Etziken, am Heinz-Frei-Weg: Ein kleines, sanft ansteigendes Weglein führt zum Haus von Heinz Frei, dem vielleicht bekanntesten Rollstuhlsportler der Gegenwart. Frei wuchtet seinen Rollstuhl mit viel Kraft die paar Meter hinauf. «Die Schuhe können Sie anbehalten, ich wechsle meine Räder auch nicht», sagt er drinnen. Der x-fache Olympiagoldträger und zweifache Weltrekordhalter hat auch 2014 wieder zugeschlagen: Im Sommer holte er sich die WM-Goldmedaille im Zeitfahren. Er ist jetzt der älteste Paracycling-Weltmeister aller Zeiten. Was treibt den Etziker an? Und wo liegen die Gefahren des Alters für den Sportbegeisterten?

Heinz Frei, Sie sind 56 und noch immer an der Weltspitze. Ist Ihre Konkurrenz zu schwach?

Heinz Frei: Ich staune ja selbst immer wieder, wie meine Erfolgsgeschichte noch weiter geht. Man könnte das Gefühl haben, dem Frei gelinge es, sein Alter anzuhalten. Aber ich habe mir auch schon überlegt, ob ich meinem Sport einen Gefallen tue, wenn ich in meinem Alter noch vorneweg fahre. Viele fragen sich, wo da die Konkurrenz ist. Aber offenbar habe ich noch die Fitness, um mit der Weltspitze mitzuhalten. Trotzdem muss ich mir die Frage stellen, ob ich den richtigen Zeitpunkt zum Abgang verpasst habe. Ich höre ab und zu: ‹Heinz, wann trittst du endlich zurück, dann könnte ich einen Rang weiter vorne sein›.

Was ist Ihr Erfolgsgeheimnis?

Athleten in Nachbarstaaten haben teils professionellere Rahmenbedingungen. Sie sind vielleicht staatlich berentet und können so mehr trainieren. Dann denke ich, die sollten eigentlich besser sein. Doch dann kann ich beim Wettkampf noch immer mithalten. Ich denke, ich gewinne solche Rennen heute im Kopf und nicht mit der Physis, wo andere mindestens so gut oder besser sind. Es sind die Konzentration, die Freude am Sport und der Enthusiasmus, die zum Erfolg beitragen. Damit kann ich im Wettkampf über mich hinauswachsen.

Ist eine Medaille noch etwas Spezielles für Sie?

Dass ich noch Medaillen gewinne, heisst auch: Ich kämpfe mit Haut und Haaren darum. Speziell wenn man älter wird, gewinnen die Medaillen an Bedeutung, weil sie nicht mehr erwartet werden können. Ich merke: Wenn ich sie hole, wächst der Respekt vor meiner Person und meinen Leistungen.

Haben Sie Angst davor, dass Sie einmal keinen Titel mehr gewinnen können?

Ja, ich habe das auch schon erlebt. Von der WM 2011 kam ich ohne Medaille nach Hause. Da habe ich gedacht: Jetzt ist es Realität, dass nicht mehr immer alles schneller, besser und erfolgreicher wird. Schon 2004 kam ich von den Paralympics in Athen ohne Medaille nach Hause. Da hatte ich bereits mit 46 das Gefühl, das wars. Ich habe mich mit Rücktrittsgedanken befasst. Dieser «Misserfolg» in Athen war auch ein Grund, weshalb ich überhaupt vom Rennrollstuhl zum Handbike gewechselt habe. Ich habe ein Gefährt gesucht, in dem ich mich bequemer bewegen kann, wo ich eine andere Sicht habe. Beim Rennrollstuhl sieht man nur Dolendeckel, Grasbüschel und Asphalt. Das war ein Wechsel mit ungewissem Ausgang.

Sie hatten 1978 ihren Unfall beim Sport, bei einem Berglauf. Hatten Sie danach bewusst auf Sport gesetzt, um sich nach dem Unfall etwas zurückzuholen?

Der Unfall ist 36 Jahre her. Er hat bei mir damals eher die Angst ausgelöst, dass ich vielleicht gar keinen Sport mehr ausüben könnte. Es gab zwar Therapiesport wie Tischtennis, Bogenschiessen und Basketball. Aber den spannenden Sport, den ich mir gewohnt war, gab es nicht. Ich habe zuerst keine Möglichkeit für den Sport gesehen. Aber nur noch im Rollstuhl zu sitzen ohne Bewegung, das war mit meiner sportlichen Vergangenheit fast nicht möglich. Das liess mich suchen und finden: Der erste Schritt war, einem Rollstuhlclub beizutreten. Dort haben mich Kollegen in das ABC des Rollstuhlsports eingeführt. Ich konnte wieder schwitzen und Muskelkater spüren. Ich habe bei einem Kollegen im Keller den ersten Rennrollstuhl gebaut, den wir dann ausprobierten. Das waren Pionieraktivitäten. Im Moment bin ich wohl eines der letzten Überbleibsel der Rollstuhl-Pionierzeit.

