Berufsbildung
Schulnoten sagen nicht alles über das Potential eines Schülers aus

Durch zweijährige EBA-Berufslehren soll auch das Potential von vermeintlich leistungsschwächeren Jugendlichen genutzt werden. Denn auch aus Lernenden mit einer EBA-Lehre können qualifizierte Fachkräfte werden.

Franz Schaible
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Praxis und Theorie trafen sich am Podium (v.l.): Daniel Hürzeler (Chef Garage Gysin + Gerspacher AG), Josef Maushart (Chef Fraisa AG), Moderatorin Christine Büchli, Janine Aebi (Ausbildungskoordinatorin Berufslernverbund) und Margrit Stamm (Professorin Uni Freiburg).

Praxis und Theorie trafen sich am Podium (v.l.): Daniel Hürzeler (Chef Garage Gysin + Gerspacher AG), Josef Maushart (Chef Fraisa AG), Moderatorin Christine Büchli, Janine Aebi (Ausbildungskoordinatorin Berufslernverbund) und Margrit Stamm (Professorin Uni Freiburg).

Hansjörg Sahli

«In der Berufsbildung wird das Potenzial von Jugendlichen mit Migrationshintergrund nicht ausgeschöpft.» Das sagte Margrit Stamm, emeritierte Professorin der Universität Freiburg und Direktorin des Berner Forschungsinstituts Swiss Education, an einem Forum in Solothurn zum Thema «EBA Grundbildung - eine Chance für junge Menschen mit Migrationshintergrund».

Dabei sei es angesichts des Mangels an Lernenden und der zunehmenden Akademisierungstendenzen für die Wirtschaft wichtig, vorhandene «Begabungsreserven» besser anzuzapfen.

Vermeintlich leistungsschwach

Ihre These stützte Stamm mit den Resultaten einer Forschungsstudie. Dazu haben Lehrmeister die Leistungsentwicklung von je 400 überdurchschnittlich und unterdurchschnittlich begabten Lernenden jährlich beurteilt.

Nach dem 1. und 2. Lehrjahr schwangen die «Talente» erwartungsgemäss weit obenaus. Nach dem 3. Lehrjahr verkehrte sich das Bild ins Gegenteil und nach Abschluss der Berufslehre gab es zwischen den beiden Gruppen keine Unterschiede mehr in der Einschätzung der Schlüsselqualifikationen.

«Ein Drittel der Besten waren Migranten», betonte Stamm. Dabei habe deren Grundschulkarriere nie auf einen solchen Erfolg hingedeutet. Die meisten Jugendlichen mit Migrationshintergrund hätten im Vergleich zu den «Einheimischen» eine «holprige Schullaufbahn» hinter sich. Offensichtlich sei da in der Lehrzeit einiges passiert.

Daraus leitete die Wissenschafterin Erkenntnisse für die Rekrutierung und die Selektion von Lernenden ab. Grundsätzlich braucht es eine deutlichere Unterscheidung zwischen den Leistungsmerkmalen wie Noten und den Persönlichkeitsmerkmalen wie Interesse, Fleiss, Wille.

«Ausbildungsfirmen, die nur auf die Schulnoten schauen, entdecken das Potenzial unter den Schulabgängern nur mangelhaft.» Daneben präsentierte sie für die Lehrbetriebe weitere Erfolgsfaktoren bei der Suche nach Lernenden.

So brauche es etwa eine engere Zusammenarbeit mit der Schule. «Viele Lehrpersonen kennen die berufliche Grundbildung nicht aus eigener Erfahrung.» Ebenso wichtig sei der direkte Kontakt mit ausländischen Familien und ihren Kindern.

«Diese betrachten die Berufsbildung oft als zweitklassig.» Stamm forderte die Lehrbetriebe auf, einen Perspektivenwechsel vorzunehmen. «Der enge Tunnelblick soll durch einen positiveren Blick auf die Migranten verbreitert werden.»

Schlechte Math-Note liegt nicht drin

Ihre Sicht der Dinge fand in der Podiumsdiskussion Zustimmung, wenn auch mit gewichtigen Nuancen. Während der Lehrzeit passiere entwicklungsmässig tatsächlich viel, bestätigte Janine Aebi in ihrer Funktion als Ausbildungskoordinatorin beim Berufslernverbund Thal-Mittelland.

Aber die Rolle der Schulnoten dürfe nicht unterschätzt werden. «Für eine Lehre als Polymechaniker etwa liegt eine ungenügende Mathematiknote einfach nicht drin.» Den angesprochenen Perspektivenwechsel habe man bei der Bellacher Fraisa AG bereis vollzogen, erklärte deren Chef Josef Maushart.

«Bei der Selektion schauen wir mehrheitlich auf Persönlichkeitsmerkmale.» Aber wenn auf der Notenseite das Auge zu fest zugedrückt werde, dann habe der Lernende enorme Mühe in der Berufsschule.

Die EBA ist eine Chance

Deshalb plädierte Daniel Hürzeler, Chef der Solothurner Autogarage Gysin + Gerspacher AG, für unterschiedlich anspruchsvolle Lehrberufe, in seinem Fall für die zweijährige Lehre als Automobil-Assistent mit Eidgenössischem Berufsattest (EBA).

Dies sei eine gute Möglichkeit, in die Berufsbildung einzusteigen. «Auch aus Lernenden mit einer EBA-Lehre werden sehr gute Fachkräfte.» Zudem stehe ihnen die Fortsetzung mit drei- oder vierjährigen Berufslehren offen. Genau diese Durchlässigkeit lobte Maushart.

«Darüber müssen Eltern, Jugendliche und Schulen besser aufgeklärt werden.» Diese Durchlässigkeit habe aber auch seine Schattenseiten, warf Margrit Stamm ein. «Wenn jeder gelernte Maurer via Fachhochschule Architekt wird, dann schwächt das letztlich das Handwerk.»

Das bestätigte Garagenchef Daniel Hürzeler. «Ein über 50-jähriger Automechaniker hat heute schon Seltenheitswert.»