TOBS

Schuldig an einem unverschuldeten Tod – typisch Dürrenmatt

Mit Friedrich Dürrenmatts «Die Panne» eröffnet das Tobs in Solothurn seine Schauspiel-Saison 2020/21. Ein Männerquintett, das die Theatersaison – in diesen unsicheren Zeiten – äusserst passend eröffnet.

Eine Geschichte, typisch Dürrenmatt: Eine Autopanne zwingt den aufschneiderischen Textil-Generalvertreter Afredo Traps (Matthias Schoch) zum Halt in einem abgelegenen Dorf. Dort wird er ins Haus des pensionierten Richters Wucht (Günter Baumann) eingeladen. Er und seine ebenfalls pensionierten Freunde, Staatsanwalt Zorn (Vilmar Bieri), Verteidiger Kummer (Daniel Hajdu) und Pilet (Hanspeter Bader), dessen früheren Beruf man nur erahnen kann, haben ein Spiel erfunden.

Berühmte Prozesse der Weltgeschichte werden von ihnen neu verhandelt und zu einem Urteil gebracht – selbstverständlich nach ihrem ganz eigenen Rechtsverständnis. Die vier freuen sich, in Trap ein neues Prozessobjekt in ihrer Runde begrüssen zu dürfen, denn sie sind überzeugt: «Ein Verbrechen lässt sich immer finden.»

Ein Mord am Ende eines abgekarteten Spiels

Reichlich wird gegessen und getrunken, die Tropfen werden im Verlauf des Abends immer edler, die Mahlzeiten opulenter und der naive Traps wird angestachelt, aus seinem Leben zu erzählen. Er müsse vorsichtig sein, schärft ihm der Verteidiger immer wieder ein, denn das Urteil könne bis zum Letzten gehen: dem Tod. Das sei doch nur ein Spiel meint Traps und ­berichtet – nicht ganz ohne Stolz – von seinen Erfolgen und dass sein Chef Gygax vor zwei Monaten an einem Herzinfarkt gestorben ist.

Das sei doch eine sehr verdächtige Sache, meinen alle und dringen weiter in Traps’ berufliche Verstrickungen ein. Dass er mit Gygax’ Frau ein Verhältnis gehabt habe, dass er einem Kollegen davon erzählt habe und dieser wiederum Gygax informierte – das sei doch alles ein abgekartetes Spiel mit dem Ziel, Gygax zu ermorden.

Traps ist empört, doch im Lauf des verhängnisvollen Abends erkennt er seine Schuld, aus der es wahrscheinlich nur einen Ausweg gibt...

Voll auf die Schauspiel-Charaktere gesetzt

«Die Panne» ist vielleicht nicht Dürrenmatts bekanntestes Stück, aber eines, in welchem sein typischer Sarkasmus, seine Kritik an aufgesetzter Biederkeit und an selbstgerechtem Stolz schon stark aufblitzte. Er schrieb das Stück zunächst als Hörspiel 1955. Die Frage, ob es möglich ist, ohne Schuld zu leben, zieht sich wie ein roter Faden durch sein Werk.

Regisseurin Cilli Drexel setzt in ihrer Inszenierung voll auf die fünf Schauspiel-Charaktere und hat sie perfekt einsetzen können. Da ist Matthias Schoch als Traps zu erwähnen, der zunächst voller Egoismus durchdrungen, am Ende ein gebrochener Mann ist. Günter Baumann als Richter Wucht versucht immer wieder, etwas Ordnung ins Chaos zu bringen, doch eigentlich interessiert ihn nur der gute Château Margaux Premier Grand Cru. Teuflisch verschlagen und doch liebenswert ist Vilmar Bieri als Zorn, dessen Anklagerede zum Höhepunkt des Stückes gerät. Daniel Hajdu als Kummer kann bloss noch reagieren und Hanspeter Bader als Pilet, der sich schliesslich als Henker outet, wandelt sich vom Hanswurst zum angstmachenden Monster. Ein Männerquintett, das die Theatersaison – in diesen unsicheren Zeiten – äusserst passend eröffnet.

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