Obergericht
Schere in Brust gerammt: Alice kommt ums Gefängnis herum

Das Solothurner Obergericht verurteilte Alice J. wegen versuchter vorsätzlicher Tötung zu einer Freiheitsstrafe von 36 Monaten. Sie hatte ihrem Freund eine Schere in die Brust gerammt.

Simon BInz
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Das Amtshaus von Solothurn, Sitz des Obergerichts (Archiv)

Das Amtshaus von Solothurn, Sitz des Obergerichts (Archiv)

Keystone

Alice J.* muss vorläufig – und vielleicht gar nicht ins Gefängnis. Das Obergericht bestätigte am Donnerstag zwar das erstinstanzliche Urteil des Richteramts Solothurn-Lebern und verurteilte die junge Frau wegen versuchter eventualvorsätzlicher Tötung zu einer Freiheitsstrafe von 36 Monaten (davon 8 unbedingt). Die acht Monate werden aber zugunsten einer ambulant-therapeutischen Behandlung aufgeschoben.

Alice J. hatte 2010 kurz vor Weihnachten, nach einem gewalttätigen Streit mit ihrem Freund, zu einer Haushaltschere gegriffen und diese von oben in seine Brust gerammt.

Der Stich ging zwischen den Rippen hindurch, Herz oder Lunge wurden nicht getroffen. Doch der Mann verlor viel Blut. Alice J. fuhr ihn nach dem Angriff ins Spital.
Oberrichter Daniel Kiefer begründete das Urteil wie folgt: «Sie hat bewusst und mit erheblicher Wucht zugestochen, es war ihr Ziel, den Mann zu verletzen.» Weil das Opfer ruhig vor ihr gestanden und sich nicht bewegt habe, sei das Todesrisiko sehr gross gewesen. «Es ist reiner Zufall, das nichts weiter passierte.» Das Gericht glaube ihr, dass sie dem Opfer nicht den Tod wünschte, «aber sie hat diesen in Kauf genommen.»

Bei der Strafzumessung sprachen dann viele Punkte für die junge Frau. Unter anderem, dass das Vorgehen nicht geplant, sie verzweifelt und vom Opfer provoziert worden war. Ausserdem hatte sie sofort für medizinische Versorgung geschaut und das Opfer habe ihr inzwischen vergeben. «Weiter hat sie eine berufliche Ausbildung abgeschlossen und eine Weiterbildung angefangen», so Kiefer. Genau diese Weiterbildung und das stabile Umfeld, in dem sich die junge Frau nun bewegt, waren für das Gericht schliesslich der Grund, die unbedingte Strafe zugunsten der ambulanten Therapie aufzuschieben. «Wir räumen der erfolgreichen Weiterbildung erste Priorität ein», so Kiefer.

Direkt an Alice J. gewandt, sagte er: «Sie bekommen eine Chance. Sie müssen diese ambulante Therapie aber durchziehen, an sich selbst arbeiten und sich mit den Ursachen der Tat auseinandersetzen.» Bei Erfolg müsse sie die acht Monate nie absitzen. Wenn sie aber die Therapie nicht aktiv mitmache, müsse sie trotzdem ins Gefängnis und dies würde niemandem etwas nützen. «Packen Sie diese Chance, Sie schulden es auch der Öffentlichkeit», so Kiefer.

*Name von der Redaktion geändert

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