Chlorothalonil

Sauberes Wasser wollen alle – doch wer bezahlen soll, darüber herrscht Uneinigkeit

Um die Anforderungen an die Wasserqualität zu erfüllen, werden zahlreiche Wasserversorger neue Leitungen bauen müssen.

Um die Anforderungen an die Wasserqualität zu erfüllen, werden zahlreiche Wasserversorger neue Leitungen bauen müssen.

Am Dienstagabend gab der Kanton bekannt: 160'000 Menschen trinken Wasser, das nicht den gesetzlichen Anforderungen entspricht. Gefährlich ist es zwar nicht, reagieren müssen die Wasserversorger trotzdem. Langfristig werden wohl zahlreiche neue Leitungen und Anlagen gebaut werden müssen, wer die bezahlen soll, darüber herrscht Uneinigkeit.

Am Dienstagabend ging der Kanton regelrecht in die Offensive: Nachdem die Informationen zum Thema Chlorothalonil lange Zeit nur tröpfchenweise an die Oberfläche gelangten, hat der Kanton sämtliche Wasserversorger sowie Medien über den aktuellen Stand der Dinge informiert. Dabei hätte er dies gar noch nicht tun müssen. Eigentlich möchte der Bund den Kantonen eine «Handlungsanweisung» geben, wie weiter vorzugehen sei. Bis Mitte Januar hätte dieses Papier versandt werden sollen. Doch dies ist bis jetzt nicht passiert. «Unter diesen neuen Umständen wollten wir die Informationen den Wasserversorgern nicht länger vorenthalten», begründet Martin Würsten, Chef vom kantonalen Amt für Umwelt, den Entscheid.

Das offene Vorgehen freute die Wasserversorger. Sogar als «meisterhaft» bezeichnet es Roger Siegenthaler, Präsident des Einwohnergemeindeverbandes: «Alle beteiligten Departemente waren anwesend, die Einwohnergemeinden sind mit an Bord, die Zusammenarbeit funktioniert sehr gut.»

Kanton bezahlt 35% – Gemeinden fordern mehr

Weniger Freude hatten die Wasserversorger hingegen am Inhalt des Gesagten. Da der Bund die Qualitätsvorschriften für Trinkwasser in Sachen Chlorothalonil im Dezember erneut verschärft hatte, trinken momentan rund 160'000 Menschen im Kanton Wasser, das die gesetzlichen Anforderungen nicht erfüllt. Das Wasser ist nicht gefährlich – die Abbaustoffe des Pestizids werden erst ab einer viel höheren Dosis gefährlich. Das Ganze ist eine Vorsichtsmassnahme des Bundes, für Trinkwasser gelten ganz allgemein sehr rigorose Qualitätsvorschriften.

Trotzdem steht nun die Mehrheit der Wasserversorger vor grossen Investitionen. Wie gross genau, das ist noch unklar. «Das wird nun abgeklärt», so Siegenthaler. Doch so oder so dürfte es teuer werden. Denn da viele Wasserversorger dasselbe Problem haben, können sie nicht einfach Wasser von der Nachbarsgemeinde beziehen. Es werden möglicherweise neue Leitungen und Anlagen gebaut werden müssen. Wenn diese Leitungen einen «regionalen Charakter» besitzen, also mehrere Gemeinden miteinander verbinden, kann der Kanton rund einen Drittel der Kosten übernehmen. Den Rest müssten, so die momentane Gesetzeslage, die Wasserversorger bezahlen.

Das könne es doch nicht sein, findet Siegenthaler: «Wenn tatsächlich grosse Investitionen getätigt werden müssen, werden wir als Verband auf den Bund zugehen und verlangen, dass er die Kosten übernimmt.» Denn die Gemeinden hätten gar nichts falsch gemacht, argumentiert Siegenthaler. In der Verantwortung sei vielmehr das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit (BLV). Dieses hat das Pestizid einst zugelassen, und das BLV hat nun die neuen Grenzwerte eingeführt. Geht es nach Siegenthaler, übernimmt der Bund die gesamten Kosten, die Gemeinden sollen schadenfrei wegkommen.

Zuerst gilt es aber nun, das genaue Ausmass überhaupt auszuloten. Dazu müssen die Wasserversorger erneut Wasserproben nehmen. Je nach Resultat könnte das für manche Wasserversorger bedeuten, dass die Lösungen, die sie unter Hochdruck seit dem Sommer erarbeitet haben, hinfällig werden.

Bis jetzt erarbeitete Lösungen werden hinfällig

So etwa in Biberist: Im Sommer kam aus, dass es im Wasser der Gemeinde zu viele der ursprünglich relevanten Abbaustoffe hatte. Also beschlossen die Verantwortlichen, Wasser aus der Gruppenwasserversorgung Grenchen dazuzukaufen, damit das eigene Wasser zu mischen und so unter die Grenzwerte zu kommen. Leitungen nach Grenchen waren schon vorhanden, Biberist musste somit «nur» das zusätzliche Wasser bezahlen, auf den Wasserpreis hatte dies kurzfristig keinen Einfluss. Ob dies nun, da es weitere Abbaustoffe zu berücksichtigen gilt, noch möglich sein wird, ist unklar. Aus dem Fenster lehnen will sich Biberists Gemeindepräsident Stefan Hug-Portmann nicht: «Zuerst müssen wir jetzt unser Wasser analysieren, bevor wir das weitere Vorgehen bestimmen.»

So oder so hat er sich Überlegungen dazu gemacht, was denn Lösungen sein könnten. «Langfristig wird es vielleicht nötig sein, ganz andere Quellen zu erschliessen. Das könnte Folgen für den Wasserpreis haben.» Und wenn neue Anlagen gebaut werden müssen: Wer soll die bezahlen? Eine Grundsatzdiskussion will Hug nicht starten: «Wenn die Gemeinden weiterhin für das Wasser verantwortlich sein sollen, kann man nicht von Bund und Kanton verlangen, das zu bezahlen.» Den entscheidenden Punkt sieht Hug sowieso woanders, nämlich bei der Ursache des Problems, beim Einsatz der Pestizide. Und hier sieht er den Bund in der Verantwortung, indem er nämlich Verbote ausspricht. So wie neulich beim Chlorothalonil.

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