Er sass da, als ob es nicht seine Zukunft wäre, die auf dem Spiel steht. Während Stunden richtete Viktor T.* die Augen starr auf die helle Tischplatte, während um ihn herum verhandelt wurde. Muss er den Rest seines Lebens hinter Gittern verbringen? Muss seine psychische Störung in einer geschlossenen Einrichtung behandelt werden? Oder soll er nach sieben Jahren wieder freikommen?

Ganz am Schluss des Prozesses zeigte der teilnahmslos wirkende Mann doch noch eine Gemütsregung. Es tue ihm leid, was er getan habe, und er entschuldige sich bei seiner Familie, dem Mann, der seine Ex-Freundin aus dem Kugelhagel rettete, bei Freunden und Bekannten. «Ich bin dankbar für die Unterstützung meiner Angehörigen und meiner Freundin. Das schätze ich sehr.»

Dann wurde er abgeführt. Eine Woche lang dauert nun die Ungewissheit, bevor das Solothurner Obergericht im Berufungsprozess um den Schützen von Zuchwil sein Urteil verkünden wird.

Zuvor focht Verteidiger Stefan Suter mit Argumenten für seinen Mandanten, den das Amtsgericht wegen vierfach versuchten Mordes zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe und einer stationären Massnahme verurteilt hatte. «Dieses Urteil spottet jeder Beschreibung», monierte Suter. Er verglich die Strafe mit jener für einen Terroristen, der ein Passagierflugzeug abschiesst. «Dieser kriegt die genau gleiche Strafe wie mein Mandant.»

Es gebe keinen Spielraum nach oben. Natürlich solle das Strafrecht in erster Linie sühnen. Es solle aber auch ein Begrenzungsrecht nach oben sein. «In Respektierung des Lebens des Täters, der Anspruch hat, wieder in die Gesellschaft aufgenommen zu werden.» Suter warf der Staatsanwaltschaft Technokratie vor, die es versäume, die Umstände der Tat genau abzuwägen.

«Ein grundanständiger Mensch»

Als Viktor T. in Zuchwil auf seine Ex-Freundin geschossen hatte, habe er zwar skrupellos gehandelt, aber eben nicht besonders skrupellos. «Er hatte keine Absicht zu töten, aber er nahm eine eventualvorsätzliche Tötung in Kauf», so Suter.

Gemäss einem Privatgutachten, das im Prozess nicht berücksichtigt wurde, habe T. die «Wahnsinnstat» in einer manischen Phase begangen. «Er ist ein grundanständiger Mensch, der durch irgendetwas angetrieben worden sein muss.» In den drei anderen Fällen, in denen er ebenfalls wegen vorsätzlich versuchten Mordes verurteilt wurde, verlangte Suter einen Freispruch. Er beantragte eine Freiheitsstrafe von sieben Jahren, ohne stationäre Therapie.

Der Anwalt der angeschossenen Ex-Freundin begehrte, das vorinstanzliche Urteil zu bestätigen. Er kritisierte zudem, dass der Täter seiner Mandantin bis heute «keinen roten Rappen» Genugtuung bezahlt habe. Das sei äusserst bedenklich. «Ich kann mich nicht des Eindrucks erwehren, dass der Beschuldigte in erster Linie sich selber als Opfer sieht.» Seine Mandantin, die von hinten beschossen wurde, als sie vor dem Täter flüchtete, habe grosse Probleme, mit der Verletzung umzugehen. Eine Genugtuungssumme von 30 000 Franken sei in jedem Fall gerechtfertigt.

Ob der 25-jährige Mann eine Perspektive ausserhalb des Gefängnisses erhält, um sich zu bewähren, oder ob die vorinstanzliche Verurteilung zu lebenslanger Haft bestätigt wird, verkündet das Obergericht am 10. November.

*Name der Redaktion bekannt.