Risiken und Nebenwirkungen
Was spricht eigentlich gegen die Impfung? Kantonsarzt Fenner und 6 Grafiken zur Impfskepsis

Ja, es gibt Geimpfte, die sich dennoch mit dem Coronavirus anstecken, die gar daran sterben. Ja, es kommt zu Nebenwirkungen, manchmal schweren. Doch was spricht wirklich dagegen, sich impfen zu lassen?

Christoph Krummenacher
Drucken
Teilen

Verhüten Sie mit Kondom? Ein Kondom verhindert zu 88-98 Prozent eine Schwangerschaft, je nach Gebrauch. Ebenso gut schützt die Corona-Impfung vor Covid-19. Moderna und Pfizer/Biontech erreichten in den Tests einen Schutz von 95 Prozent. Das heisst: Für Geimpfte besteht weiterhin eine kleine Wahrscheinlichkeit, sich anzustecken – allerdings ist dies etwa gleich wahrscheinlich, wie trotz Kondoms schwanger zu werden.

Wahrscheinlichkeit von Impfdurchbrüchen im Kanton Solothurn

Nach Abermillionen verimpfter Dosen ist zudem klar, dass Impfdurchbrüche erstens vor allem bei Personen vorkommen, deren Immunsystem geschwächt ist. Also etwa bei älteren oder durch Vorerkrankungen belasteten Menschen. Zweitens verläuft Covid-19 bei Impfdurchbrüchen deutlich milder: Betroffene müssen seltener ins Spital und sterben deutlich seltener.

Das zeigen auch die Zahlen im Kanton Solothurn, die dieser Zeitung erstmals vorliegen. Von 145'011 Solothurnerinnen und Solothurnern, die seit Januar geimpft wurden (Stand 17. August), kam es bei 96 Personen zu einem Impfdurchbruch. Das entspricht 0,0662%. Die Grössenverhältnisse werden in der folgenden Grafik deutlich:

Von den 96 Ansteckungen trotz Impfung mussten zwei Personen ins Spital, jedoch keine der beiden auf die Intensivstation, wie Mirjam Andres, Leiterin Kommunikation vom Fachstab Pandemie beim Kanton Solothurn, präzisiert. Beide Personen waren mit Vorerkrankungen belastet und immunsupprimiert. Das bedeutet, dass das Immunsystem medikamentös unterdrückt wird, beispielsweise bei einer Autoimmunerkrankung wie Rheuma oder nach einer Organtransplantation. Bis jetzt musste keine geimpfte Person im Kanton Solothurn auf die Intensivstation oder verstarb an Covid-19.

Impfdurchbrüche schweizweit: 19 Todesfälle trotz Impfung, fast alle über 80 Jahre

Schweizweit zeigt sich ein ähnliches Bild, auch wenn die Zahlen nicht mit jenen aus dem Kanton Solothurn verglichen werden können, da die Datenquelle anders ist. Das BAG meldete Anfang August, dass von den 4'199'690 Menschen, die bis Anfang August vollständig geimpft waren, sich 460 dennoch infizierten (0,01095%). 96 mussten ins Spital (0,002%), 19 verstarben (0,0005%). 18 dieser 19 Verstorbenen waren über 80 Jahre alt, 71 der 96 hospitalisierten Personen waren über 70 Jahre alt.

Weil diese Relationen schwer vorstellbar sind, hier eine Grafik dazu:

Wie wahrscheinlich ist es, sich trotz vollständiger Impfung anzustecken, im Spital zu landen oder zu sterben? Hinweis: Von den 19 Todesfällen waren 18 über 80 Jahre alt.

Wie wahrscheinlich ist es, sich trotz vollständiger Impfung anzustecken, im Spital zu landen oder zu sterben? Hinweis: Von den 19 Todesfällen waren 18 über 80 Jahre alt.

Bild: ckr

Was auffällt: Die Anzahl der Impfdurchbrüche steigt Woche für Woche. Das bedeutet aber nicht, dass die Impfungen weniger wirken.

