Eine Schlange! Und schon bricht Panik aus. Viele zucken instinktiv zusammen, wenn sie zwischen dem Gebüsch eine schlängelnde Bewegung wahrnehmen. Doch wieso gehören diese Reptilien zu den Tierarten, von denen man sich fürchtet? Diese Angst sei unbegründet, sagen die Fachleute, wenn man bedenkt, dass in der Schweiz in den letzten fünfzig Jahren nur ein einziger Todesfall bekannt ist, der auf einen Schlangenbiss zurückzuführen ist. Dennoch machen die meisten schon nur beim Gedanken an die kriechenden Tiere eine gedankliche Verbindung zwischen den friedlichen und scheuen Schlangen hierzulande und den gigantischen Anakondas, von denen man Horrorgeschichten zu hören bekommt.

Menschen, die sich vor Schlangen ängstigen, gehen derzeit nur mit grösster Vorsicht in den Wald, an einen Fluss oder Bach. Denn immer öfter trifft man derzeit in unserer Region auf die Reptilien. Zum Schrecken vieler Hauseigentümer auch nicht bloss in ihren natürlichen Lebensräumen, sondern auch in Quartieren, an Strassenrändern und in den Gärten – besonders wenn es dort Weiher oder Biotope gibt.

Ungefährlich für Menschen

Doch wie sollte man vorgehen, wenn auf eigenem Boden solche Tiere zu beobachten sind? Obwohl ein derartiges Aufeinandertreffen mit den eigentlich ganz friedlichen Tieren für Schrecken sorgt, sollte man auf keinen Fall in Panik geraten. Dies sagt Kurt Bader aus Laupersdorf. Er ist Regionenvertreter für das Thal von «Pro Natura».

Auch Stefan Dummermuth, Oberdorf, kantonaler Zuständiger für Reptilien, ist dieser Meinung. «Wenn man im eigenen Garten auf eine Schlange trifft, muss kein Natursachkundiger und schon gar keine Feuerwehr informiert werden», sagen die Experten. In der Regel seien es Ringelnattern, die es sich im Gartenteich oder zwischen den Pflanzen gemütlich machen würden. Die Spezies, die man an ihrem auffälligen Merkmal – dem halbmondförmigen hellen Flecken hinter dem Kopf – erkennt, sei im ganzen Jura verbreitet und bevorzugt Feuchtgebiete. «So ist es möglich, dass man als Wanderer in einem feuchten Wald oder in Bachnähen vermehrt auf Ringelnattern stösst», sagt Bader.

Die Schlangenart, die höchstens bis zu 1,5 Meter lang werden kann, stelle aber keine Gefahr für die Menschen dar. In der Regel seien sie ziemlich scheu und würden sich zurückziehen, falls ein Wanderer auftaucht. Dass heute wieder vermehrt diese Reptilien zu sichten seien, bestätigen beide Fachleute, und sie erklären es folgendermassen. Durch den Verlust der Feuchtgebiete nahm die Ringelnattern-Population in den vergangenen Jahren stark ab und man bekam sie selten zu sehen.

«Mit vor kurzen neu gestarteten Schutzprogrammen, wie die ‹Lebensraumaufwertung an der Emme› oder das ‹Förderprogramm Weiher› im Naturpark Thal, ist die Anzahl der Tiere wieder angestiegen», so Bader. Deshalb sei es auch nicht ungewöhnlich, dass sich der Wasserliebhaber auch mal im Weiher oder in Biotopen eines Gartens aufhalte, denn auch diese privaten «Feuchtgebiete» haben in letzter Zeit stark zugenommen.

Drei Arten in der Region

Nebst der Ringelnatter gibt es zwei weitere Spezies, die in der Region zu Hause sind, berichtet Experte Dummermuth. «Zum einen die Juraviper – auch Aspisviper genannt – und zum anderen die Schlingnatter, wobei die Letztere völlig harmlos ist.» Wie auf der Website der Koordinationsstelle für Amphibien- und Reptilienschutz in der Schweiz ersichtlich ist, unterscheidet sich die kleinste Art, die Schlingnatter, durch ihre glatte Beschuppung.

Hingegen gehört die Juraviper, nebst der Kreuzotter – die aber im Kanton Solothurn nicht heimisch ist –, zu den einzigen zwei Giftschlangenarten in der Schweiz. Die Juraviper wird bis zu siebzig Zentimeter lang und lässt sich nur aufgrund weniger, schlecht sichtbarer Merkmale von den ungiftigen Spezies unterscheiden. Trotzdem können Ängstliche aufatmen. «Die Giftschlangen in der Schweiz sind für den Menschen nicht lebensgefährlich», weiss Schlangenkenner Dummermuth. Einzig allergische Reaktionen seien zu befürchten, weshalb ein Besuch beim Arzt nach einem Biss nicht zu vermeiden ist.

Folglich ist beim Fund einer Schlange im Garten der Schrecken wohl grösser als die Gefahr. Im Weiteren betont Dummermuth, dass uns die harmlosen Tiere meist nur für eine kurze Zeit einen Besuch abstatten, da sie gerne wandern. So sollte man die streng geschützten Tiere einfach in Ruhe lassen und sich daran erfreuen, sie beobachten zu können.