Man kennt das aus Filmen: Ein Pokerspiel, hohe Einsätze, unbezahlte Schulden, einer trinkt Whisky und am Ende schiesst ihm ein anderer eine Kugel in den Bauch. Wenn der Schütze dann auch noch alleine gegen sechs Männer antritt, die seine Familie bedroht haben, ist die Story eigentlich vollkommen.

Anwalt Roland Winiger war dementsprechend bemüht, das Handeln seines Mandanten mit einem Hauch Western-Romantik zu schmücken. Doch die Szene, die sich im Februar 2010 am Bahnhof Oensingen abgespielt hatte, egal wie oft und wie unterschiedlich sie am Montag an der Verhandlung am Obergericht erzählt wurde, erinnerte eher an einen rabenschwarzen Gangsterfilm. Einen von jenen Streifen, bei denen es eigentlich nur böse Jungs gibt und keine Guten.

Staatsanwalt Marc Finger hielt in seinem Plädoyer fest, dass wohl keine der erzählten Geschichten ohne Lügen auskomme und die Wahrheit irgendwo dazwischen liege. Zumal jeder der drei Hauptakteure des Oensinger Showdowns seinen jeweils früher gemachten Aussagen widersprach – teilweise in schon fast absurder Manier.

Wer wollte sich treffen?

Fest steht, dass Opfer Bahir A.* beim Pokern 7'000 Franken an den Schützen Alpay E.* verloren, seine Schulden aber nicht beglichen hatte. Als der Angeklagte seinen türkischen Landsmann zuletzt mit dessen Versäumnis konfrontiert hatte, hatte ihn dieser mit einem Messer angegriffen.

In einer kalten Februarnacht, um drei Uhr früh, trafen sich die beiden am Oensinger Bahnhof, um über eine Fristverlängerung zu sprechen. Alpay E. sagt, sein Schuldner habe ihn zu dieser Konfrontation gezwungen – mit der Drohung, sonst seiner Familie etwas anzutun. «Sie sagten, wenn ich mich nicht blicken lasse oder wenn ich andere Personen involviere, dann gehen sie auf meine Mutter oder meine Schwester los», gab der Angeklagte zu Protokoll.

Bahir A. hingegen behauptet, der andere habe das Treffen verlangt. Jedenfalls holte E. aus Angst vor dem wütenden Pokerverlierer zuhause eine Pistole, bevor er sich am vereinbarten Treffpunkt (aber auf der anderen Seite der Gleise) versteckte, um zu sehen, mit wie vielen Männern A. anrücken würde. «Das hat Gary Cooper in ‹High Noon› ja auch so gemacht», erklärte Verteidiger Winiger, der eine frappante Ähnlichkeit zwischen dem Gerichtsfall und dem Western-Klassiker feststellte.

Wer war bewaffnet?

In der Tat kam Bahir A. – so wie der Bandenführer im Film – nicht alleine, sondern mit zwei Wagenladungen voller «Gehilfen» an. Einer von ihnen war der Iraker Laith K.,* der Alpay E. auf der Südseite des Bahnhofs aufsuchte, um zu vermitteln. «Bahir A. und seine Horde hielten sich im Hintergrund, wo sie eine regelrechte Drohkulisse aufbauten», schildert der Verteidiger die Situation. Doch auch hier gehen die verschiedenen Versionen der Geschichte weit auseinander.

Glaubt man dem Iraker, verlief das Gespräch ruhig. Die Waffe, die E. laut K’s polizeilicher Einvernahme in der Hand hatte, schien ihn nicht zu beeindrucken. An der Verhandlung am Montag gab er dann an, E’s Pistole hätte in dessen Hosenbund gesteckt. Der Angeklagte selbst erinnert sich, von K. angeschrien worden zu sein.

Mit Sicherheit aber eskalierte die Situation, als Bahir A. sich von der Gruppe löste und auf die beiden zu kam. Der Angeklagte will gesehen haben, wie A. eine Pistole zog – und feuerte fünfmal auf den Aggressor, wobei eine Kugel den Oberschenkel und eine den Bauch von A. durchdrang. A. gab am Montag erstmals zu, tatsächlich angetäuscht zu haben, eine Waffe zu zücken, allerdings erst nach dem vierten Schuss. Er erklärte nicht, wieso er so etwas tun sollte – zumal er gar keine Waffe getragen haben will.

Während A. und K. bisher immer beteuert hatten, sie seien beide unbewaffnet gewesen, beschuldigten sie sich am Montag gegenseitig, eine Pistole mit sich geführt zu haben. Dafür zog K. am Montag die Anschuldigung zurück, im Anschluss an die Schussabgabe von E. entführt worden zu sein.

Fragwürdig bleibt auch, weshalb «A. und seine Horde» den Vorfall nicht der Polizei meldeten und nicht in Oensingen, sondern erst in Liesthal ärztliche Hilfe suchten. Hätte sich E. nicht der Polizei gestellt, so wäre der Fall vielleicht gar nicht vor Gericht gelandet, hielt Verteidiger Winiger fest, der für einen Freispruch seines Mandanten wegen Notwehr plädierte.

Das Amtsgericht Thal-Gäu hatte E. 2014 wegen versuchter vorsätzlicher Tötung zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt. Opferanwalt Hans Portmann bezweifelte die Darstellung von Alpay E. und Laith K., wonach Bahir A. mit einer Pistole auf den Schützen gezielt haben soll. «Wäre er bewaffnet gewesen, hätte er doch zurückgeschossen. Jeder normale Mensch hätte das so gemacht.»

Staatsanwalt Marc Finger forderte für E. eine Freiheitsstrafe von acht Jahren. Das Obergericht eröffnet sein Urteil am Donnerstag.

* Name von der Redaktion geändert.