Bildung

Schulnoten für Erstklässler werden möglicherweise wieder abgeschafft

Kein Zeugnis mit Noten mehr: Im Standortgespräch bekommt das Kind eine Plattform, um zu zeigen, was es gelernt hat.

Kein Zeugnis mit Noten mehr: Im Standortgespräch bekommt das Kind eine Plattform, um zu zeigen, was es gelernt hat.

Mehrere Schulen im Kanton testen, wie sie Noten für Erst- und Zweitklässler ersetzen können. Ein Möbelstück ist Teil einer Möglichkeit.

In der Schule gibt es Noten. Das ist so weit bekannt. Ab wann genau Kinder benotet werden, ist von Kanton zu Kanton unterschiedlich. Die Solothurner beginnen besonders früh damit: Hier werden Kinder ab der ersten Klasse mit Zahlen beurteilt. Eingeführt wurde diese Regelung erst 2011, es war ein politischer Entscheid. Die Begründung: Mit Zahlen könne den Eltern besser aufgezeigt werden, wie weit ihr Kind ist. Zudem würden Noten für die Schüler zusätzlich motivierend wirken. Lehrer wie auch Schulleiter waren nicht gerade glücklich über diese Änderung. Umso grösser ist jetzt dafür die Freude, dass die Noten möglicherweise bereits wieder abgeschafft werden.

Rückmeldungen sind vielfältiger geworden

Genau dies lässt das Volksschulamt momentan erproben. In insgesamt fünf Schulen laufen seit einem Jahr Versuche, bei denen andere Beurteilungsarten ausprobiert werden (siehe dazu Text rechts). Zum Beispiel in Halten, Oekingen und Kriegstetten, an den Standorten der Kreisschule Hoek. «Die Relevanz von Noten in der Unterstufe ist so klein», begründet Schulleiter Andreas von Felten. «Wenn man die so anschaut, müsste jedes Kind Akademiker werden. Das ist nicht so. Hier wird nicht die Realität abgebildet.»

Statt auf Noten setzt man an der Kreisschule nun stärker auf unterschiedliche Leistungsbelege. Mal wird den Eltern ein Portfolio mit nach Hause gegeben, ein anderes Mal ein Test, dann wieder eine kurze Leseübung. Den Eltern wird nach wie vor gezeigt, was ihr Kind gelernt hat. Die Rückmeldungen seien aber vielfältiger und aussagekräftiger geworden als noch mit den Noten, findet Delia Bohren, 1.- und 2.- Klass-Lehrerin in Oekingen: «Eine Note ist nur eine Momentaufnahme. Drei Monate später sagt sie nichts mehr darüber aus, was das Kind aktuell in diesem Bereich kann.» Zudem habe die grössere Vielfalt der Rückmeldungen noch einen weiteren positiven Effekt: «Da ich nun nicht mehr dauernd die Benotung im Hinterkopf habe, kann ich auch bei der Bewertung darauf achten, welche Art von Rückmeldung das Kind in seiner Entwicklung am besten voranbringt», sagt Bohren.

Standortgespräch als Plattform für das Kind

Portfolios und Co: Das sind alles keine neuen Erfindungen. Viele dieser Werkzeuge kommen schon lange zum Einsatz. Neu fallen einfach die Noten als Teil des Ganzen weg. «Mit den Noten legen wir einen Bremsklotz zur Seite, der mehr geschadet als genützt hat», sagt von Felten. Viele andere Dinge sind gleich geblieben. So zum Beispiel das Standortgespräch: Einmal jährlich treffen sich Lehrperson, Kind und Eltern. Nur wird dort an allen Standorten der Kreisschule Hoek kein Zeugnis mit Noten mehr vorgelegt. Die Schule hat sich für eine andere Vorgehensweise entschieden. Und zwar für eine mit einem Möbelstück.

Die «Gesprächs-Kommode» ist genau das: eine Kommode. Sie hat verschiedene Fächer, auf den Schubladen finden sich Begriffe wie Mathematik oder Deutsch, aber auch Eigenständigkeit oder soziale Medien. Geführt von der Lehrperson, öffnet das Kind unterschiedliche Schubladen und zeigt seinen Eltern, was es auf einem bestimmten Gebiet gelernt hat. Und diese Plattform nutzen die Kinder offenbar rege. «Am Anfang waren wir nicht sicher, wie ein solches Gespräch herauskommen würde», sagt von Felten. Später war er selber überrascht. «Die Kinder haben fast eine ganze Stunde lang geredet. Das war höchst spannend anzusehen.» Und von keinem einzigen Elternteil habe es bisher eine Rückmeldung gegeben, man würde die Noten vermissen.

Nun wird ein Jahr lang weitergeprobt

Während die Kreisschule Hoek nun so weiterarbeitet, testen die anderen Modellschulen andere Dinge aus. Als Grundlage gilt überall der Solothurner Lehrplan. Wie die Beurteilung im konkreten aussieht, das überlässt der Kanton bewusst den einzelnen Schulen. «Wir sind sehr daran interessiert, eine breite Palette an Einschätzungen und Erfahrungen zu bekommen», sagt Elisabeth Ambühl-Christen. Sie ist Leiterin Qualitätssicherung beim Volksschulamt und für das Projekt verantwortlich. Aus all den verschiedenen Erkenntnissen will das Volksschulamt schliesslich herausfiltern, welche Erfahrungen sich auf den ganzen Kanton übertragen lassen. An der Kreisschule Hoek denkt man indes schon einen Schritt weiter. Man spüre die Offenheit vom Kanton und geniesse die Freiheiten, die man beim Versuch zugesprochen bekommen hat, sagt von Felten. «Ich wünsche mir, dass man diese Offenheit beibehält. Nicht dass es irgendwann eine Weisung gibt und die Beurteilung von allen Schulen im Kanton genau gleich gemacht werden muss. Das wäre schade.»

Und was meint eigentlich die Politik zu dem Ganzen? Immerhin war es die Politik, die die Umstellung erst veranlasste. Von dieser Front ist noch wenig zu erfahren. Begleitet werden die Modellschulen von einem fachlichen Beirat, in dem auch Vertreter der Politik sitzen. Ende September wurde dieser erstmals über Erkenntnisse aus dem vergangenen Jahr informiert. Die Ergebnisse seien positiv aufgenommen und gewürdigt worden, sagt Ambühl-Christen. Der Versuch an den Modellschulen ist auf zwei Jahre angelegt. Weiter kommuniziert und entschieden wird danach. Jetzt wird zuerst ein Jahr langweiter getestet.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1