eine stationäre Behandlung und 5 Jahre Freiheitsentzug sowie eine Geldstrafe von 150 Tagessätzen à 30 Franken. Rechtsanwalt Konrad Weber fordert für seinen Klienten Lukas P. eine Genugtuung von insgesamt 22 450 Franken. Verteidiger Rudolf Wyss plädiert hingegen auf Freispruch. Er ist der Meinung, sein Klient könne höchstens zu einer bedingten Freiheitsstrafe von 18 Monaten sowie einer Geldstrafe von 50 Tagessätzen à 20 Franken verurteilt werden. Die Forderungen von Pascal P. seien auf den Zivilweg zu verweisen. Hingegen fordert Wyss, seinem Klienten sei eine Genugtuung gemäss richterlichem Ermessen zuzusprechen. Während einer Probezeit von zwei Jahren sei zudem der Alkohol- und Drogenkonsum seines Klienten zu kontrollieren. Die mündliche Urteilseröffnung findet am 25. Januar statt.

* Namen von der Redaktion geändert