Podium

Schüler organisieren für Abschlussarbeit eine Diskussion

Schüler der Gewerblich-Industriellen Berufsschule Solothurn haben für ihre Abschlussarbeit für die technische Berufsmatur ein Podium organisiert. Das Thema: Energiestrategie 2050. Es kamen Nationalräte, Experten und der Solothurner Stadtpräsident.

Auf diese Stunde hat er sich fast ein halbes Jahr vorbereitet. Luca Karlen, 20-jähriger Berufsmaturand, richtet sein Head-Set-Mikrofon, atmet ein, steigt auf die Bühne. Über 130 Berufsschüler sitzen in der Aula der Gewerblich-Industriellen Berufsschule Solothurn (GIBS).

Draussen fällt Schnee an diesem Dienstagmorgen. Karlen bittet nun die Podiumsteilnehmer auf die Bühne, darunter etwa der Solothurner Stadtpräsident und FDP-Nationalrat Kurt Fluri sowie die Nationalräte Stefan Müller-Altermatt (CVP) und Philipp Hadorn (SP). Erstmals wird der Berufsmaturand moderieren. Und das zu einem komplexen Thema: der Energiestrategie 2050. Ein Thema aber, das junge Leute noch lange beschäftigen werde, wie Karlen sagt.

Organisiert hat er die Diskussion mit seinen gleichaltrigen Mitschülern Josua Rösti und Christof Huber. Es ist ihre Abschlussarbeit für die technische Berufsmatur. Noch nie hätten Schüler an der GIBS für die «Interdisziplinäre Projektarbeit» ein Podium auf die Beine gestellt, sagt Rösti kurz vor der Veranstaltung. Genau das habe sie motiviert. «Oft heisst es, die Jungen seien nicht interessiert an Politik. Wir wollen aber zeigen, dass dem nicht so ist.»

Eigentlich wollten sie ja die Flüchtlingswelle thematisieren. Weil dabei aber unter Zuhörern und Diskutierenden wohl die Emotionen zu hoch gekocht hätten, entschieden sich der Automobil-Mechatroniker, der Tiefbauzeichner und der Zimmermann für ein anderes Gebiet, ein technisches, passend zu ihrer Ausbildung.

Katastrophe änderte alles

«Würden wir hier diskutieren, wenn es das Reaktor-Unglück von Fukushima nicht gegeben hätte?», will Karlen von den fünf Podiumsteilnehmern wissen. «Nein», sagt Hans Rudolf Lutz, der sich noch immer für Atomenergie starkmacht. Lutz war der erste Direktor des AKWs Mühleberg. Heute präsidiert er den Verein Kettenreaktion, der die Energiewende als «Jahrhundert-Unsinn» bezeichnet. Nicht die Kernenergie sei das Problem, vielmehr hätte das AKW in Fukushima mit einer Mauer geschützt werden müssen. «Die Energiestrategie ist eine Panikreaktion.» Das sehen Philipp Hadorn und Stefan Müller-Altermatt freilich anders. Sie unterstützen das 2011 vom Bundesrat beschlossene Vorhaben, aus der Atomenergie auszusteigen. Man hätte die Energie-Frage so oder so diskutieren müssen, finden sie. Auch ohne die Katastrophe von Fukushima.

Für Kurt Fluri hingegen kam die Energiestrategie zu schnell. Man hätte stärker Experten einbeziehen müssen. «Doch 2011 traten kurz vor den Wahlen viele Politiker als Opportunisten auf.» Und Michael Frank, Direktor des Verbands Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen, sagt: «Wir haben über die Energiestrategie zwar nicht abgestimmt. Doch im Parlament gibt es eine Mehrheit. Keine Bank würde heute noch in ein AKW investieren.» Die Sache mit den Atomkraftwerken sei gegessen.

Es drohte zu scheitern

Die Podiums-Diskussion nimmt problemlos Fahrt auf. Schwieriger ist es für den jungen Moderator eher, die gestandenen Profis zu bremsen. Diese diskutieren nun beherzt über die CO2-Reduktion. 0,4 Prozent trage die Schweiz am weltweiten Ausstoss bei. «Was bringt da eine Reduktion auf 0,32 Prozent», fragt Lutz rhetorisch. «Jeder Beitrag zählt», kontert Müller-Altermatt und beginnt zu referieren. Spricht aber einer zu lange, klemmt Karlen ab und leitet das Gespräch weiter. Dass er zum ersten Mal moderiert, merkt man nicht.

Lange war für ihn unklar, ob überhaupt diskutiert werden kann. Das Vorhaben, eine Podiumsdiskussion zu organisieren, drohte nämlich zu scheitern. Zwar hatten die Schüler bereits viel recherchiert und einige Politiker angeschrieben. Doch kurz vor den Weihnachtsferien hatten sie noch immer keine Zusage. «Wir dachten, jetzt finden wir niemanden mehr», sagt Rösti. Schliesslich versuchten sie es über die kantonalen Parteien. Mit Erfolg. Letztlich hatten sie ein breites Teilnehmerfeld beisammen, Gegner und Befürworter, Politiker und Experten.

Nach über einer Stunde applaudieren die Berufsschüler. Lehrer gratulieren. Karlen, Rösti und Huber strahlen. Ihre Abschlussarbeit ist geglückt.

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