Gastkolumne

Schreibende wissen, dass sie gelesen werden

Wir blicken glücklich zurück auf die 41. Solothurner Literaturtage. Schön waren sie; voller Geschichten, Gespräche, Eindrücke und Begegnungen mit interessierten Besucher*innen und zufriedenen Autor*innen. Im Vorfeld wurde insbesondere in dieser Zeitung die Frage nach der sprichwörtlichen dreizehnten Fee so laut wie noch nie zuvor gestellt. Die Frage, wer nicht eingeladen wurde, erhielt weit mehr Aufmerksamkeit als die eingeladenen Autor*innen.

Als ich die amerikanische Autorin Nell Zink vor der Eröffnung der 41. Solothurner Literaturtage am Bahnhof abholte, sprach sie mich gleich auf diese Diskussion in den Medien an. Sie meinte, mein Gott, das sei doch normal. Sie sei sich bewusst, dass sie manchmal Kandidatin Nummer 7 oder 8 auf der Liste sei, wenn sie an ein Festival oder eine Lesung eingeladen werde. In Bezug auf die Solothurner Literaturtage musste ich ihr da widersprechen, und ich erzählte Nell Zink, dass wir von den 60 eingeladenen Schweizer Autor*innen und Übersetzer*innen innerhalb kurzer Zeit 60 Zusagen erhalten hatten. Also keine einzige Absage. Erstaunt darüber blieb Nell Zink abrupt auf der Strasse stehen und machte grosse Augen. Sie konnte es nicht glauben.

Woran liegt das? Warum kommen die Autor*innen und Übersetzer*innen gerne nach Solothurn?
Einer der Gründe dafür ist, dass die Schreibenden wissen, dass die Programmkommission, die das Programm verantwortet, ihre Texte liest. So banal das klingen mag. Autor*innen erleben immer wieder, dass sie an eine Lesung eingeladen werden und vor Ort feststellen, dass die Moderatorin / der Moderator das Buch nicht gelesen hat. Würden wir aufhören, alle Texte zu lesen, würden wir das verlieren, was uns auszeichnet – nämlich, dass bei der Auswahl der Texte das Lesen und Diskutieren der Inhalte an vorderster Stelle steht.
In der Schweiz werden jährlich 200 bis 300 Bücher veröffentlicht. Es wird also viel gelesen in der Programmkommission. Der Fokus dabei liegt auf den Neuerscheinungen des vergangenen Jahres. Sämtliche Texte, die bis im Dezember vorliegen, werden gelesen und Anfang Januar wird entschieden, welche Texte an die kommende Ausgabe der Solothurner Literaturtage eingeladen werden. Damit können nachfolgende Texte aufgrund der notwendigen Vorbereitungszeit im aktuellen Festival nicht mehr berücksichtigt werden und werden im folgenden Jahr gelesen.

Das Programm einer Ausgabe ist immer eine Auswahl, nämlich die der 10-köpfigen Kommission. Diese Auswahl zu treffen, ist eine verantwortungsvolle Aufgabe. Die Programmkommissionsmitglieder wechseln alle zwei (maximal drei) Jahre. Diese Wechsel sind wichtig und notwendig, weil sie garantieren, dass immer wieder andere über das Programm entscheiden und so Diversität und Neuerungen möglich sind.

Die Frage nach der dreizehnten Fee wird uns zwangsläufig auch an den kommenden Solothurner Literaturtagen wieder begegnen. Aber zum Glück kann sie uns im Gegensatz zum Märchen nicht dazu bringen, 100 Jahre zu schlafen. Wir beginnen jetzt schon wieder mit der Lektüre der neuen Bücher und freuen uns darauf.

Meistgesehen

Artboard 1