Es war eine Schnupperlehre, die für Samuel T.* am 5. Dezember 2012 mit einer Tragödie endete. Die Rega flog ihn von der Lehrlingswerkstatt des Stahlwerks Gerlafingen direkt in eine Spezialklinik. Samuel T. hatte schwere Verbrennungen. Ein Lehrling im ersten Ausbildungsjahr hatte Reinigungssprit auf einen Werktisch ausgeleert und angezündet.

Das Feuer sprang auf einen Putzlappen über und von dort schliesslich auf den – mutwillig mit Löcher versehenen – Reinigungssprit-Kanister. Das Gebinde explodierte. Beide Jugendliche erlitten Verbrennungen. Der Fall ist heute noch immer nicht abgeschlossen. Der zeuselnde Lehrling ist zwar von der Jugendstaatsanwaltschaft wegen fahrlässiger schwerer Körperverletzung zu einem zehntätigen Freiheitsentzug verurteilt worden.

Zu wenig genaue Untersuchung

Noch offen ist aber die Frage, wie viel Mitverantwortung die beiden Lehrmeister tragen. Die Solothurner Staatsanwaltschaft hätte den Fall eigentlich gerne abgeschlossen und das Verfahren eingestellt. Sie fand, dass die beiden Lehrmeister nicht haben ahnen können, dass der Erstjahr-Lehrling plötzlich mit dem Feuer spielen und Reinigungssprit anzünden würde.

Und dass der durchlöcherte Kanister in der Nähe stand, sei ein ganz aussergewöhnlicher, nicht berechenbarer Zufall gewesen. Weder hätten sie ahnen können, dass jemand Löcher in den Kanister mache. Noch sei es eine gravierende Sorgfaltspflichtverletzung, dass der Reinigungssprit in einem erheblich grösseren Gebinde lagerte als vorgeschrieben.

Doch nun beurteilt das Bundesgericht den Fall anders als die Solothurner Justizbehörden. Die Lausanner Richter möchten genauer wissen, ob die Lehrmeister nicht doch ihre Sorgfaltspflicht verletzt haben und eine Mitschuld tragen. Sie verpflichten die Solothurner Staatsanwaltschaft nun, die Ermittlungen nochmals aufzunehmen und dieses mal genauere Abklärungen zu treffen. Denn die bisherige Beweisabklärung, so das Bundesgericht, hinterlasse zu viele Unklarheiten.

Hauptgrund für die Kritik der Bundesrichter ist, dass es bereits im März 2012 einen Vorfall in der – inzwischen geschlossenen – Lehrlingswerkstatt gegeben hat, bei dem ein Schnupper-Lehrling Verbrennungen erlitt. «Sollte es tatsächlich bereits ein dreivertel Jahr vor dem hier zu beurteilenden Fall zu einem Vorfall mit brennbarer Flüssigkeit und Feuer gekommen sein, bei dem ein Lehrling verletzt wurde, kann je nach den konkreten Umständen nicht mehr argumentiert werden, die Lehrmeister hätten mit dem Verhalten von B. nicht rechen müssen», so das Bundesgericht.

Die Solothurner Staatsanwaltschaft hätte auch deshalb prüfen müssen, «ob die Lehrlinge nicht besser instruiert und überwacht hätten werden müssen.» Und auch zum zeuselnden Lehrling fehlen den Bundesrichtern in den Solothurner Akten die nötigen Angaben. «Sollte er bereits vor dem Vorfall dadurch aufgefallen sein, dass er sich nicht an die Regeln hält, hätten die Lehrmeister je nach den konkreten Umständen damit rechnen müssen, dass er mit Putzsprit und Feuer Unfug treibt.» Und damit nicht genug der Rüge an der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungsarbeit: Auch zu den Löchern im Kanister vermissen die Richter Abklärungen.

Bis vor Bundesgericht gegen die Einstellung des Verfahrens gewehrt hat sich der damalige Schnupperstift. Für ihn ist nicht egal, ob das Verfahren eingestellt wird oder nicht. Dies ist für seine Zivilansprüche relevant.

*Name geändert.

Bundesgerichtsurteil 6B_515/2016 vom 29. Mai 2017; am Dienstag publiziert.