Er hat Jahrgang 1948, die Lizenz zum Kürzertreten wäre ihm gewiss. Dennoch ist er jeden Tag um fünf Uhr in der Früh im Büro anzutreffen. Was nicht bedeutet, dass er etliche Stunden später – auch schon mal nach Mitternacht – keine Mails mehr an Mitarbeiter verschicken würde. Rudi Bindella, der ruhelose Kopf der gleichnamigen Familienholding?

Im Gegenteil, wer ihm gegenübersitzt, käme nie auf die Idee, sich mit einem Dauerbeschäftigten zu unterhalten. Der Chef von 1300 Mitarbeitern aus 64 Nationen, charmant und elegant, ist extra aus Zürich angereist und nimmt sich alle Zeit der Welt, um Fragen zu beantworten, die er womöglich auch schon zu hören bekommen hat.

Dem Zürcher gefällt es in der Stadt Solothurn

Die Ambassadorenstadt scheint es ihm angetan zu haben. «Solothurn hat das gewisse Etwas», lobt er und zeigt sich erfreut darüber, dass sich Menschen auf der Strasse hier noch grüssen (dass es auch andere gibt, verraten wir ihm nicht).

Mindestens so viel Freude hat er an seinem Restaurant Cantinetta. Man sei sehr zufrieden mit dem Geschäftsgang und fühle sich sehr wohl hier, betont Bindella schaut sich zufrieden in den Räumlichkeiten um. Gegenwärtig wird bereits das 25-Jahr-Jubiläum gefeiert. Die Gäste kommen in den Genuss von speziellen Angeboten und das Lokal wird gegenwärtig sanft renoviert. Am 12. Februar soll sie abgeschlossen sein. «Am Stil ändern wir nichts, aber jetzt war wieder mal eine Auffrischung fällig», erläutert der Gastgeber.

Vor 25 Jahren war das mit der Freude allerdings noch so eine Sache. Dass sein Unternehmen die Liegenschaft gegenüber dem Uferbau gekauft habe, sei nicht überall auf Wohlwollen gestossen. Man habe die Skepsis gegenüber einem Zürcher Gastrounternehmer gespürt. Nicht beim damaligen Stadtpräsidenten Urs Scheidegger und seinen Leuten, die seien alle sehr zuvorkommend gewesen, aber Teile der Bevölkerung seien dem Projekt anfangs schon etwas reserviert begegnet. Zum Glück habe sich das aber rasch gelegt.

Thuner reisen zur «Inspektion» nach Solothurn

Ähnliches sei übrigens danach bei der Ankündigung eines neuen Restaurants in Thun passiert. Also habe man kurzerhand die politischen Verantwortlichen nach Solothurn eingeladen, um das Konzept nicht nur auf Papier präsentieren zu müssen. Die seien tatsächlich alle mit einem Kleinbus angereist und begeistert wieder ins Berner Oberland zurückgekehrt. Dem Projekt stand danach jedenfalls nichts mehr im Wege. Mittlerweile umfasst Bindellas Unternehmen 40 italienische Restaurants in der ganzen Schweiz. Der Jahresumsatz in der Gastronomie wird mit 150 Millionen Franken beziffert. Der Gesamtumsatz inklusive Weinbau und Weinhandel, Handwerksbetrieb und Immobiliengeschäft beträgt rund 230 Millionen.

Bindella ist jedoch längst nicht nur dem Essen und Trinken zugetan. Er, der in St. Gallen Wirtschaftswissenschaft studiert hat und einen Doktortitel trägt, von dem viele gar nichts wissen. So beschäftigt ihn die Frankenstärke nicht allein wegen möglicher direkter Auswirkungen für seine Betriebe. Ihn beschäftigen die grossen Zusammenhänge. Gleiches ist herauszuspüren, wenn er über Umwelt, Politik und Gesellschaft spricht.

Fasziniert zeigt er sich von der Malerei. Primär geht es ihm dabei um zeitgenössische Kunst, was nicht ausschliesst, dass er Bilder von Albert Anker sein Eigen nennt. Schon beinahe exzentrisch dabei sein Anspruch, sämtliche Werke in all seinen Restaurants selber aufhängen zu wollen. Ein ganz besonderer Akt, da lässt er niemanden ran. In Solothurn stammen übrigens alle Bilder vom Murtener Künstler Werner Liechti.

Bindellas Telefon klingelt. Zum Vorschein kommt nicht etwa ein iPhone 6 ... er zückt vielmehr ein Steinzeitmodell von Nokia. Danach ein Schmunzeln. Das reiche ihm, er müsse lediglich telefonieren können. Ständig online sein, das brauche er nicht. Die Mails erledige er in den Randstunden. Dann gibt er preis, dass er Respekt vor den neuen Geräten habe. Dass er befürchte, dann doch den unbegrenzten Möglichkeiten zu erliegen. Zum alten Handy passt übrigens auch sein alter Volvo Jahrgang 1957, mit dem er täglich zur Arbeit fährt. Dass sein Fahrzeugpark noch mehrere attraktivere Autos umfasst, erfährt man erst auf nachfragen.

Viele langjährige Mitarbeiter bedeuten in dieser Branche etwas

Rudi Bindella kann man der Spezies «Patron alter Schule» zuordnen. Er umgibt sich gerne mit langjährigen Mitarbeitern, spricht in diesem Zusammenhang von Familie. Er sucht den Kontakt zu seinen Angestellten, hat eine offene Türe und ein offenes Ohr für jeden. Er fühlt sich für sie verantwortlich. Er liebt aber auch den Kontakt zu den Gästen, ist oft in den Restaurants unterwegs. So kann es vorkommen, dass der Vater von vier Söhnen und einer Tochter mit seiner Band «Les Moby Dicks» in einem seiner Betriebe auftritt. Auch dort gibt er unermüdlich den Takt an, der Schlagzeuger Bindella.

Vorläufig gibt er auch im Unternehmen die Stöcke noch nicht aus der Hand. Die nächste Generation ist jedoch bereit, in der anspruchsvollen Gastroszene die Erfolgsgeschichte weiterzuschreiben. Dann kann sich Rudi Bindella noch stärker einer weiteren Leidenschaft widmen – der Gartenarbeit.