Mehr als 160 Rettungskräfte waren im Einsatz, als im September 2015 ein Therapieseminar im deutschen Handeloh aus dem Ruder lief und im Massenrausch endete. 27 teils nackte Teilnehmer mussten von den Einsatzkräften betreut werden. Sie litten unter Wahnvorstellungen, Krämpfen oder Atemnot. Grund dafür waren Drogen, die die Teilnehmer eingenommen hatten, um ihr Bewusstsein zu erweitern. Seit vergangenem Donnerstag wird der Fall nun vor dem Landgericht Stade in Nordrhein-Westfalen verhandelt. Wie verschiedene Medien berichten, werden im Prozess am Rande auch Spuren in die Region Solothurn genannt.

Vor Gericht verantworten muss sich der 52-jährige Stefan S., Therapeut, Organisator des Anlasses und mutmasslich ein Schüler des im Januar verstorbenen Kirschblüten-Oberhauptes Samuel Widmer. Stefan S. ist angeklagt wegen Drogenbesitzes und des Überlassens von Betäubungsmitteln. Ihm droht eine mehrjährige Freiheitsstrafe. «Ich bestätige, dass die Anklagevorwürfe zu Recht erhoben wurden», sagte er am ersten Prozesstag vergangene Woche laut der deutschen «Bild»-Zeitung. Es sei jedoch ein Unfall gewesen, da er nicht über alle Inhaltsstoffe der verabreichten halluzinogenen und psychoaktiven Substanzen Kenntnis gehabt habe.

Laut dem deutschen Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» sind im Prozess auch Spuren in die Region Solothurn Thema – und zwar zu Samuel Widmer, dem Anfang Jahr verstorbenen «Chef» der sektenartigen Kirschblütengemeinschaft in Lüsslingen-Nennigkofen. Laut Steuerunterlagen habe Stefan S. zahlreiche Seminare von Widmer besucht. «Ich habe bei ihm eine Tiefe und Stille im Zusammensein erleben dürfen, die mir Antworten auf meine Fragen gaben», hatte S. im Prozess über Widmer ausgesagt. Laut einer Quelle, die gestern die «SonntagsZeitung» zitiert hat, soll S. zum innersten Kreis von Widmer gehört haben. Er sei «sein Co-Therapeut und Lieblingsschüler gewesen».

Widmer selbst hatte den in der Fachwelt höchst umstrittenen Einsatz von bewusstseinserweiternden Substanzen in der Therapie propagiert. Ihm wurde mehrfach vorgehalten, in seinen Seminaren illegale Substanzen zu verabreichen. Auch die Solothurner Staatsanwaltschaft ermittelte vor Widmers Tod gegen ihn.

Gegenüber der «SonntagsZeitung» hat die Kirschblütengemeinschaft festgehalten, dass der Prozess mit der Gemeinschaft nichts zu tun habe.

Das Verfahren in Deutschland dauert noch bis Anfang Dezember. (lfh)