Sie haben Ihren Körper so gut wie möglich perfektioniert. War dies auch eine Art Trotzreaktion gegen die Behinderung?

Zuerst konnte ich an diesem neuen Körper keine Freude haben: Zwei Drittel des Körpers spüre ich gar nicht mehr. Ich kann diese Körperteile nicht mehr einsetzen und in gewissen Phasen kommen sie mir sogar in den Weg. Das hat zuerst zu Missmut geführt. Aber der Sport war schliesslich der Schlüssel zum Erfolg, zur Selbstständigkeit und zu meiner Lebensqualität. Ich musste die Grenzen, die mir mein Körper setzt, langsam akzeptieren. Ich habe den Fatalismus zu dem Zeitpunkt verloren, als ich meine Aufmerksamkeit dem Teil des Körpers schenkte, den ich nicht mehr spüre. Ich habe gemerkt: Der Körper bleibt mein Kapital, für alles, was ich tue.

Sie mussten Ihren Körper neu kennen lernen?

Ich muss sehr diszipliniert vorgehen. Ich kann Komplikationen bekommen, weil gewisse Gefahrensignale, die mein Körper aussendet, im Kopf nicht mehr ankommen – Druckstellen etwa oder Verbrennungen und Erfrierungen, wenn ich Langlauf mache. Das musste ich zuerst herausfinden. Und ich musste an meinem neuen Körper zuerst wieder Gefallen finden, auch bevor ich eine gute Beziehung leben konnte. Wenn Probleme mit meinem Körper immer im Vordergrund stünden, dann wäre meine Frau immer zweite Reihe.

Damit Ihr Körper funktioniert, mussten Sie im Kopf arbeiten?

Wenn der Körper nicht mehr mitmacht, macht das auch den Kopf müde. Am Anfang brauchte ich Geduld, weil alles viel länger ging. Doch dann kam wieder Tempo zurück. Am Schluss bin ich dankbar, dass es nur bei einer Paraplegie geblieben ist. Hätte ich im Halswirbelbereich eine Verletzung, könnte ich die Finger nicht benutzen, die Arme wären nicht so ausgebildet, dann wüsste ich nicht, wie ich heute antworten könnte. Ich hätte meine Selbstständigkeit und Lebensbalance wohl nicht gefunden.

Das klingt wie Glück im Unglück. Darf man das sagen oder ist das zynisch?

Nein, nein, überhaupt nicht. Ich spreche auch oft vom Glück im Unglück. Ich konnte wieder in meinen gelernten Beruf als Vermessungszeichner zurück. Ich musste nicht umschulen. Das war Glück im Unglück. Glück im Unglück hatte ich auch, weil mein Elternhaus ein Parterrehaus war. Und ich habe das Privileg, dass ich selbst ein Auto lenken kann. Ich habe diese Selbstständigkeit. Wäre ich Elektrorollstuhlfahrer, wäre ich nie so mobil. Jetzt können wir den Gedanken noch weiter treiben: Was wäre ich ohne diesen Unfall? Wäre ich ein normaler Büezer irgendwo? Das wäre auch spannend gewesen. Aber ich hätte sicher weniger Sporterfolge gehabt, ich hätte die Welt nicht so gesehen. Da können wir x Beispiele nennen, wo ich denke, ich habe privilegierte Situationen vorgefunden. Bekannte kamen aus den Ferien in den USA, Kanada und Südafrika zurück. Sie berichteten von Menschen, die mich dort kennen. Das ist manchmal faszinierend. Es ist sehr gewagt zu sagen ‹dank des Rollstuhlsports› bin ich heute so weit, wie ich bin. Aber vielleicht ist es ‹wegen des Rollstuhlsports›.

Sie hadern nicht mit dem Schicksal?

Nein, ich muss nicht mehr hadern. Klar habe ich noch Erinnerungen an früher. Es fehlt mir manchmal eine gewisse Spontanität. Aber ich habe für viele schöne Sachen, die ich früher konnte, den 100-prozentigen Ersatz gefunden.

Das klingt jetzt so locker.

