Schularzt
Schulärzte wünschen intensivere Zusammenarbeit mit Schulen

Obwohl die Schulen eigentlich verpflichtet wären, mit den Ärzten zusammenzuarbeiten, pflegen diese den Kontakt nicht. Darunter leidet nicht zuletzt die Gesundheit der Schülerinnen und Schüler, sagt ein Solothurner Schularzt.

Lea Durrer
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Schülerinnen und Schüler werden von ihrem Hausarzt geimpft. Dafür ist nicht wie frührer der Schularzt zuständig.

Schülerinnen und Schüler werden von ihrem Hausarzt geimpft. Dafür ist nicht wie frührer der Schularzt zuständig.

Keystone

«Was in der Schule auf der Strecke bleibt, ist die Gesundheit des Kindes», gibt der Solothurner Kinderarzt Thomas Baumann zu bedenken. Dabei habe die Anzahl Schulkinder mit chronischen Krankheiten wie Diabetes, Herzkrankheiten und Allergien in den letzten Jahren zugenommen. In einem kürzlich veröffentlichten Artikel im «Tagesanzeiger» ist von 10 Prozent kranken Kindern die Rede.

Weil die Kinder heute jedoch medizinisch besser versorgt sind, gehe es ihnen besser als früher, weiss Baumann. Fehlt ihnen aber etwas, dann fällt es trotzdem weniger auf, da heute alle Kinder in die Regelklasse integriert sind. «Da wird erst auf den zweiten Blick klar, dass diesen Kindern etwas fehlt.»

In der Schule ist so kaum bekannt, welches Kind ein Leiden hat. «Die Schüler werden pädagogisch integriert, nicht aber medizinisch. Das ist fürs Kind ein absoluter Rückschritt», sagt Baumann und spricht von einer «dramatischen Situation». Dabei müsse das neue System dringend umgesetzt werden.

«Hausarzt kennt das Kind»

Das «neue System» besteht erst seit der Revision des Schularztgesetztes im Jahr 1999 (siehe Kasten). Baumann selbst hat zusammen mit anderen Ärzten und dem Regierungsrat die neuen schulärztlichen Richtlinien initiiert. Vorher wurden Schülerinnen und Schüler regelmässig in sogenannten Reihenuntersuchungen dem Schularzt vorgeführt. Der Nachteil dieses Systems: Psychosoziale Probleme und Nöte der Schulkinder wurden kaum wahrgenommen.

Gesetz

Dass in der Schule Themen wie Aufklärung oder Suchtprävention mit den Schülerinnen und Schülern angeschaut werden, ist von Gesetz her geregelt. Die Schulen haben den Auftrag, sich um die Gesundheit der Kinder zu kümmern: «Die Einwohnergemeinden sorgen für die ärztliche Überwachung der Kinder und Jugendlichen im letzten vorschulpflichtigen Jahr sowie der Kinder und Jugendlichen in allen Schulen und Anstalten ihres Gebietes», heisst es im Gesundheitsgesetz von 1999. (ldu)

Seit ungefähr 12 Jahren werden die Kinder nun von ihrem Hausarzt im Rahmen der Vorsorgeuntersuchung behandelt. Das sei grundsätzlich gut, meint Baumann, der selbst seit über 25 Jahren in Solothurn praktiziert. «Der Hausarzt kennt die Vorgeschichte und die Familiensituation, um die nötigen Massnahmen umzusetzen.»

Nicht konsequent umgesetzt

Während das Kind individuell medizinisch versorgt wird, treten die ehrenamtlich arbeitenden Schulärzte in anderen Funktionen auf. Sie führen sozial-medizinische Arbeiten an den Schulen durch. So beraten Schulärzte die Lehrpersonen bei Problemen mit auffälligen Schülern, führen Gruppengespräche oder nehmen sich der Sexualaufklärung an.

Desweiteren werden Themen wie Missbrauch, Erste Hilfe und Suchtprävention behandelt. Was in der Theorie gut klingt, hat in der Praxis aber nur mässigen Erfolg. Baumann kennt die Ursache: «Diese aus ärztlicher Sicht dringend notwendigen Arbeiten und Informationen in den Schulen wurden leider nie wirklich und konsequent umgesetzt.»

Schulärzte liefern Informationen

Zudem würden sich Lehrer nur in seltenen Fällen mit dem Arzt in Verbindung setzten, weiss der Kinderarzt. Dabei wäre der Kontakt enorm wichtig. Viele Lehrpersonen würden nicht wissen, wie im Ernstfall mit einem kranken Schüler umgegangen werden soll. «Die Lehrer sind schlecht informiert. Und woher sollen sie die Informationen erhalten wenn nicht von den Schulärzten?» Er mag sich nur an Einzelfälle erinnern, bei denen sich Lehrer mit dem Arzt bezüglich Krankheit eines Schülers in Verbindung setzten. Dabei mögen falsch verstandene Arztgeheimnisse auch ein Hindernis sein.

Den Fehler sieht er nicht bei den Schulärzten. Seine Analyse: «Möglicherweise liegt es an der allgemeinen Überbelastung der Schulen». Der wichtige Beitrag zur Kindergesundheit gehe dabei einfach unter.

Bei manchen Arbeiten braucht es den Schularzt dringend

Adrian van der Floe glaubt nicht, dass chronische Krankheiten bei Kinder zugenommen haben. «Es gibt krankheitsbedingt relativ wenig Absenzen», sagt der Präsident des Verbandes Schulleiterinnen und Schulleiter Solothurn und Schuleiter des Schulzentrums Derendingen/Luterbach. Wo er hingegen eine Entwicklung feststellt, ist bei den psychischen Krankheiten. Diese hätten «massiv zugenommen».

Diese Fälle werden in Zusammenarbeit mit dem Schulpsychologischen Dienst an den Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienst weitergeleitet und nicht mit den Schulärzten besprochen. Überhaupt werde der Schularzt «nur dann kontaktiert, wenn es nötig ist», so van der Floe. «Es gibt andere Wege, die eingeschlagen werden können.» Grundsätzlich würden die Lehrer die Eltern kontaktieren, wenn sie feststellen, dass ein Kind vermehrt krank ist.

Wo es den Schularzt hingegen dringend brauche, sei bei den obligaten Gesundheitsumfragen. Auch werden die Impfausweise vom Schularzt kontrolliert und Vorsorgemassnahmen bei Epidemien getroffen.

«Grosses Bedürfnis»

Schularzt Thomas Baumann versteht es, wenn die Lehrpersonen Respekt haben. Er wünscht sich, dass alle Beteiligten an einen runden Tisch sitzen würden. «Es ist ein grosses Bedürfnis und ein Potenzial, das nicht ausgenutzt wird. Vor allem von Seiten der Schulen. Der Schularzt kann nur das machen, womit ihn die Schule beauftragt.»

Baumann bedauert, dass - obwohl die gesetzlichen Grundlagen vorhanden sind - dieses Angebot durch die Schulen nicht genügend genutzt wird. Gerade auch bei chronisch kranken Kindern wäre dies von grosser Wichtigkeit. Offensichtlich seien die Genfer Schulen in der Umsetzung weiter, meint Baumann und hofft: «Vielleicht nehmen sich auch unsere Schulen daran ein Beispiel.»