Seit Tagen sorgen zwei Schulen im Kanton Solothurn für fette Schlagzeilen. Der Fall Egerkingen, wo der Gemeinderat einen Deutschzwang auf dem ganzen Primarschulareal durchsetzen will, wird gar schweizweit diskutiert.

Und innerhalb des Kantons mindestens so viel zu reden gibt der Widerstand des Hägendörfer Gemeinderats gegen die Beurteilung der Schulevaluation. Mit der Setzung einer roten Ampel hat diese an der dortigen Primarschule eklatante Mängel in der Schulführung zutage gefördert. Egerkingen und Hägendorf, zwei verschiedene Fälle, die bei näherem Hinsehen Gemeinsamkeiten aufweisen.

Wie in Hägendorf liegt auch in Egerkingen das Problem bei der Schulführung, die immer ein Zusammenspiel von Schulleitung und Gemeinderat ist. Mängel in der Schulführung haben in der soeben abgeschlossenen Qualitätsüberprüfung aller Solothurner Schulen zudem zu etlichen roten oder auch gelben Ampel geführt.

Das macht Adrian van der Floe im Gespräch mit dieser Zeitung rund um die aktuelle schulpolitische Diskussion deutlich. Er ist Gesamtschulleiter der Oberstufe Wasseramt Ost und präsidiert zudem den Verband der Schulleiterinnen und Schulleiter Solothurn (VSL-S0).

Auch Ihre Schule wurde von der externen Schulevaluation unter die Lupe genommen. Haben Sie lauter grüne Ampeln bekommen?

Nein, nicht nur. Im Bereich Schulführung erhielt die Oberstufe Wasseramt Ost eine gelbe Ampel, dass heisst es besteht ein gewisser Handlungsbedarf. In allen anderen Bereiche erhielt unsere Schule eine grüne Ampel, beim Schul- und Unterrichtsklima, beim Arbeitsklima für die Lehrpersonen, den Elternkontakten, dem Qualitätsmanagement sowie der Betreuungs- und Aufsichtsfunktion. Grün reicht dabei von «genügend» bis «sehr gut», deckt also ein breites Beurteilungsspektrum ab.

Eine gelbe Ampel in der Schulführung: Damit wurde also auch sehr direkt Ihre eigene Arbeit kritisch beurteilt?

Ja, das ist so. Der Evaluationsbericht hat sehr differenziert beschrieben, wo die Probleme liegen. Die minimalen Anforderungen haben wir erfüllt. Im Schulalltag waren aber für Lehrpersonen und Eltern die Rollenaufteilung und die Zuständigkeiten oft unklar. Sie wussten nicht, wohin sie sich mit ihren Problemen wenden sollen. Wir haben mit Derendingen/Luterbach und Subingen ja zwei Schulstandorte und damit auch zwei Schulleitende.

Fühlen Sie sich trotz dieser Kritik richtig beurteilt?

Eine Evaluation kann nie alles sehen, aber sie gibt gute Rückmeldungen. Die externe Schulevaluation, die bei uns im Herbst 2013 durchgeführt wurde, hatte die wichtige Funktion, diese Probleme explizit zu benennen. Gerade jemand, der von aussen kommt, kann erfolgreicher auf blinde Flecken aufmerksam machen. Die Evaluation wird zudem von einer anerkannten Fachstelle durchgeführt.

Würden Sie auch so offen kommunizieren, wenn Sie gleich wie Hägendorf eine rote Ampel in der Schulführung bekommen hätten?

Ich hätte gar nicht anders können. Wir haben den Fahrplan für die Kommunikation der Evaluationsergebnisse sowie die Erarbeitung und Umsetzung von Massnahmen bereits lange im Voraus festgelegt, im Juli 2013. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch keine Ahnung, was uns erwartet. Wir haben uns dann auch an den vereinbarten Zeitplan gehalten. Ein solcher verbindlicher Zeitplan hat offensichtlich im Fall Hägendorf gefehlt.

Was haben Sie konkret mit den Ergebnissen angefangen?

Wir bekamen insgesamt drei Empfehlungen: Eine betraf die Schulführung, zudem mussten wir auch die bestehenden Praxisgruppen verbessern sowie unser Qualitätsmanagementkonzept überarbeiten. Es handelt sich dabei um lauter wichtige Punkte, die wir alle innerhalb eines Jahres umgesetzt haben. Zuvor haben wir an einer Veranstaltung für alle Mitarbeitenden der Schule sowie die Gemeindevertreter die Ergebnisse der Evaluation öffentlich kommuniziert. Das war Mitte Dezember 2013, nur zwei Wochen, nachdem uns der Bericht in einer Rohfassung vorgelegt worden war. Anfang 2014 haben wir auch die Eltern in einem Brief informiert.

Was aber ist, wenn eine Schule wie Hägendorf nicht einverstanden ist mit den Ergebnissen?

Der Schulleitung und den Gemeindebehörden werden die Ergebnisse wie gesagt in einer Rohfassung vorgelegt. Im Rahmen einer Validierungssitzung gemeinsam mit den Verfassern der Studie werden offene Fragen geklärt. Es kann durchaus sein, dass gewisse Schlussfolgerungen auf Falschaussagen beruhen. Wenn nötig, werden gewisse Korrekturen vorgenommen. Wir forderten keine Anpassungen.

Sollte es ein Beschwerderecht gegen die Ergebnisse der Studie geben?