Ich kann nicht mehr auf eigenen Beinen stehen. Also habe ich mich gefragt, ob ich allenfalls eine Chance habe, mein Leben in die eigenen Hände zu bekommen. Und so habe ich begonnen, meine Werte neu zu definieren. Ich habe mich neu orientiert. Entscheidend ist, dass ich nicht mehr nach links und rechts schielen muss. Ich muss mich nicht mehr fragen: Was hat der, was ich nicht mehr haben kann? Das ist entscheidend. Für mich gibt es heute immer eine Lösung, die spannend ist. Das heisst aber auch, dass ich loslassen muss. Ich muss meine Frau alleine zum Skifahren gehen lassen. Dann habe ich heute meinen Skitag im Langlaufschlitten und wir treffen uns zum Fondue abends wieder. So muss das funktionieren.

Haben Sie sich auch mit Sport abgelenkt?

Solche Situationen gab es definitiv. Sicher schon ganz zu Beginn. Aber ich konnte mich mit dem Sport auch wieder in die Gesellschaft integrieren. Ich ging wie selbstverständlich wieder dienstags und freitags in meinen Turnverein, habe vielleicht einen Match gepfiffen oder in einer Ecke mit Hanteln trainiert. Ich konnte nicht mehr Obertuner werden, was vielleicht das Ziel gewesen wäre, aber ich war zehn Jahre Kassier. Perfekt integriert, aber halt in einer passiveren Rolle. Und ich musste einmal eine Scheidung erleben. Da habe ich mich auch ertappt, wie ich in den Sport geflüchtet bin. Heute flüchte ich zwar nicht in den Sport, aber wie zu Anfangszeiten garantiert mir der Sport Selbstständigkeit, Ausdauer, Gewichtskontrolle und letztendlich Lebensqualität.

Mit 56 haben viele Nicht-Behinderte, etwa Jogger, Probleme. Haben Sie Angst, dass Sie nie mehr Sport machen könnten?

Durchaus. Ich sage immer, ich möchte nicht allzu viel Angst zulassen, weil Angst lähmt. Ich bin genug gelähmt (lacht). Aber ich habe Respekt. Ich habe mich bei einer Studie gemeldet, um anzuschauen, wie die Schulter aussieht. Das war beruhigend. Sie sieht viel besser aus als eine Schulter eines nicht sporttreibenden, rollstuhlfahrenden Mannes. Aber der Respekt ist da: Wenn man älter wird, möchte der Kopf vielleicht noch, aber der Körper kann nicht mehr. Früher konnte ich erwarten, dass ich Rennen gewinnen kann. Heute darf ich noch. Aber es gelingt mir nicht mehr so oft. Es wird nicht mehr besser und schneller. Ich muss mich mit den Realitäten befassen und anfreunden, dass ich irgendwann Breitensportler bin. Ich weiss, dass ich irgendwann vom Spitzensport zurücktreten kann. Das wird mir gelingen, da bin ich im Kopf schon ein wenig parat. Aber ich werde den Sport nicht ganz auf der Seite lassen können.

Ein Leben ohne Sport könnten Sie sich nicht vorstellen?

Nein. Inzwischen ist der Sport ja auch zu meinem Beruf geworden. Ich bin seit 15 Jahren in Nottwil für den Nachwuchssport zuständig. Da bin ich der Götti, der den Steigbügel gibt. Ich engagiere mich beim Para-Team Rio 2016, das ein paar Athleten auf dem Weg nach Rio begleiten will – nicht die Topfavoriten, aber Leute, an die wir glauben. Kern des ganzen Teams ist ein professionell eingerichteter Lastwagen. Da engagiere ich mich gerne.

Sie hatten Kinder, mussten nicht auf eine Familie verzichten. Gibt es Dinge, die Sie vermissen?

Ich könnte schon grübeln. Manchmal würde ich gerne Ski fahren, einem Strand entlangjoggen oder eine schwierige Bergwanderung machen. Ich ertappe mich ab und zu mit solchen Bildern. Aber andererseits war ich von vielem nicht ausgeschlossen. Sogar der Punkt mit Beziehung, Familie und eigenen Kindern hat geklappt. Als ich vor 36 Jahren im Paraplegikerzentrum in Basel lag, da waren wir sechs junge Männer im Zimmer. Eines nachts haben wir diskutiert und beschlossen, die Ärzte zu fragen, ob wir mal Kinder haben könnten. Ohne die Gruppendynamik hätten wir den Mut nicht aufgebracht. Doch dann bekamen wir effektiv zur Antwort: ‹Das wissen wir nicht. Ihr müsst halt probieren.› Dieser Typ hat uns alleine gelassen. Aber die Zeit hat gezeigt, dass selbst mit einer Querschnittlähmung Zeugungsfähigkeit möglich ist, dass das Geschlechtsorgan noch funktioniert, wie ich auch sonst in meinem gelähmten Körperteil Organe habe, die funktionieren müssen. Sonst wäre mein Leben nach der Querschnittlähmung gar nicht möglich gewesen.

