Scintilla
Schliesst das Scintilla-Werk in Zuchwil, droht auch Zulieferern Stellenabbau

Bei einer Schliessung der Fertigung in Zuchwil zittern viele Drittfirmen um Aufträge. So wären bei der Vebo rund 30 Behindertenarbeitsplätze betroffen. Auch die Brac-Werke AG in Breitenbach würde eine Schliessung zu spüren bekommen.

Franz Schaible
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Falls Bosch in Zuchwil die Produktion stilllegt, fallen Stellen nicht «nur» bei der Scintilla weg, sondern auch bei Drittfirmen.hanspeter bärtschi

Falls Bosch in Zuchwil die Produktion stilllegt, fallen Stellen nicht «nur» bei der Scintilla weg, sondern auch bei Drittfirmen.hanspeter bärtschi

Hanspeter Baertschi

Falls die Fertigung in der Scintilla geschlossen wird und 330 Arbeitsplätze verschwinden, trifft das auch andere Firmen. «Über 75 Firmen nur schon innerhalb der Schweiz wären als Zulieferer, als verlängerte Werkbank oder als Dienstleister von der Werksverlagerung nach Ungarn betroffen», heisst es bei der Angestellten- und Betriebskommission der Scintilla.

Brac Breitenbach hofft auf Ungarn

Betroffen wäre etwa die Kunststoffverarbeiterin Brac-Werke AG in Breitenbach. Dorthin hatte Scintilla bereits 2007 ihre eigene Kunststofffertigung inklusive eines Grossteils der Maschinen ausgelagert. «Wir liefern an Scintilla rund 140 verschiedene, komplexe Spritzgussteile», erklärt Brac-Chef Fred Dittrich. Dazu gehörten beispielsweise die Zweikomponenten-Gehäuse für das Stichsägenprogramm.

Alle Teile werden in Breitenbach produziert. Von einer Schliessung der Fertigung bei der Scintilla und der Verlagerung bis 2016 nach Ungarn wären «im ungünstigsten Fall rund 30 Prozent der Belegschaft betroffen», meldet Dittrich. Aktuell beschäftigt Brac 58 Angestellte. Allerdings will Dittrich nicht einfach schwarz malen. Es wäre einerseits nicht unrealistisch, neue Kunden zu finden. Und andererseits: «Bei optimistischer Betrachtung können wir über Mitte 2016 hinaus nach Ungarn liefern, was wir heute bereits mit einigen Artikeln tun.»

Standort zuchwil: die produktion sank von 2 650 000 auf 640 000 elektrowerkzeuge

Die Fertigung von Elektrowerkzeugen wurde in der Scintilla schon seit Jahren heruntergefahren. Bei der Information über die geplante Komplettschliessung der Fertigung gab Bosch bekannt, dass der Umsatz mit Elektrowerkzeugen von 2007 mit 150 Millionen Euro auf 50 Millionen Euro im 2012 gesunken ist. Besser vorstellbar ist der Absatz-Vergleich: 2007 wurden in Zuchwil 2 650 000 Elektrowerkzeuge gefertigt, 2012 waren es noch 640 000, wie Scintilla-Geschäftsleitungsmitglied Christoph Bärtschi erklärt. Aktuell werden hauptsächlich Stichsägen, Schleifgeräte, Hobel, Kreissägen, Multifunktions-Werkzeuge und Bohrmaschinen für Profianwender, also die blaue Linie, hergestellt. Solche Profi-Geräte für die Holzbearbeitung fertigt Scintilla nach eigenen Angaben nebst Zuchwil primär an den Standorten Hangzhou in China und Penang in Malaysia; die grüne Linie (Heimwerker) für die Holzbearbeitung in Miskolc in Ungarn, wohin Bosch nun auch die blaue Fertigung in Zuchwil verlagern will. Die Radikalkur begründet Bosch damit, dass Zuchwil mit preisgünstigeren Erzeugnissen der Wettbewerber nicht mehr mithalten könne. Zunehmend träten zu den Spezialanbietern auch Generalisten in den Markt ein, wie etwa die japanische Makita-Gruppe. Scintilla muss sich aber nicht nur mit externen Wettbewerbern, sondern auch mit konzerninternen Bosch-Standorten messen. Denn Bosch vermeldete für den Bereich Power Tools insgesamt Marktanteilsgewinne im 2012. Offenbar kann also Bosch mit in Asien oder in Osteuropa gefertigten Elektrowerkzeugen bestehen, aber nicht mit jenen in Zuchwil. «Das ist die Entwicklung, die sich über die Jahre, zuletzt potenziert durch die Frankenstärke, nicht mehr aufhalten liess», erklärt Bärtschi. Die Belegschaft ortet dahinter aber eine bewusste Politik von Bosch. Seit Jahren verlagere man im Sinne der Gewinnmaximierung die Produktion in Niedriglohnländer. Bei immer tieferen Produktionszahlen falle es Zuchwil logischerweise immer schwerer, noch mithalten zu können. (FS)