Das Bildungsdepartement ist ja jetzt damit beschäftigt, ein solches Beschwerderecht zu prüfen. Ich halte das für durchaus sinnvoll. Heute ist nicht klar geregelt, welche Möglichkeiten eine Schule hat, um sich zu wehren. In der Vergangenheit haben Gemeindebehörden nach roten Ampeln bei mir um Rat gefragt. Noch wichtiger scheint mir aber, dass Schulen mit einer oder mehreren roten Ampeln vonseiten des Kantons besser und schneller unterstützt werden. Gerade auch, was die Kommunikation der Ergebnisse betrifft.

Der Aufwand, den Sie als Schulleiter für die Vorbereitung der Evaluation leisten mussten, ist gross. Ist er nicht zu gross?

Vor einigen Jahren hatten die Schulen grosse Bedenken, ob sich der Aufwand wirklich lohnen wird. Mittlerweile sieht man das anders: Es wird nicht einfach nur Papier produziert. An den meisten Schulen sind in der Folge wichtige Anpassungen vorgenommen worden. Damit leistet die Evaluation eine grosse Führungsunterstützung.

Viele Schulen sind also (noch) besser geworden?

Sagen wir es so: Die Schulen sind heute sicher mindestens so gut, wie vor dem ganzen Prozess. Besonders wichtig scheint mir, dass im Rahmen der Evaluation auch die wichtige Rolle der Aufsichtsbehörde deutlich geworden ist, also der Gemeinden. Sie stehen in der Pflicht, mit der Schulleitung gut zusammenzuarbeiten.

In Hägendorf hat sich die Gemeinde zu wenig eingebracht – und in Egerkingen dafür zu viel?

Gemäss Aussage des Gemeinderates Hägendorf wurde die Schule bisher stiefmütterlich behandelt. Man kann natürlich diese Aussage auf zwei Arten interpretieren. Entweder wurde die Schule an der langen Leine geführt, das heisst das Vertrauen vonseiten der Aufsichtsbehörde, des Gemeinderates in die Schulleitung war zu gross. Oder aber das Interesse an schulischen Belangen war eher gering. Das ist einer der Gründe dafür, weshalb etliche rote Ampeln im Bereich Schulführung gesetzt worden sind.

Bei der Schulführung geht es immer auch um die Zusammenarbeit von Schulleitung und den Gemeinden. Die Gemeinden überprüfen die Arbeit der Schulleitung. Sie bringen sich aber, auf der strategischen Ebene, auch aktiv ins Geschehen ein. Die Gemeindebehörden legen etwa die IT-Strategie fest. Umgekehrt haben die Schulleiter die Pflicht, die Gemeinden zu informieren. Der Schulleiter ist ein Kadermitarbeiter der Gemeinde.

Hätte Egerkingen eigentlich auch eine rote Ampel im Bereich Schulführung verdient?

In Egerkingen hat sich der Gemeinderat mit der Anpassung der Schulhausordnung in das operative Geschäft der Schulleitung eingemischt. Ein solches Verhalten liegt nicht im grünen Bereich. Ausgelöst wurde die Anpassung der Schulhausordnung durch einen Mobbing-Fall. Das ist ein operatives Problem, das die Schulleitung zusammen mit der Lehrerschaft in den Griff kriegen muss. Bei der Änderung der Schulhausordnung kann die Gemeinde zwar durchaus mitreden. Es handelt sich dabei aber um einen Prozess, an dem sich vor allem die Betroffenen, nämlich die Schulleitung und die Lehrerschaft mitbeteiligen sollen.

«Hägendorf» und «Egerkingen» haben also grundsätzlichere Probleme aufgezeigt?

Es braucht ein noch besseres Verständnis darüber, wie sich die strategische von der operativen Führung unterscheidet. Im März findet aus diesem Grund in Olten, Solothurn und Dornach je ein Workshop für die kommunalen Aufsichtsbehörden statt. Durchgeführt werden diese Veranstaltungen vom Verband der Solothurner Einwohnergemeinden und dem Volksschulamt. Vor Ort anwesend sind auch Vertreter des Vorstands des Schulleiterverbandes.

Erhoffen Sie sich davon auch eine gewisse Entlastung der Schulleitenden?

Eine gute Zusammenarbeit zwischen Gemeinden und Schulleitungen ist sicher entlastend. Die Schulleitenden stehen unter einem hohen Druck. Von 2007 bis 2014 wechselten in den Bezirken Solothurn, Lebern und Wasseramt rund 70 Prozent der Schulleiter. Nur ein kleiner Teil ging auf Pensionierungen zurück. In den letzten zwei oder drei Jahren ist die Fluktuation allerdings nicht mehr so hoch.

Das zeigt, dass viele Schulleitenden ihre Rolle gefunden haben. Schulleitende brauchen eine sehr gute Selbstorganisation, um alle ihre Aufgaben unter einen Hut zu bringen. Sie dürfen zudem weder zu nahe noch zu weit weg von den Lehrpersonen sein. Ebenso wichtig ist die gute Vernetzung mit den Behörden der Gemeinden oder des Schulträgers.

Erachten Sie es für notwendig, dass Schulleitende einen pädagogischen Hintergrund haben?

Der grösste Teil der Schulleitenden im Kanton kommt aus dem Lehrberuf. Für zwingend nötig erachte ich das aber nicht. Nicht-Pädagogen müssen sich jedoch das nötige pädagogische Gespür über häufige Unterrichtsbesuche aneignen. Zudem verschaffen sie sich über gute Kontakte Einblick in die vielfältige Arbeit der Lehrpersonen.