Ist diese «Aufklärung» heute besser?

Es gab eine Zeit, wo man Samen abgenommen und tiefgefroren hat, um den Zeitpunkt des Kinderwunsches nicht zu verpassen. Heute hat man neuste Methoden, wo dies nicht mehr nötig ist. Da ist man sehr weit. Das Thema ist heute kein Tabu mehr und wird von Beginn weg sehr seriös thematisiert.

Nervt es Sie, wenn irgendwo «Behindertensportler» statt «Sportler» steht?

Man kann das Wort ‹behindert› grundsätzlich weglassen. Ich fühle mich als normaler Sportler mit einem etwas speziellen, aber gut sichtbaren Sportgerät. Der Rollstuhl ist für mich einfach, was der Schuh für den Läufer ist.

Wenn ein Sportler ohne Behinderung Ihre Erfolge gehabt hätte, müsste er nicht mehr arbeiten.

Das ist so. Es gibt noch grosse Unterschiede. Vielleicht ist es auch ein Glück, dass wir noch nicht auf diesem Hype oben angelangt sind, wo man durchaus im Alltag an Grenzen stossen würde. Aber es ist schön zu sehen, dass rund um den Rollstuhlsport eine Anerkennung stattgefunden hat.

Aber beim Sponsoring gibt es noch Zurückhaltung?

Vor 34 Jahren, am Anfang, hatten wir fast keine Chance. Es war fast verpönt, ausser Mäzenatentum. Da hiess es: Du kannst doch nicht noch mit einem Behinderten Werbung machen. Da ist ein Wandel passiert. Heute kann ich mit Sponsoring ein Parateam aufbauen. Es braucht noch viel Knochenarbeit. Wir erhalten nicht 100 000 Franken von einem Sponsor. Aber über die Summe der Sponsoren können wir etwas generieren.

Wie steht es um die Förderung des Behindertensportes?

Wir haben eine gute Sportförderung, auch dank der Unterstützung der Schweizer Paraplegikervereinigung. Wir haben in Nottwil eine Art Magglingen des Rollstuhlsports mit guter Infrastruktur. So gesehen sind die Rahmenbedingungen nicht schlecht. Wir profitieren von den Vorzügen einer westlichen Welt. Wir finden hier gute Strassen, verkehrsarme Strassen, Radwege. Ich kann vor der Haustüre trainieren.

Gibt es Punkte, wo Sie im Leben noch anstehen?

Es gibt noch Bedarf, wir dürfen nicht auf den Lorbeeren ausruhen. Das darf ich im Sport nicht, solange ich Ziele habe. Und das darf ein Staat nicht. Die Schweiz ist kein Schlaraffenland. Es gibt zwar das Behindertengesetz, das ein grosser Fortschritt war. Aber man hat weitergehende Forderungen auch aus Angst um die finanziellen Folgen abgelehnt. Immerhin: 2023 sollten die Züge rollstuhlgerecht sein. Ich habe da viel Realitätssinn und sage: Es braucht noch etwas Zeit, aber grundsätzlich sind wir auf gutem Weg. Ich verlange nicht alles sofort. Vielleicht habe ich das Pech, dass ich einer Generation angehöre, die einen etwas härteren Weg gehen muss. Aber eine Generation vor mir, da hätte ich vielleicht gar nicht überlebt. Eine Generation nach mir wird dann vielleicht haben, was es heute in Schweden oder den USA gibt, wo die Gesetze sehr weit sind.

Wenn Sie jemanden frisch treffen, müssen Sie Ihre Geschichte erzählen. Stört Sie dies?

Nein. Meine Geschichte war für mich immer auch ein Türöffner. Ich habe das Privileg gehabt, ein Rollstuhlsportler zu sein, der sehr bekannt wurde. Ich konnte dieses Privileg nutzen, um andere Behindertenthemen anzugehen.

Sie haben Rio 2016 angesprochen. Wo sehen Sie sich da?

Es wäre toll, wenn ich dort wäre. Aber ich verfolge das nicht krampfhaft. Das ist vielleicht gerade ein Schlüssel zu meinem Erfolg: Ich muss locker bleiben, das Spiel als Spiel sehen. Und ich muss spüren, dass ich in einem erweiterten Favoritenkreis bin, um nicht als Lachnummer zu gelten. Dann wird es mir gelingen. Wenn aber ein Jüngerer da wäre, der auf meinem Niveau liegt, dann möchte ich diesen gehen lassen. Dann wäre ich vielleicht als Zuschauer oder Coach in Rio.