Coronavirus
Schulen schliessen wird im Kanton Solothurn als letzte Option angeschaut

Mit der neuen Virusvariante wird Fernunterricht im Kanton Solothurn wieder zum Thema, die Schulen raten davon aber ab.

Rebekka Balzarini
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Kinder können das Coronavirus in der Schule auflesen und dann zuhause ihre Eltern anstecken. (Symbolbild)

Kinder können das Coronavirus in der Schule auflesen und dann zuhause ihre Eltern anstecken. (Symbolbild)

Andrea Stalder

Kinder sind keine Treiber der Pandemie. Dieser Auffassung sind Politik und Wissenschaft in der Schweiz nach wie vor. Deshalb stehen die Schulen, anders als noch im Frühling, auch nicht im Zentrum, wenn die Schutzmassnahmen im Land angepasst werden.

Und trotzdem: Ganz aus dem Schneider sind die Schulen nicht. Mit Blick auf mögliche zusätzliche Verschärfungen waren die Kantone in der vergangenen Woche dazu angehalten, dem Bund Lösungsvorschläge zu präsentieren, falls in den nächsten Wochen auch an den Schulen strengere Massnahmen notwendig werden.

Klar ist für das Volksschulamt: Der Präsenzunterricht soll möglichst lange bleiben. «Menschen sind sozial ausgerichtet, sie brauchen die Anregungen und Impulse anderer. So ist es auch bei Kindern. Die Schule ist ein Ort der Stabilität und Kontinuität», schreibt Andreas Walter, der Leiter des Volksschulamtes.

Nur noch wenig Spielraum bei neuen Massnahmen

Bisher mussten laut dem kantonalen Volksschulamt 5 von 86 Schulen für wenige Tage vom Präsenz- in den Fernunterricht wechseln, weil mehrere Kinder oder Lehrpersonen positiv auf das Coronavirus getestet wurden.

In den Schulhäusern von Olten bis Grenchen gibt es bereits einen ganzen Strauss an Massnahmen, damit Kinder und Lehrpersonen möglichst gut geschützt sind. So haben etwa nur so viele Menschen wie nötig Zutritt zu den Schulhäusern, im Unterricht werden in der Oberstufe und von Lehrpersonen Masken getragen, Pausen finden nicht mehr immer wie gewohnt gleichzeitig statt, gesungen und geturnt wird nicht mehr wie in früheren Schuljahren.

Viel strengere Massnahmen wären an den Schulen im Kanton kaum umsetzbar. Das heisst es sowohl von Seite des Verbands Lehrerinnen und Lehrer Solothurn (LSO), als auch vom Verband Schulleiterinnen und Schulleiter (VSL SO).

«Die einzige zusätzliche Massnahme wäre die Umstellung von Präsenz- auf Fernunterricht», schreibt Adrian van der Floe, Präsident des VSLSO. Laut ihm sollte diese Massnahme aber als letzte Möglichkeit in Betracht gezogen werden.

«Die Schule lebt von der sozialen Auseinandersetzung, der Interaktion und Gleichaltrigen», schreibt er weiter. «Der Fernunterricht kann zu vermehrter sozialer Vereinsamung von Kindern und Jugendlichen führen.» Das zeige sich unter anderem daran, dass es beim Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienst lange Wartefristen gebe.

Im vergangenen Frühling habe man in den Schulen ausserdem festgestellt, dass einige Schülerinnen und Schüler daheim schwer erreichbar seien, trotz den verschiedenen digitalen Tools, die den Schulen zur Verfügung stehen.

Eine erneute Schulschliessung hätte Konsequenzen, fürchtet van der Floe: «Die Chancengerechtigkeit wird sinken, und vermutlich auch der Lernzuwachs bei den meisten Schüler im Fernunterricht.»

Der VSLSO beobachte deshalb mit Sorge, dass in der Schweiz immer mehr Fälle von Personen bekannt werden, die sich mit der Coronavirus-Variante B.1.1.7 angesteckt haben. Diese Variante des Coronavirus wurde Mitte Dezember in Grossbritannien entdeckt, und soll laut ersten Studien 50 bis 70 Prozent ansteckender sein als diejenige Variante, die bisher in der Schweiz verbreitet war.

Gerade die Schulen könnten laut ersten Erkenntnissen eine wichtige Rolle bei der Verbreitung der neuen Variante gespielt haben. «Wir warten hier noch auf Antworten von wissenschaftlicher Seite», so van der Floe.

Die Situation an den Schulen im Ausland mit der Situation in der Schweiz zu vergleichen, sei nur bedingt sinnvoll: «Die obligatorischen Schulen dauern in vielen Ländern bis 18 Jahre, und viele Schüler benutzen im Ausland bereits relativ früh den öffentlichen Verkehr, da die Schulwege in der Regel viel länger als in der Schweiz sind.»

Auch der LSO fürchtet, dass die neue Virusvariante sich auf die Schulen auswirken könnte, schreibt Präsident Mathias Stricker. «Diese Besorgnis besteht. Der Schutz der Risikopersonen ist zu gewährleisten. Und es ist auch wichtig, dass sich Lehrpersonen so schnell wie möglich freiwillig impfen lassen können, insbesondere wenn am Präsenzunterricht festgehalten wird. Die Betonung liegt auf der Freiwilligkeit. Gegen eine Impfpflicht für Lehrpersonen würde sich der LSO zur Wehr setzen.»

Schulschliessungen nur bei einem starken Anstieg

Der VSLSO und der LSO plädieren dafür, dass die Kantone eng zusammenarbeiten, falls die Fallzahlen stark steigen und zusätzliche Massnahmen in den Schulen notwendig werden. «Grundsätzlich ist es für den LSO zwingend, dass die Kantone ihr weiteres Vorgehen koordinieren. Insellösungen führen zu unnötigen Diskussionen und verunsichern alle Beteiligten», schreibt LSO-Präsident Stricker.

Falls Fernunterricht nötig werde, dann solle das im Idealfall Stufenweise erfolgen. «Auf Fernunterricht muss wegen der hohen Mobilität der Schülerinnen und Schüler zuerst auf Stufe Sek II umgestellt werden. Die Volksschule ist so lange wie möglich offen zu halten», so Stricker.

«Wenn die Zahlen massiv ansteigen, müsste stufenspezifisch auf Fernunterricht umgestellt werden. Zuerst die Sek I-Stufe, in einem weiteren Schritt die 3.-6 Primarklassen, und in einem absolut letzten und äussersten Schritt die 1. Und 2. Primarklassen.»

Eine Alternative zum Fernunterricht wäre laut Stricker der Unterricht in Halbklassen: «Dieser kann aber nicht gleichzeitig mit Fernunterricht erteilt werden und erhöht den Personalaufwand für die Betreuung in der Primarschule.»

Eine Differenzierung und Staffelung, je nach Alter und Schulstufe, würde auch das Volksschulamt bevorzugen. Je jünger die Kinder, desto eher soll auf Fernunterricht verzichtet werden: «Ein Fernunterricht für die Kindergarten- und Unterstufenkinder sollte wenn immer möglich nicht mehr in Betracht gezogen werden», schreibt Amtsleiter Andreas Walter.

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