Einerseits: Immer mehr Menschen sind geimpft. Deshalb steigt die absolute Anzahl Impfdurchbrüche, der relative Anteil jedoch nicht. Von einer immer grösser werdenden Menge geimpfter Menschen steckt sich also ein stets gleicher Anteil an. Kantonsarzt Lukas Fenner erklärt es so:

Prof. Dr. Lukas Fenner, Kantonsarzt Kanton Solothurn.

Prof. Dr. Lukas Fenner, Kantonsarzt Kanton Solothurn.

Hanspeter Bärtschi
«Mit zunehmender Durchimpfung der Bevölkerung ist zu erwarten, dass es vermehrt zu Impfdurchbrüchen kommt.
Zwar wird das Coronavirus primär unter den empfänglichen Personen (also Ungeimpften, Nicht-Genesenen und Kinder/Jugendlichen) zirkulieren, aber bei steigenden Fallzahlen nimmt auch die Wahrscheinlichkeit einer Infektion bei den Geimpften zu.»

Anders gesagt: Wären 100% der Bevölkerung geimpft, kämen Infektionen nur noch unter Geimpften vor.

Andererseits: Über 98 Prozent der Ansteckungen gehen mittlerweile auf das Konto der Delta-Variante. Studien zum Pfizer/Biontech-Impfstoff hatten den Schluss nahegelegt, dass dieser gegen Delta etwas weniger gut wirkt. Lukas Fenner sagt dazu: «Zurzeit gibt es keine Hinweise, dass die Impfwirksamkeit aufgrund der Delta-Variante oder anderer Faktoren abnimmt. Die Impfwirksamkeit unter realen Bedingungen kann aufgrund der Daten von Impfdurchbrüchen und Anzahl geimpfter Personen abgeschätzt werden. Wir planen, dies zukünftig im wöchentlichen Lagebericht auszuweisen.»

In Zukunft, so Fenner weiter, könnten aber auch neue Virusvarianten entstehen und sich verbreiten, die den Immunitätsschutz vollständig umgehen (sogenannte «immunevasive» Varianten). Bei jeder neuen Ansteckung kommt es zu Mutationen. Also: je weniger Ansteckungen, desto weniger Mutationen, desto kleiner die Wahrscheinlichkeit, dass gefährliche Varianten entstehen.

Impfung als Schutz für sich und andere: Nicht alle können sich impfen lassen

Nicht jede Person hat die Möglichkeit, sich durch eine Impfung zu schützen. Diese Menschen sind auf die Solidarität derjenigen angewiesen, welche die Möglichkeit haben, sich zu impfen. Dann sinkt auch ihr Risiko, sich anzustecken. Gerade Menschen mit geschwächtem Immunsystem sind gefährdeter, bei einer Ansteckung einen schweren Verlauf zu haben.

Schweizweit wird die Zahl der Menschen, die wegen Krankheiten, Allergien, Organtransplantationen oder anderer Gründe keine Impfung vertragen, grob auf 100'000-200'000 geschätzt. Im Kanton Solothurn könnten sich 245'048 Personen theoretisch impfen lassen, schätzt das Gesundheitsamt. Von den restlichen 33'592 Personen sind ein Grossteil Kinder unter zwölf Jahren. Den Anteil derjenigen, die sich aus anderen, medizinischen Gründen nicht impfen lassen können, schätzt Kantonsarzt Fenner als «marginal» ein.

Seit kurzem erhalten indes Personen mit einer schwachen Immunantwort nach den ersten beiden Impfdosen eine dritte Dosis. 29 solcher Drittimpfungen wurden bisher im Kanton Solothurn durchgeführt. Dabei handelt sich nicht um Auffrisch- oder «Booster»-Impfungen, betont Mirjam Andres.

«Bei Personen mit schwerer Immundefizienz kann die Antikörperbildung nach vollständiger Impfung mit zwei Impfdosen eingeschränkt sein oder fehlen.
Um diese besonders gefährdeten Personen bestmöglich zu schützen, kann gemäss BAG-Empfehlungen eine dritte Dosis eines mRNA-Impfstoffes in Betracht gezogen werden.»