Ebenso würde die Vebo mit ihren Behindertenwerkstätten das Aus für Scintilla zu spüren bekommen. «Wir führen im Auftrag der Bosch-Tochter für einige Elektrowerkzeuge die Endmontage durch», erläutert Vebo-Direktor Martin Plüss. Zudem erledige die Vebo noch Aufträge für die Verpackung von Ersatzteilen. Insgesamt wären vom Wegfall dieser Aufträge rund 30 Behindertenarbeitsplätze in der Montage in Luterbach und in der Verpackung in Zuchwil betroffen.

Bei der Vebo schon lange spürbar

Das Auftragsvolumen der Scintilla sei schon seit vielen Jahren rückläufig, blickt Plüss zurück, der seit 1989 die Vebo als Direktor führt. «Bei meinem Amtsantritt betrug der Anteil der Scintilla an der gesamten Produktion in der Vebo etwa 43 Prozent.» Er habe damals den Auftrag erhalten, dieses Klumpenrisiko abzubauen.

Zehn Jahre später habe die Vebo-Gruppe ihren Umsatz verdoppelt, der Scintilla-Anteil sei aber gleich hoch geblieben. Damals hätten die Aufträge von Bosch extrem stark zugenommen. Rund 350 Behindertenarbeitsplätze seien zeitweise an den Scintilla-Aufträgen gehangen. Seit damals sei das Auftragsvolumen sukzessive gesunken, parallel laufend zu den Produktions-Verlagerungen von Zuchwil ins Ausland. Heute betrage der Scintilla-Anteil an der Vebo-Produktion noch rund 5 Prozent.

Plüss ist zuversichtlich, bei einem allfälligen Wegfall der Scintilla als Kunde neue Auftraggeber gewinnen zu können. «Wir sind das gewöhnt», meint er basierend auf Erfahrungen. Denn jährlich müsse die Vebo jeweils ein Viertel bis ein Drittel der bestehenden Aufträge durch Neue ablösen. «Und das gelingt uns mehrheitlich gut.» Aber trotzdem: «Das Ende der Scintilla-Fertigung in Zuchwil wäre schmerzhaft, insbesondere nach der jahrzehntelangen sehr guten Zusammenarbeit.»

Kein Markt für repetitive Arbeiten

Wie die Vebo in Zuchwil wäre auch die ähnlich gelagerte Band-Genossenschaft in Bern von einer möglichen Schliessung der Fertigung betroffen. «Wir montieren für die Scintilla aktuell noch rund 40 000 Elektrowerkzeuge pro Jahr und erstellen verschiedenste Baugruppen für das Ersatzteilgeschäft», erläutert Meinrad Ender, Direktor der Band-Genossenschaft. Betroffen wären rund 20 Arbeitsplätze für Mitarbeitende mit einer Beeinträchtigung im Bereich der Industriemontage. Aufgrund der repetitiven Arbeiten seien diese Aufträge ideal für das Band-Personal.

Als «sehr schwierig» taxiert Ender die Akquisition von vergleichbarer Ersatzarbeit. Denn gerade einfachere und vor allem repetitive Arbeiten würden immer häufiger nach Osteuropa und Asien verlagert. «Wir sind aber überzeugt, die von einer möglichen Scintilla-Schliessung betroffenen Arbeitsplätze auch in Zukunft sichern zu können», betont Ender. So könnten einige Mitarbeitende für komplexere Arbeiten eingesetzt werden, einige müssten in anderen Bereichen eingesetzt werden.

Scintilla als wichtiger Kunde

Trotz des stark rückläufigen Umsatzes sei die Scintilla AG nach wie vor ein wichtiger Kunde im Bereich der Industriemontage. Das höchste Auftragsvolumen von Scintilla habe man vor rund 15 Jahren erreicht. «Damals wurden pro Jahr über 500 000 Elektrowerkzeuge montiert», erinnert sich Ender. Seit über 35 Jahren bestehe eine «sehr partnerschaftliche und verbundene Zusammenarbeit» zwischen der Band-Genossenschaft und Scintilla.

Weniger dramatisch wären die Folgen für die Spemot AG in Dulliken, die im Bereich Motorenfertigung mit Scintilla zusammenarbeitet. Zwar gibt CEO Roland Manz keine Internas bekannt, weil es sich um eine aktive Geschäftsbeziehung handle. Aber: «Durch eine etwaige Schliessung der Scintilla-Fertigung wären keine Spemot-Arbeitsplätze in Gefahr.»