Harmonisierung
Schiffbruch für Lehrplan-21-Gegner: «Wir standen einer breiten Front von Parolen und Verbänden gegenüber»

Die Solothurnerinnen und Solothurner haben sich deutlich für das Einführen des neuen Lehrplans ausgesprochen. Die Gegner des Lehrplan 21 haben Null Chance.

Lucien Fluri
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Auch der Kanton Solothurn kann den Lehrplan 21 einführen. Konservative Gegner des Lehrplans fuhren mit ihrer Volksinitiative eine Niederlage ein. (Archivbild)

Auch der Kanton Solothurn kann den Lehrplan 21 einführen. Konservative Gegner des Lehrplans fuhren mit ihrer Volksinitiative eine Niederlage ein. (Archivbild)

KEYSTONE/ANTHONY ANEX

Solothurn kann den Lehrplan 21 auf das Schuljahr 2018/19 hin definitiv einführen. Die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger haben gestern eine Volksinitiative abgelehnt, die den neuen Lehrplan stoppen wollte. Kantonsweit sagten deutliche 65,65 Prozent der Stimmbürger Ja zum neuen Lehrplan. Gerade einmal 34,35 Prozent waren dagegen. Keine einzige Gemeinde stimmte gegen den Lehrplan 21. Einzig im kleinen Rohr gab es einen Patt: 15 Stimmbürger waren in der von einem EVP-Vertreter präsidierten Gemeinde dafür, 15 dagegen.

Enttäuscht ist René Steiner. Der Oltner EVP-Kantonsrat ist einer der Co-Präsidenten des Initiativkomitees, das gegen den Lehrplan gekämpft hat. «Wir haben damit gerechnet, dass wir nicht gewinnen. Aber von der Deutlichkeit des Ergebnisses bin ich überrascht», so Steiner.

In lediglich 12 der 109 Gemeinden kamen die Lehrplan-Gegner überhaupt auf mehr als 40 Prozent Zustimmung. Steiner führt das schlechte Abschneiden auf die grosse Zahl an Verbänden, Organisationen und Parteien zurück, die sich für die Einführung des Lehrplans eingesetzt hatten. «Wir standen einer breiten Front von Parolen und Verbänden gegenüber.» Steiner vermutet, dass ein Grossteil der Stimmbevölkerung Angst gehabt habe, Solothurn könne ohne Lehrplan 21 zur Insel in der Deutschschweiz werden.

Ankli: Froh über Deutlichkeit

Ein Erfolg ist der gestrige Abstimmungssonntag für Bildungsdirektor Remo Ankli, obwohl er im Abstimmungskampf nicht übermässig Präsenz markiert hatte – oder markieren musste: In anderen Kantonen waren Abstimmungen bereits ähnlich ausgefallen. «Ich bin froh über die Deutlichkeit des Ergebnisses», sagt Ankli auf Anfrage. «Die Unsicherheit ist weg. Wir können bei der Umsetzung nun weitermachen.» Solothurn schert nicht aus den Reihen der 21 Deutschschweizer Kantone aus, die den Lehrplan gemeinsam erarbeitet haben.

Erleichtert ist Dagmar Rösler, Präsidentin des kantonalen Lehrerverbandes. «Wir haben nun ein moderneres, zeitgemässeres Instrument, mit dem wir gut arbeiten können.» Rösler schätzt etwa, dass es keine Jahrgangsziele mehr gibt, sondern Drei-Jahres-Zyklen. Ein paar Ungereimtheiten gebe es aber nach wie vor. Wichtig sei nun, wie die Weiterbildungen vorangehen und welche Lehrmittel die Lehrer erhalten. Rösler sieht das Ja zum Lehrplan auch als Vertrauensbeweis für die Solothurner Lehrer.

Einige Auffälligkeiten

Nur gerade in einem Dutzend Gemeinden kamen die Lehrplangegner auf über 40 Prozent Zustimmung. Dazu gehörten einige regelmässig konservativ stimmende Thaler Gemeinden (Gänsbrunnen, Holderbank, Laupersdorf und Welschenrohr), aber auch Neuendorf. Dort waren 49,27 Prozent gegen den Lehrplan. In der Gemeinde hatte alt-CVP-Nationalrat Alex Heim massiv gegen den Lehrplan geweibelt. Auch in Hägendorf (49,1 Prozent gegen den Lehrplan) und Schönenwerd (46,65) gab es im kantonalen Vergleich, wenn auch keine Mehrheiten, so doch überdurchschnittlich viele Stimmen für die Initiative.

In Hägendorf könnten Probleme rund um die Schule für Missstimmung gesorgt haben. Weniger klar ist der Grund in Schönenwerd. Gemeindepräsident Peter Hodel kann sich das Resultat nicht erklären. «Ich habe im Vorfeld keine grosse Bewegung wahrgenommen», so Hodel.

Im oberen Kantonsteil erreichten die Lehrplangegner neben Biezwil nur in Bettlach (41,36 Prozent gegen den Lehrplan), Selzach (41,75 %) und Grenchen (42,45 %) über 40 Prozent Zustimmung. Grenchen zeigte sich schon mehrfach kritisch gegen Bildungsreformen. Stark gegen den Lehrplan engagiert haben sich zudem die Grenchner Kantonsräte und Lehrer Peter Brotschi (CVP) sowie Nicole Hirt (GLP).

«Resultat ist kein Blankocheck»

Spitzenreiter bei den Lehrplanbefürwortern ist Kammersrohr: 84,62 Prozent der Stimmberechtigten sagten Ja. Besonders hohe Zustimmungswerte erreichte die Bildungsvorlage auch in Unterramsern (72,37 Prozent für den Lehrplan), Erlinsbach (73,76), Starrkirch-Wil (72,63) oder wie die meisten Dornecker Gemeinden auch Rodersdorf (78,84) und Hochwald (74,05).

Nördlich des Juras fand der neue Lehrplan besonders viel Zustimmung: Kein Wunder: Die Bezirke Dorneck und Thierstein sind nach Basel ausgerichtet und dürften sich über einen harmonisierten Lehrplan freuen. Auf besonders viel Zustimmung stiess der Lehrplan im Dorneck: Hier sagten über 70 Prozent Ja zum Lehrplan.

Lehrplan-Gegner René Steiner will nun genau hinschauen, wie der Lehrplan vom Kanton umgesetzt wird. «Das Resultat ist kein Blankocheck. Uns wurden Versprechungen gemacht, die einzuhalten sind», mahnt Steiner an, dass trotz Lehrplan 21 nicht nur Kompetenzen im Vordergrund stehen sollen, sondern das Vermitteln von Wissen ebenfalls einen Stellenwert behalten soll. «Zu den Versprechen stehe ich», sagt Bildungsdirektor Ankli. «Die Methodenfreiheit der Lehrer ist mir persönlich auch wichtig. Der Lehrplan wird mit Augenmass und Umsicht aufgegleist.»

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