Die 14 Impfungen wurden ausschliesslich Personen mit schwerer Immundefizienz verabreicht, die für diese Drittimpfung über eine ärztliche Anordnung verfügten, so Andres.

Impfquoten in den Altersgruppen sind sehr unterschiedlich

Experten der Taskforce schätzen, dass eine Impfquote von 80 Prozent erreicht werden muss, um die Pandemie zu stoppen. Sowohl das BAG wie der Kanton Solothurn nehmen nach Ende der Sommerferien einen neuen Anlauf, Menschen vom Nutzen der Impfung zu überzeugen. Erst gut 50 Prozent sind aktuell geimpft.

51,27 Prozent sind im Kanton Solothurn vollständig geimpft, Stand 17. August 2021.

51,27 Prozent sind im Kanton Solothurn vollständig geimpft, Stand 17. August 2021.

Bild: BAG/ckr

Die Impfquote ist stark vom Alter abhängig: je jünger, desto tiefer die Quote. So sind bei den 20- bis 29-Jährigen derzeit nur gut 45 Prozent geimpft, während es bei den über 80-Jährigen gegen 85 Prozent sind.

Jüngere Personen erkranken meist nicht schwer an Corona. Warum sollten sie sich also impfen lassen? «Schwere Krankheitsverläufe sind prozentual bei jungen Menschen tatsächlich seltener», so Kantonsarzt Lukas Fenner.

Kantonsarzt Lukas Fenner.

Kantonsarzt Lukas Fenner.

Hanspeter Bärtschi

«Aber mit steigenden Fallzahlen kann es in absoluten Zahlen trotzdem vermehrt zu schweren Verläufen bei jungen Erwachsenen kommen.» Das gelte auch für Long Covid: das Auftreten von anhaltenden Folgen nach einer Erkrankung, beispielsweise Erschöpfung oder verminderte Leistungsfähigkeit. Auch hier haben Junge gemäss aktuellen Daten wohl eine eher geringe Wahrscheinlichkeit. Doch auch hier gilt: «Je stärker verbreitet das Virus, desto mehr trifft es – in absoluten Zahlen gesehen – auch junge Menschen.»

Für den Solothurner Kantonsarzt gibt es aber ein weiteres wichtiges Argument für junge Erwachsene, sich impfen zu lassen: der Beitrag zur Eindämmung der Pandemie.

«Durch eine Impfung schützt man nicht nur sich selber, sondern auch seine Mitmenschen und reduziert die Weiterverbreitung des Virus. Um weitere Epidemiewellen und deren Auswirkungen auf das Gesundheitspersonal, das Gesundheitssystem, die Gesellschaft und die Wirtschaft zu verhindern, brauchen wir möglichst rasch eine höhere Impfquote.»

Schwere Nebenwirkungen sind sehr selten

Fakt ist: Zwar verspüren viele nach der Impfung Schmerzen an der Einstichstelle, sind kurzzeitig müde oder erleben Fieber oder seltener Schüttelfrost. Zu ernsthaften Nebenwirkungen kommt es allerdings sehr selten. Wie selten, das zeigt die folgende Grafik.

Die Art und Häufigkeit der Nebenwirkungen entspricht dem erwarteten Ausmass, welches in den vorangegangenen Tests und Studien ermittelt worden waren. Diese waren Voraussetzung, dass die Impfstoffe eine Zulassung erhielten. «Die häufigsten in den Zulassungsstudien dokumentierten Nebenwirkungen sind vergleichbar mit jenen nach einer Grippeimpfung», schrieb Swissmedic im Dezember bei der Zulassung. Swissmedic prüft die Sicherheit weiterhin und verlangt von den Herstellern weiterhin, kontinuierliche Informationen über die Sicherheit, Wirksamkeit und Qualität ihres Impfstoffs zu erheben.

Aktuelle Nachrichten