Witterswil
Rollstühle überzeugen mit Wendigkeit und neuem Design

In Witterswil entstehen jährlich über 10'000 Rollstühle für Kunden rund um den Globus – das rollende Geschäft der Küschall AG.

Daniel Haller
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Heute montieren am 2005 bezogenen Firmensitz in Witterswil 80 Mitarbeitende jährlich über 10'000 Rollstühle.

Heute montieren am 2005 bezogenen Firmensitz in Witterswil 80 Mitarbeitende jährlich über 10'000 Rollstühle.

Kenneth Nars

Eine schreckliche Diagnose: Der 16-jährige Rainer Küschall, nach einem verunglückten Sprung in ein Schwimmbassin Tetraplegiker, werde sich nicht einmal aus eigener Kraft mit dem Rollstuhl fortbewegen können. Doch der junge Mann kämpfte sich mit Sport zurück ins Leben. Dabei stellte er schon bei den ersten Versuchen im Tischtennis fest, dass ihm die Rollstühle viel zu unhandlich waren.

Am Küchentisch begann er im Kleinbasel, für sich und seine Kollegen Rollstühle umzubauen. Er wusste aus eigener Erfahrung, worauf es ankommt, und bald musste er in eine Baracke ausweichen, wo er 1978 seine eigene Firma gründete, mit der er zehn Jahre später nach Allschwil zog.

Heute montieren am 2005 bezogenen Firmensitz in Witterswil 80 Mitarbeitende jährlich über 10'000 Rollstühle. Die Küschall AG ist mittlerweile eine Tochter des amerikanischen Medizinaltechnik-Konzerns Invacare, dessen Aktien an der Wall Street gehandelt werden.

Firmengründer Küschall ist immer noch dabei – als Leiter der Forschungs- und Entwicklungsabteilung. «Wir sind ein modernes Unternehmen», erklärt Geschäftsführer Martin Steegmüller, «und die Firmen-DNA haben wir von Rainer Küschall.»

Ist eine Behinderung kein Hindernis?

Auf den Namen eines solchen Gründers beruft man sich gern: Aus dem Jugendlichen, dem man vorhersagte, er werde sich nicht einmal selbstständig im Rollstuhl fortbewegen können, wurde ein Sportler, der an den Paralympics 21 Medaillen gewann und jahrelang den Rekord im Rollstuhl-Marathon hielt.

Zudem fuhr er als wohl einziger Tetraplegiker mit Rennlizenz Autorennen. Die Gangschaltung bediente er per Saug- und Blas-System in einem Spezialhelm. Motto: «Meine Behinderung hindert mich nicht, das zu tun, was ich möchte.»

Diesem Willen zu Selbstständigkeit ordnete er das Design seiner Rollstühle unter. Überflüssige Rahmenteile lässt man bei Küschall konsequent weg: Jede Neuerung soll die Rollstühle leichter und handhabbarer machen.

«Durch die Gewichtsreduktion muss die Person im Rollstuhl weniger Muskelkraft aufwenden», erklärt Steegmüller. Durch die hohe Präzision der Bauteile und deren Verbindungen seien ein besserer Geradeaus-Lauf und mehr Wendigkeit gegeben.

Dass dabei die Ästhetik nicht zu kurz kommt, zeigt sich daran, dass ein Küschall-Rollstuhl im Museum of Modern Art in New York steht und das Unternehmen mit einer Reihe von Designpreisen ausgezeichnet wurde.

Unter «Design» verstehen die Küschall-Ingenieure nicht zuletzt Details, die man nicht sieht: Ziel ist immer, die Funktion zu verbessern. «Schliesslich ist der Rollstuhl für unsere Kunden das Mittel, ein aktives Leben zu führen. Sie gehen mit ihm zur Arbeit, an den Strand, oder zum Klettern», berichtet Steegmüller.

Auch wenn ursprünglich der Sport Antrieb zur Innovation war: Heute baut man in Witterswil nur noch Rollstühle für den Alltag und Freizeitsport. «Professionelle Sport-Rollstühle wären eine Nische in der Nische», erklärt Steegmüller den unternehmerischen Entscheid.

Doch auch so bleibt ein Rollstuhl ein Hightech-Artikel, dessen Produktion spezifische Anforderungen stellt: Jeder Stuhl der insgesamt neun Modelle wird den Massen, dem Gewicht und den Anforderungen der späteren Nutzer entsprechend individuell montiert.

«Es gibt rund eine Million verschiedener Konfigurationen», erläutert Steegmüller. Diese Variationsbreite stellt hohe Anforderungen an Logistik und Lagerhaltung der Einzel- und Ersatzteile. Letztere muss Küschall rasch liefern können, damit Kunden nicht in ihrer Mobilität eingeschränkt werden.

Im Lager steht jede Box mit Schrauben und anderen Kleinteilen auf einer eigenen Waage, die automatisch eine Nachbestellung auslöst, sobald ein Mindestgewicht unterschritten wird. «Wir müssen unsere Prozesse dauernd optimieren», betont Steegmüller.

Antrieb ist nicht zuletzt der starke Franken. Nach dem Frankenschock vom Januar 2015 brach die Marge vorübergehend ein. «Wir haben anschliessend alle Möglichkeiten genutzt, um schlanker zu werden.

Letztlich hat uns das weitergebracht.» Entlassungen gab es keine. «Rollstuhlbauer ist kein Lehrberuf, denn wir sind in der Schweiz der einzige Produzent von Aktivrollstühlen, die von den Benutzern selbst fortbewegt werden», berichtet Steegmüller. «Deshalb sind wir auf das in Jahren angesammelte Know-how unserer Mitarbeitenden angewiesen.»

Als weiteren Grund für die Treue zum Standort Schweiz und der Region Basel nennt Steegmüller neben der trinationalen Lage die Flexibilität der regionalen Zulieferer. «Viele Unternehmen, die in Billiglohnländer gegangen sind, haben dies bereut, da sie dort ihr Netz neu aufbauen mussten», meint er.

Der Vertrieb bis nach Australien und Neuseeland erfolgt über den lokalen Fachhandel: «Rollstuhlfahrer haben oft ein langjähriges Vertrauensverhältnis zu ihrem Berater vor Ort.» Eigene Niederlassungen hat die Küschall AG hingegen keine. «Dafür greifen wir auf unseren Mutterkonzern zurück. So sind wir ein Schweizer KMU mit der Kraft eines internationalen Konzerns.»